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hatte, sobald man ihn mit neckenden Fragen über seine„geheimniß⸗ volle Mission“ in Ruhe ließ.
„Nun?— Den Kaiser von China? Ihre erste Liebe?“
„Nein, nein, keins von Beiden, aber unsern Freund Lornow, der neulich so geheimnißvoll verschwand.“
„In Brüssel?“ rief man überrascht.
„Und was thut er da?“—
„Er macht Cour— wie überall!“ erwiderte der junge Diplomat mit einem feinen malitiösen Lächeln.
„Cour? Weiter nichts? Ich denke, er klettert mindestens an der Himmelsleiter hinauf!“ lachte Komtesse Elma mit einem sehr ärgerlichen Erröthen.
„Lachen Sie nicht, Komtesse,“— sagte ihr Nachbar zur Rechten ernst und mit Betonung,—„Lornow ist nicht, was man einen Schmetterling nennt, er hat ein Herz und, daß ihm etwas geschehen ist in den letzten Tagen seines Hierseins, das habe ich klar erkannt.“
„Wieso?“ fragte sein Nebenbuhler.
„Er begegnete mir und pfiff leise vor sich hin;— als ich aber mit ihm plaudernd ihm in's Auge und in das verstörte Gesicht sah, erschrak ich. Andern Tags hörte ich, er sei verreist. Ich reimte mir das Verschen gleich!“
„Ah! ah! Und Sie fragten ihn nicht—?
„Wie konnt' ich?— Wo still ein Herz in Liebe glüht.“—
„Ja, so wird es sein!“ lachte der Diplomat:
„Und manches, das sich blutend schloß, „Schrie laut nach Luft in seiner Noth!—“
„Jetzt begreife ich Alles, was mir in Brüssel unverständlich war.— Uebrigens quetschte er mich aus nach Neuigkeiten wie eine Citrone.“
Unwillkürlich flog Maria's Blick nach Onno hinüber, während Alle den Erzähler ansahen und sich lebhaft für seine Berichte interessirten.
Ihr war, als gehe ein dumpfer Schmerz durch ihre Seele. Aber sie hatte keine Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen, denn Onno und Helo, sich ganz unbeachtet glaubend, tauschten in aller Eile einen zärtlichen Liebesblick.—
Und diesen Blick fing Maria auf und jene Beiden sahen, daß sie sich verrathen hatten.
Wer von den Dreien am meisten erschrocken war, war kaum zu sagen.
Maria wurde mit einem Schlage Alles klar. Helos Ent⸗ fremdung, Onnos Interesselosigkeit für sie; sein steter Mangel an Zeit; sein überhaupt so ganz verändertes Wesen gegen sie. Und dabei sagte sie sich sofort:„Wie wird Onkel Bolko erzürnt sein! Seine Helo! Und Onno hat keinen Groschen und wir sind ihm so viel Dank schuldig.“—
Eben in diesem Augenblicke trat Graf Bolko ein, und unter der allgemeinen Begrüßung entging die Befangenheit des ertappten Liebespaares und Helos Schrecken der Beachtung.
Der Graf war in einer seltenen Behaglichkeit; ein großer Er⸗ folg nach schwerer Anstrengung gab ihm, wie er selbst glaubte, ein Recht, einmal„Mensch“ und Familienvater zu sein.
Man erzählte ihm sofort von Lornow, war dieser doch in der Gesellschaft als einer der„Sterne“ schmerzlich vermißt worden.
Der Graf hörte interessirt zu. Er hatte Lornow gern, und ohne daß er es wußte, flog sein Blick zu Elma hinüber; sehnte er sich doch im geheimsten Herzen danach, daß ein braver, energischer Mann seine Aelteste in befriedigender Ehe aus ihrem leeren Ge— sellschaftstreiben in richtigere Bahnen lenke. Im Stillen hatte er sich Lornow zum Schwiegersohn gewünscht und sondirend sagte er in seiner gewichtigen Weise:
„Vielleicht ist eine Heirath im Werke— man sprach von einer jungen schönen Engländerin—“
„Ah, Herr Graf meinen Lady Bloomfield? Nein, von ihr war nicht die Rede, Lornows Verehrung galt einer bekannten Schönheit, der Marquise—, ah, wie hieß sie doch? Ich finde den Namen nicht mehr!“ Und die Herren sahen sich heimlich verstehend an.
Maria fühlte mehr, als daß sie sah, wie sie lächelten und die Achseln zuckten und wie der Diplomat etwas flüsterte von beauté du diable.
Sie wandte sich ab. Ihr wurde kalt dabei und als sie am Kamin stand, kam Onno zu ihr und flüsterte:„Du solltest es in diesen Tagen doch erfahren, Maria, sei mir nicht boͤse!“
„Ach, Onno, Onno, was wird der Onkel sagen! Sein Liebling!
Er und die Tante haben für Helo ganz andere Hoffnungen und 1
Pläne! Und wir find arm wie Hiob!“ flüsterte sie sehr traurig zurück.
Ihr war zu Muthe, als sei plötzlich etwas in ihr in Scherben gegangen; sie wollte sich einreden, es sei Onnos Verrath am Onkel, der sie so trostlos mache.
„Das ist ja grade das Unglück, Maria,“ flüsterte Onno, der nur an sich in dieser Minute dachte, zurück.„Es ist gekommen, — ich weiß selbst nicht wie;— wir lieben uns eben und nichts in der Welt kann uns trennen.“
Maria sah, wie Helos bittender Blick an ihr hing. Und doch fühlte sie sich in dieser Minute ungerührt;— Liebe? Unvernunft war es! Wer darf immer seinem Herzen allein folgen!
So fand Onno nicht die weiche Vergebung und Theilnahme, die er gehofft, sondern sie sagte vorwurfsvoll:
„Du hast nur an Dich gedacht, Onno. Daß Du Helo an Dein Schicksal kettest, daß die Dürftigkeit Euch anstarrt, wenn Onkel Bolko nach allen Opfern für uns Euch seine Einwilligung versagt, das weißt Du. Und außerdem, er ist ja doch auch kein Krösus, und die Tante soll so viel Schulden gemacht haben. Er ahnt das noch nicht einmal, aber die Baronin Lautenberg hat es mir zugeflüstert. Großer Gott, der arme Onkel! Und zum Dank für Alles, was er an uns gethan, nimmst Du ihm seinen besten Schatz, verleitest Helo, den Vater zu betrügen.“
„Du bist sehr streng, Maria. Nicht Jeder ist so glücklich, mehr Verstand als Herz zu haben,“ erwiderte ihr Bruder mit zitternden Lippen. Er war blaß geworden.
„Man muß sich zum Rechten zwingen, wenn man es nicht aus Neigung thun kann. Du warst dem Onkel Dank schuldig,“ sagte sie herbe.
„Aber, Maria, wenn Lätitia mir ihr Vermögen hinterläßt und sie hat es mir gesagt.“ Er, der sonst leicht Heftige, war ganz zerknirscht.
„Lätitia? Wenn sie erfährt, daß Du Helo liebst, die Tochter
Paulas, so enterbt sie Dich,“ rief Maria, ganz entsetzt von diesem
neuen Gedanken.
„Nun? Was tuschelt Ihr denn da, Ihr Beiden?“ rief Gräfin 5
Paula freundlich herüber.
Sie mußten an den Tisch zurück, Beide ganz hingenommen von der geheimen Aufregung.
Maria fuhr mit der Hand nach der Stirn und sagte ent schuldigend etwas von Kopfweh.
Dabei blitzte der altmodische Ring an ihrer Hand in wunder⸗ vollem vielfarbigen Feuer.
Graf Bolko sah dies und sagte, Maria's Hand nehmend:„Welch köstlicher Solitair, den sah ich ja noch nie.“ Und plötzlich fiel ihm ein, daß seine Frau ihm erzählt, Totzenbach habe Marie den Erbring der Bräute seines Hauses geschickt. Er ließ lächelnd ihre Hand los und streichelte ihr vergnügt die heißerröthenden Wangen.
Die Andern lächelten auch verstohlen und dann sprach man von allerlei andern Dingen, auch davon, daß sich ein reicher Fabrikherr aus Westfalen um Henriette von Ohlau bewerbe.
„Nun, Onno? Und ich hörte, Du ständest dort auf dem Plan?“ neckte Graf Bolko.
Onno von Hooglander sah sehr verwirrt aus.— Der Graf
aber, feinfühlend das Thema verändernd, sprach weiter, fragte Onno und Helo, ob sie noch immer den Eissport so eifrig trieben und rief dann sein geliebtes Kind an seine Seite.
„Komm her, mein kleiner Schatz, ich habe Dich seit Tagen nicht an meiner Seite gehabt;— Ihr Mädchen, laßt es wohl umgehen, den Papa ein bischen zu kajoliren? In letzter Zeit hat Elma mich verzogen und Du bist ein kleines unartiges Ding gewesen— immer auf dem Eise!— Solch ein Kind mit vollen siebenzehn Jahren!“
Helo kamen heiße Reuethränen in die Augen, aber der glückliche Familienvater sah sie nicht, dann sprang sie auf, ihm eine feine Cigarre zu holen, die er allein das Vorrecht genoß im Salon seiner Gattin zu rauchen.
Maria fühlte sich in einem wahren Wirbel von unruhigen Ge⸗ danken! Dennoch mußte sie sich beherrschen und dies Muß, unter dem sie sich fühlte, war, sie wußte es, eine Wohlthat.
(Fortsetzung folat.)


