Ausgabe 
20.11.1887
 
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371.

Brief ein und erzählte von Ehrstein und von dem entzückenden Plane, mit der Mutter in derHeimath zu leben.

Welche Gefühle bestürmten das Herz Valerie's! Wohl wehte mitunter ein eigenthümlich nüchterner Hauch sie aus Maria's Briefe an, besonders, wie sie den Verlobten schilderte, aber Alles in Allem war doch diese Nachricht so überaus befriedigend, daß die Baronin gern die Augen verschloß gegen diesen Mangel an Liebe, welcher ihr, so sehr sie sich auch dagegen sträubte, auffiel.

Maria verlobt mit dem reichsten Mann der Provinz!

Diese Nachricht war freilich genügend, die Festfeier des Abends zu einer ganz besonders angeregten zu machen. Noch hatte keiner der Herren Baronin Valerie jemals so hübsch, so heiter und so ganz die große Dame gesehen; sie hatte eine festliche Toilette ge. macht, der Baron ließ den Schlitten anspannen, umwohl oder übel die Familie des Pastors herüber zu holen. Der geistliche Herr blieb daheim bei seiner Predigt, aber er schickte Frau und Tochter, den von der Universität in die Ferien gekommenen Sohn und dessen Freund.

Das brachte gleich Jugend und frisches Leben; die Lichter des Tannenbaums brannten mit dem Kronleuchter um die Wette; das ganze Wirthschaftsgesinde und im Schlosse die sehr zusammen⸗ geschmolzene Dienerschaft bekamen einen Extrapunsch, und drinnen im Salon wurde der Name der glücklichen Braut mit fröhlichem Becherklang gefeiert.

Unter dem Eindrucke ihrer eigenen Freude und des so un⸗ erwartet heiter verlebten Weihnachtsabends schrieb dann Frau Valerie andern Tags einen bogenlangen Brief an Maria; seit Jahren hatte sie nicht einen freudigen Blick in die Zukunft gethan,jetzt ist mir, hieß es in ihrem Briefe,als sei ich in Sturm und dichtem Nebel mühsam und steil bergan geklommen, jede Minute mir be⸗ wußt der ringsum drohenden Abgründe, und urplötzlich sind die Wolken geschwunden, ich stehe in hellem, fast blendenden Licht und sehe vor mir den Sonnenschein der Zukunft meines geliebten Kindes!

Und indem sie Maria dann in wahrer Inbrunst immer wieder dankte, daß sieden Bann von ihr genommen und daß sie später nicht mehr das Gnadenbrot der so oft mißbrauchten gütigen Ver⸗ wandten essen müßten, schrieb sie auch über die Vergangenheit ihres eigenen Herzens und schilderte Maria in beredter Weise, daß nicht die thörichte Romanliebe eines jungen Herzens allein der Weg zum Glücke sei, wie ihr eigenes Schicksal beweise, sondern daß ein ruhiges, festes Pflichtgefühl, ein offenes, liebevolles Auge für das Wesen des Lebensgefährten und der thatkräftige Wille, glücklich zu machen eine bessere Garantie für das Glück sei.

Es war ein langer Brief und Maria empfing und las ihn mit dem Eifer einer Dürstenden, der man eine Labung reicht. Die Mutter billigte ihren Schritt, die Mutter war glücklich, das gab ihr ihre Haltung wieder.

8 Denn sonderbar, sie fühlte sich plötzlich so unsicher, schwan⸗ kend und ruhelos!

Sie hatte das Rechte gethan, das sagte sie sich fleißig alle Tage vor; aber dennoch fehlte ihr die innere Befriedigung! Die Herzensbangigkeit trieb Maria mehr in den Kreis der Verwandten als sonst und es erleichterte sie weder, noch erfreute es sie, sich jetzt in demselben Maße von Gräfin Paula berücksichtigt zu sehen, in welchem sie bisher vernachlässigt worden war.

Wir haben eben einen guten Gedanken gehabt, meine liebe Maria sagte diese unter Anderem, indem sie dieselbe küßte, was in diesen Tagen sehr oft geschahDu sollst den blauen Salon jetzt bewohnen; es hat mir leid genug gethan, Dich für den Anfang so unbehaglich quartieren zu müssen!

Und dann setzte sie der peinlich Erröthenden auseinander, daß und wie sich Alles jetzt sehr gut einrichten lasse. Elma bekomme das Rosenstübchen(nach der Tapete so genannt), Helo solle das grüne Kabinet haben und die von ihr und Maria bewohnten Stuben sollten neu dekorirt zu Fremdenzimmern dienen.

Seit Maria die Braut des reichen Mannes war, hatte sie in Tante Paula's Augen eine Distinction, welche es derselben nicht schwer machten, ihr jede Auszeichnung zu Theil werden zu lassen.

Elma hat es mit Totzenbach gleich zu Anfang verdorben, sagte sie seufzend zu ihrer Intima Lautenberg,nun ist's immerhin gut,

daß Maria ihn bekommt, man placirt das Mädchen damit auf's Beste und hat seine Pflicht gegen sie gethan.

Ja wohl, liebe Paula, und Ihren Töchtern können seine aus⸗ gezeichneten Bekanntschaften immer nützlich werden! Das muß man Lätitia lassen, was sie übernimmt, das führt sie auch mit Energie durch! erwiderte die liebe gute Lautenberg, die es nie lassen konnte die Kralle aus dem Sammetpfötchen hervor zu strecken, wenn sich eine passende Gelegenheit bot.

So verging das Weihnachtsfest und Maria, mit Geschenken und Aufmerksamkeiten überhäuft jetzt stets behandelt als umgebe sie eine Glorie, hatte sich um so weniger über etwas zu beklagen, als die Korrespondenz mit ihrer Muter ihr wahrste Freude brachte und noch mehr, weil Totzenbach mit unendlicher Zartheit und Liebens⸗ würdigkeit sie in seinen Briefen zu einer fast schwindelnden Höhe erhob, zu welcher er nur in Demuth und scheuer, glühender Liebe aufsah.

Dieser Briefwechsel mit dem Verlobten gewährte Maria einen immer lebhafteren Reiz. Nicht nur schmeichelte seine ritterliche Verehrung dem in seinem Selbstgefühl seit Monaten so tief ver⸗ letzten stolzen Mädchen in einem höheren Grade noch, als es selbst sich klar machte, sondern der Baron schrieb auch mit der fesselnden Hingebung, die seinen Schilderungen Leben und Wahrheit verlieh.

Maria wurde die Heilige, der er jede geheimste Regung seiner Seele berichtete und welcher er das warme edle Herz aufschloß, es mit allen Vorurtheilen und Schwächen enthüllte, der er seine Zu kunftspläne, seinen Ehrgeiz rückhaltlos eingestand.

Dann wieder schilderte er ihr wie ein Maler seine Mutter, das Krankenzimmer, das ganze Schloß, die nächste Bedienung, kurz, Alles, was ihn beruͤhrte, und da er schrieb, wie er dachte und empfand, lag der Reiz der Originalität über diesen Darstellungen.

Ein anderes Mal ging er ein auf Maria's Gedanken und Empfindungen, die sie, fortgerissen von dem wunderbaren Zauber dieser Korrespondenz und der ihr aus seinen Briefen entgegentretenden kraftvollen Persönlichkeit, auch ihm enthüllte. Er widersprach ihr dann oft, legte seine Ansichten und Gründe dar und wenn sie sagte: Ich finde ich glaube so antwortete erDas 1 oderSo muß es sein.

Man lächelte und neckte sie wegen dieser immer lebhafter werdenden Korrespondenz. Sie ließ es erröthend geschehen und fühlte sich nach und nach immer glücklicher an ihrem Schreibtische und immer einsamer zwischen den Menschen, welche sie umgaben.

Warum? Wo war Lornow?

Immer von Neuem blitzte diese Frage in ihr auf aber sie wagte nicht sie auszusprechen und wies sie jedes Mal mit einer Art zorniger Energie von sich, ohne verhindern zu können, daß eines Morgens ihr erster Gedanke war: Er ist verschwunden seit jenem Tage, da ich Totzenbachs Bouquet bekam! Und wie sie sich auch dagegen stemmte, sie trug in ihrer Seele diese Frage mit sich fort, die zuweilen einschlummerte und dann plötzlich wie mit einem Auf⸗ schrei in ihr erwachte: Wo ist er?

Einen inneren Kampf hatte sie deshalb nicht zu bestehen. Sie war mit sich im Reinen, fühlte sich klar und ruhig; aber diese Frage war da und wich nicht.

Sie saßen eines Abends am Theetisch, Elma glühend, funkelnd, reizend wie immer, und ihrem Styl gemäß auch a la Roccoco gekleidet. Die Komtesse hatte heute keine leichte Aufgabe.

Zwei von ihr bevorzugte Anbeter, beide reich und vornehm, saßen neben ihr und überwachten reizbar jede etwaige Gunst, jedes Lächeln, welches sie dem Andern spenden könnte.

Sie war entschlossen, den Einen von Beiden zu heirathen, aber sie liebte es, die Goldfische an ihrer Angel zu haben und wollte sich ihrerseits noch für eine Weile den Genuß dieses Spiels erhalten.

Vergeblich hatte Gräfin Paula gewarnt; ihr blieb nichts übrig, als mit geheimer Angst der Tochter zu sekundiren, sie zu schützen und zu decken, wenn sie es gar zu unvorsichtig trieb und mit schreckens⸗ vollem Blick sah die Mutter in den Mienen beider Herren, daß Elma's Spiel von ihnen durchschaut wurde.

Ein dritter Gast trat zum Glück ein, ein junger Beamter im Ministerium, den ein Auftrag seines Chefs vor Kurzem nach Brüssel geführt und der dem Gespräch eine andere Wendung gab, Gott sei Dank.

Und was meinen Sie, meine Herrschaften, wen ich dort traf? erzählte er, nachdem er Platz genommen und sich mit Thee versorgt

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