Ausgabe 
20.11.1887
 
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Anzahl bester Briefbogen und Couverts, welche die Maipeter erst eben aus der Stadt geholt.

Das machte Maria einen Augenblick stutzig, aber dann raffte sie sich auf, setzte sich und schrieb mit fester Hand ihr Ja⸗ wort. Und indem sie schrieb, kamen seine herzlichen Worte ihr von Neuem in den Sinn, und die Freude und Dankbarkeit, ihn liebenswerther darin zu finden, als er ihr bisher erschienen war, führten ihr ebenfalls wärmere Gefühle und freundliche Gedanken in die Feder.

Sie sagte ihm offen, warmen Ton glücklich mache, dem Vertrauen seiner Mutter zu ihres Lebens sein lassen wolle.

Und während sie am Schluß sich seine Maria nannte, rief in ihr eine Stimme laut und deutlich: Nun darfst Du nie mehr an einen Andern denken! und der Andere hieß für sie: Lornow. Zugleich aber sagte dieselbe Stimme tröstend zu ihr: Du wirst reich, Du kannst Deine Mutter, Onno, den Vater glücklich machen!

So siegelte sie den Brief und legte ihn in Lätitia's Hand, die so rechtzeitig wieder eintrat, daß es beinahe scheinen konnte, als habe sie Augen, welche durch die geschlossene Thür drangen.

Und nun will ich Mama schreiben, das war Maria's nächster Gedanke.

Die Tante gab ihr voll Freude den Rath, dies ebenfalls bei ihr zu thun, und in einem bogenlangen Briefe schrieb sich Maria in eine innerliche Gehobenheit und Befriedigung hinein, wie sie dieselbe vor wenigen Stunden noch gar nicht für möglich gehalten.

Zum Weihnachtsabend, geliebteste Mama, bekommt Ihr diesen Brief! Ihr werdet ihn sehr einsam verleben, aber er wird Euch glücklich machen und Dir, Du Theure, das Bild einer Zukunft

zeigen, in welcher wir uns nicht mehr zu trennen brauchen.

daß sein Brief sie eben durch den herz. daß sie ihm dankbar sei und daß sie entsprechen den höchsten Zweck

Der Weihnachtsabend auf Schloß Gißra verlief keineswegs so einsam, wie Maria sich gedacht.

Ein Mann, wie Baron Hooglander, hat immer Freunde an der Hand, deren Glücksumstände sich mit Fortuna's Lächeln ver⸗ ändern und die, nachdem sie heute ungezaͤhlte Geldrollen verspielt, froh sind, morgen bei einem ihrer Gefährten einen Unterschlupf zu finden.

Gißra lag zwar am Ende der Welt, aber es fand sich doch ein invalid gewordener Hauptmann Zolkowsky, der das Erbe seiner reichen Eltern glücklich in wenigen Jahren verspielt hatte und nun auf das eines gichtischen Großonkels wartete, er war bereit, seinem braven Hooglander Gesellschaft zu leisten, wie es einem treuen Kameraden geziemt.

Zugleich meldete sich auch Herr Belo, der Sohn eines bedeu⸗ tenden Fabrikanten, für den Winter auf Gißra an. Das Un⸗ glück habe ihn in Monte Carlo verfolgt, schrieb er, und Papa wolle vor der Hand nichts mehr von ihm wissen. Da habe er demselben mitgetheilt, daß er in die weite Welt ginge; er werde auf Gißra Station machen und seine Briefe einstweilen von Kamerun aus datiren.

Die Baronin versuchte noch einmal einen Einwand. Be⸗ treffs der Schulden, die sie kürzlich erst entdeckt und wegen derer sie Onno geschrieben, war bis jetzt nichts geschehen.

Onno's Antwort auf ihren Brief war wenig tröstlich gewesen, Lätitia hatte ihre Hilfe entschieden versagt. Dagegen theilte er ihr ausführlich die Unterredung mit Mentink mit und bat sie um allerlei Auskunft über seines Vaters damalige Geldgeschäfte.

Diese aber direkt von ihrem Gatten zu fordern, wäre der sicherste Weg gewesen, denselben zu eigensinnigstem Widerstande zu reizen. Er hatte das Mittel, sich gegen jede Verantwortlichkeit ablehnend zu verhalten, jede geschäftliche Befähigung entschieden zu leugnen, zu vortheilhaft gefunden, um darauf jemals wieder zu verzichten. Alles, was ihn an seine Schulden oder sonstige Pflichten und damit an seine jetzige Lage erinnerte, reizte und kränkte ihn; die schwache, ganz vernichtete Gattin durfte nur gelegentliche und mög- lichst verdeckte Fragen wagen. Geübt in dieser List, hätte sie ihn leicht ins Erzählen gebracht, aber da war der liebenswürdige Herr Belo, der sie in demüthiger Verehrung anschwärmte und sie in seiner wirklich aufrichtigen Bewunderung oft stundenlang nicht

verließ, ihrem Manne den ganzen Tag Baccarat spielen wollte, da sie glück⸗ licherweise alle Drei kein Geld hatten für einordentliches kleines Jeu! Und diese Hausgenossen ließen sie nie mit ihrem Gatten allein. 8 8

In diese häusliche Gesellschaft hinein trat, außer einigen Herren der Nachbarschaft, der Familie des Predigers und der Person des alten Arztes, selten eine fremde Erscheinung; um so enger schloß man sich an einander und um so lebhafter interessirte man sich für die persönlichen Angelegenheiten eines Jeden.

Maria's Bild, von einem berühmten italienischen Meister ge- malt, außerdem aber auch in Pastell oder Photographie aus allen Lebensaltern, befand sich fast in jedem Zimmer, es war sehr begreiflich, daß Herr Henry Belo sich trotz seiner Blasirtheit viel damit beschäftigte, sich das Original vorzustellen und sich in das⸗ selbe zu verlieben.

Baron Hooglander hatte jetzt schon seit Wochen sein Denken auf eine gemüthliche Weihnachtsfeier gerichtet; er war wunder⸗ bar erfinderisch, sich selbst seine Gefangenschaft vergessen zu machen und sich einzureden, es sei ja nur sein eigner freier Entschluß, einstweilen selbst seinen Kohl zu bauen, wogegen eine direkte oder indirekte Mahnung daran ihn allemal auf das Tiefste ver stimmte.

Obwohl die Bewirthschaftung des Gutes auf Veranstaltung der Kuratoren an den bisherigen Administrator verpachtet war, bis sich ein Käufer für das Gut finden würde, so gab sich der Baron doch vollständig das Ansehen, als sei er immer noch die leitende Seele und sei es stets gewesen.

Täglich mußte Herr Thomas sich zum Vortrag und zum Ein. holen der Instruktionen bei dem gnädigen Herrn einfinden, und obwohl diese Instruktionen nichts als eine Farce waren, so kam der Pächter dennoch mit gleicher Ruhe und Höflichkeit.

Warum soll ich dem gnädigen Herrn nicht den kleinen Ge⸗ fallen thun? Er ist so liebenswürdig! sagte er zu Belo, als dieser endlich die Sachlage durchschaute.

Er ist der beste Mensch von immer, wo man ein Urtheil über Baron Hooglander fällte. Man bedauerte ihn wegen seiner traurigen Finanzlage, sah tadelnd und vorwurfsvoll auf denArmen, kein Finanzgenie war, wie er ja selbst stets bedauernd zugab. Er sonnte sich in dieser allgemeinen Beliebtheit und kultivirte sie mit um so mehr Behagen, als sie ihm wenig Unbequemlichkeit kostete, sondern ihm im Gegentheil Wucherzinsen trug in der steten Rück⸗ sichtnahme seiner ganzen Umgebung auf seinekleinen Schwächen und Liebhabereien.

Die Wenigsten hatten ein Verständniß für die blasse, melancholisch blickende Baronin. Man fand sie sehr gütig, sehr milde, aber ihre Zurückgezogenheit wurde ihr für Hochmuth ausgelegt und ihr steter Ernst galt für einen Grund, ihren Gatten deswegen zu be dauern; nur die Pastorstöchter, denen sie von Maria erzählen konnte, verehrten sie mit der ganzen Liebesgluth junger Mädchen.

So hatte man also in dem Billardsaale zu Gißra schon ganze Haufen von Zierrathen für den Tannenbaum vorbereitet, es waren Lichter besorgt, Kuchen gebacken, das ganze fröhliche Treiben der letzten Adventszeit entfaltete sich in dem kinderlosen Hause für das eine große Kind den Hausherrn.

Baronin Valerie litt unter dieser Komödie um so schmerzlicher, als sie ihr die heiße Sehnsucht nach ihren Kindern nur um so lebhafter vor die Seele rief, aber wie immer litt sie schweigend.

Da während der Baron, der Hauptmann und Belo den bis zur Decke reichenden Tannenbaum mit Hilfe des Gärtners und des jetzt einzigen Dieners anputzten, kam Maria's Brief in die Hände der Mutter.

Ich habe ihm meinJa jetzt definitiv gegeben, ihm Herz und Hand versprochen, theure Mama, und lange schon hat dies Herz nicht eine solche Ruhe erfüllt, wie in dieser Stunde, wo ich Dir schreibe. Ich bin nun seine Braut, aber ich fühle und sehe nichts davon und bin froh dor enn ich muß mich doch erst an diesen Gedanken gewöhne tzenbach wird bei seiner Mutter bleiben und in der ihm enden Trauer wird die Welt unsere Verlobung ohne Sa klang erfahren; das ist gerade, was mir wohlthut.

So schrieb Maria; sie sch Verlobten, legte seinen

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und da war der Hauptmann Zolkowsky, der mit Belo und a 5

aber Niemand der nun einmal

der Welt! hieß es fetzt wie

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