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wie man sie heut' noch hie und da antrifft. Da stand ein ein⸗ stöckiges Häuschen, hinten ein Gärtchen mit einem Dornzaun darum, von wegen dem zwei- und vierfüßigen Gethier, und vorn ein Höfchen, in dem die Mahlbauern mit Ach und Krach ihr Fuhrwerk umwenden konnten, und in dessen Mitte aus einem just nicht wie kölnisches Wasser duftenden See der Dunghaufen gleich einer Insel der Seligen auftauchte, auf der die Hühner und Tauben ihre Tage in ungetrübter Wonne verlebten, während die Wappenthiere der Mühle— ein Dutzend Enten— voll aufgeblasenen Stolzes die syrupfarbige Pfütze ringsum durchschnatterten. Links standen die mehr als bescheidenen Oekonomieräume, und rechts, an das Wohnhaus angeklebt, die eigentliche Mühle, in der verschämt und demüthig, wie ein zerknirschter Bösewicht, das Rad des einzigen Gängleins sich drehte.——
Es war an einem Novemberabend des Jahres 1792 und draußen ein Wetter, daß man keinen Hund, viel weniger einen Gensdarm hinausgejagt hätte. Ein eiskalter Nordost wirbelte die Schneeflocken in der Luft herum, daß man die Hand vor den Augen nicht sah, und die uralten Pappeln und Erlen, die um die Mühle standen, seufzten und knarrten, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Drin in der Mühle sah es desto behaglicher aus.
Da lag der Entenmüller in seinem Sorgensessel, die Brille auf der Nase, die dampfende Ulmerpfeife im Munde und buͤchstabirte das Wochenblatt. An dem massiven Tisch saß die Entenmüllerin, vor sich eine große Schüssel voll Linsen, die sie bedächtig auslas, während zu ihren Füßen ein etwa sechsjähriger Bube mit Türk, dem Haus- und Hofhund, sich herumneckte; auf der andern Seite lehnte die alte Annemarie nickend am Spinnrad und riß nur von Zeit zu Zeit die Augen weit auf, um sie dann gleich wieder träg zuschnappen zu lassen. Es war übrigens der Annemarie kaum zu verargen; es war so still in der Stube, die alte Kuckucksuhr tickte so eintönig in ihrem schwarzgeräucherten Kasten und das Mühlrad klapperte so ewig und einerlei die alte Weise, daß Einem, so zu sagen, von selber die Augen zufallen mußten. Plötzlich räusperte sich der Entenmüller dreimal.
Die Annemarie fuhr rasch auf; auch die Entenmüllerin wandte halb den Kopf herum. Das dreimalige feierliche Räuspern war allen wohlbekannt; es bedeutete, daß der Entenmüͤller etwas zu sagen habe.—
„Hat sie den Säuen gehörig Stroh eingestreut?“ wandte er sich, die Brille emporrückend, an Annemarie.
„Ich hab' zwei tüchtige Aerm' voll hineingeschmissen,“ war die Antwort.
„'s ist recht so, lieber zu viel, als zu wenig— die Franzosen haben auch wieder drunten im Niederland eine Bataille gewonnen;“ setzte er ganz in demselben Tone bei.
„Gegen wen?“ fragte seine Frau, neugierig aufhorschend.
„Die Kaiserlichen,“ brummte er lakonisch, und die Brille herunter— ziehend, vertiefte er sich wieder in sein Wochenblatt.
„Wenn die Welschen nur nicht zu uns kommen— ach, du lieber, allmächtiger Gott!“ ächzte die Müllerin.
„Ach, Herr Jeses!“ krächzte die Annemarie..
Es war wiederum still in der Stube geworden.
Der Müller hatte die Zeitung zusammengefaltet und blies, mit den Fingern auf der Sessellehne trommelnd, gewaltige Dampf— wolken von sich weg. Seine Frau schien ebenfalls an einem an⸗ haltenden Gedanken zu laboriren und nur die Annemarie nickte wieder, in seliger Vergessenheit der Welschen wie der Kaiserlichen, hinter dem Tisch. f
Auf einmal donnern drei Schläge an das Hofthor wie ein tausendfach verstärktes Räuspern des Entenmüllers! Türk springt knurrend gegen die Thür; mit einem gellenden Schrei windet sich Annemarie aus den Armen des Mohngottes, auch die Müllerin flüstert ein hastiges:„Heilige Mutter Gottes!“ Nur der Enten müller blieb ruhig sitzen.
„Wer kann das sein, Andres?“— meinte sie endlich.
„Weiß nit,“ antwortete er, nach der Mütze greifend, und verließ, von Türk begleitet, die Stube.
Den Hund an sich lockend, schob er behutsam den Riegel zurück. Er war zwar ein beherzter Mann, der Entenmüller, aber es war damals eine bitterböse Zeit, dazu noch Nacht und die Mühle ab— gelegen. Den Kopf vorbeugend, sah er sich nach dem Störenfried um, doch der war weder zu sehen noch zu hören. Nur der Schnee
wirbelte stöbernd über die Felder, und die Pappeln und Erlen ächzten wie klagende Geisterstimmen. Schon wollte er mißmuthig das Thor wieder schließen, als er
zu seinen Füßen im Schnee einen dunkeln Gegenstand bemerkte, den
Türk schnuppernd beroch. Er bog sich vorsichtig nieder: es war ein Korb, ein gewöhnlicher Weidenkorb, mit einem Pelz bedeckt.
„Was soll da drin sein?!“ dachte der Entenmüller; dann ließ
er, seiner Lieblingszahl getreu, seine mächtige Stimme dreimal in
die tobende Sturmnacht hinausdringen.— Keine Antwort— Alles
blieb still.
Den Korb nehmend, verriegelte er das Thor und kehrte in die Stube zurück.
„Was bringst Du denn da?“ rief ihm seine Frau gespannt entgegen.
„Weiß selbst nit;“ und er stellte seine Bürde auf den Tisch und zog den Pelz weg.
Auf einem Genist von allerlei Lumpen und Lappen lag ein Kind, von der Kälte halb erstarrt; es mochte zwei Jahre alt sein. Seine blauen Lippen und wachsbleichen Wangen, sowie die dunklen Ringe um die eingefallenen Augen ließen glauben, daß es bereits erfroren sei. Die Frau stieß einen leisen Schrei aus und selbst der starke Müller fuhr überrascht zurück.
„'s ist todt!“ rief sie erschrocken.
„'s lebt,“ gegenredete er, die Hand auf das Herz des Kindes legend;„mach' Milch warm und sorg' für ein Bett.“
„Was wollen wir denn aber mit dem Kinde anfangen?“ fragte die Frau ängstlich, nachdem ihr erster Schreck vorüber war.
„Weiß noch nit; zuerst wollen wir einmal das Würmchen wieder lebendig machen,“ meinte er, das Kind sorgsam entkleidend.
„Und hernach?“ forschte sie hartnäckig weiter.
„Kommt Zeit, kommt Rath!“ schnitt er kurzweg ab.
Mißmuthig trat die Frau an den Korb zurück, den Inhalt desselben Stück um Stück herausnehmend.
„Etwas Extra's ist's nit; nix wie alte Lumpen und der Pelz“ — sie hielt ihn prüfend gegen das Licht—„er hat auch schon seine besten Haare verloren!“ N
„Ein Grafenkind wird's freilich nit sein;“ brummte der philo⸗ sophische Entenmüller,„aber doch ist's auch kein Heidenkind— guck!“ und er hielt ihr ein kleines Kreuz von Messing entgegen, das an einer schwarzen Schnur um des Kindes Hals hing.
„Gott Lob und Dank!“ rief die Müllerin, fromm sich bekreuzigend.
„Schau her, Andres!“ stieß sie hell heraus;„da hat ein Papier dabei gelegen.“
Der Entenmüller hielt es an's Licht, dann setzte er bedächtig die Brille auf die Nase. Es war ein schmutziges Blatt und ent— hielt, von zitternder Hand geschrieben, nichts als die Worte:„Er— barmet Euch meines Kindes um Gottes Willen!“
Große Flecken— vielleicht Thränen— hatten die Schriftzüge fast unleserlich gemacht. Der Entenmüller stand lange am Tisch, bald das Papier, bald das noch immer leblose Kind betrachtend.
„Wie wollen wir's denn machen, Andres?“ unterbrach die Frau zuletzt das Stillschweigen.
„Wir müssen ihm wieder Milch eingeben,“ lenkte er ab.
Diesmal schien der unterbrochene Lebensstrom seinen Kreislauf wieder beginnen zu wollen, sich streckend blickte der Findling verwundert um sich, dann brach er in ein kräftiges Weinen aus.„'s war die höchste Zeit,“ meinte der Entenmüller, das Kind in seinen Armen wiegend.
„Ein schönes Kind ist's,“ gestand seine Frau, den neuen An⸗ kömmling musternd.
Und es war wirklich ein schönes Kind.
Sein seidenweiches, goldenes Haar und die großen tiefblauen Augen hätten jeden Andern als die ehrlichen Müllersleute an die wundersamen Engelköpfe der altdeutschen Maler erinnert.
„So, jetzt braucht's Ruh'— willst Du's zu Dir nehmen!“ Der Entenmüller sah sein Weib stillforschend an.
„Aber, Andres,“ fuhr sie auf; sie wollte gewiß etwas Hartes sagen.
„Halt ein, Mutter!“ Der Müller rief's ängstlich und seine Augen nahmen urplötzlich einen traurigen Ausdruck an. Er gri rasch auf das Gestell über dem Ofen und brachte die Bibel herunter. Eine Weile darin blätternd, richtete er einen langen, festen Blick auf seine Frau, dann las er mit bewegter, tief ausdrucksvoller Stimme:
„Ich bin hungrig gewesen, und Ihr habt mich nicht gespeiset,
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