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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 20. November.
Eine gute Vartie. 0 Roman von L. Haidheim. N 2(Fortsetzung.)
Baronin Lautenbergs Wagen war die nächsten Tage immer auf der Straße. Sie fühlte sich nie so wohl, als wenn sie ein Geheimniß zu bewahren hatte und war stolz darauf, daß ihre Zunge noch nie eins ausgeplaudert. N Deshalb war sie selbstverständlich auch ganz unschuldig daran, daß die ganze Gesellschaft plötzlich von dieser heimlichen Verlobung sprach, daß Maria, wohin sie kam, neugierig freundlichen Blicken und vielwissenden Mienen begegnete, daß man lächelte, ihr die Hand drückte, daß man sie mit betrübten Mienen nach der kranken Mutter des armen Barons fragte,— kurz, daß man sie auf alle erdenkliche Weise fühlen ließ, man wisse Alles, sei aber selbst diskret und zart⸗ fühlend, was man nicht von allen Leuten sagen könne.
Mit Helo stand Maria— sie wußte selbst nicht, wie es ge⸗ kommen— plötzlich fremder. Helo schloß sich stundenlang ein— „Weihnachtsarbeiten“ rief sie dann entschuldigend, und selbst ibre
Ausgänge suchte sie oft allein zu machen.— Wie hätte sie aber ] auch dem„Kinde“ von ihren Gedanken und Gefühlen sprechen können? ISi.e fühlte sich dazu keineswegs versucht.
Gräfin Paula hatte sie umarmt— am Morgen nach Totzenbachs
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liebe Maria!“ Elma küßte sie ebenfalls und machte dann allerlei scherzhafte Grimassen, die Totzenbachs vornehmen Ernst bei einer imaginären Liebeserklärung mit Kniefall nicht ohne Geschick karrikirten. That Maria den Mund auf, um abzulehnen und zu protestiren,
N Abreise— und hatte sanft gesagt:„Ich segne Deinen Entschluß,
so rief man ihr schon entgegen:„Wir wissen nichts— haben keine g Ahnung!“— und bei alledem gab die Tante ihr plötzlich eine durchaus veränderte Stellung. Es war ja„selbstverständlich,“ daß Maria jetzt weniger als je in größere Gesellschaften ging, aber in kleineren Zirkeln gab ihr Gräfin Paula bereitwillig, ja, mit versteckter Absichtlichkeit die Stellung, welche der Braut des Barons Totzenbach zukam.— Maria fühlte,— die ganze Welt hatte sich verschworen, in ihr die Verlobte des reichsten Großgrundbesitzers der Provinz zu feiern. Was sollte— was konnte sie thun? Nichts. War sie traurig, so deutete man es auf die kranke Mutter, lachte sie, war es das bräutliche Glück; sie hätte oft aufschreien
ö mögen vor Aerger, denn— war sie nicht noch frei? 14 Nein, sie war es nicht! Und daß sie diese Thatsache momentan 1 vergessen konnte, daß sie im Stillen sich oft entsetzt fragte, wie sie habe thun können, was sie gethan,— das belehrte sie, die viel Rnachdachte:„Sie war nicht mehr frei!“ Und was hätte es ihr auch genützt, wenn sie es gewesen wäre? Wo blieb Lornow? Er ließ sich nirgend blicken. Niemand erwähnte seinen Namen,— sie wagte nicht, nach ihm zu fragen, war froh, daß sie ihm nicht begegnete und sehnte sich doch nach ihm.
Onno hatte in dieser Zeit auffällig viel„Dienst“, damit ent⸗ schuldigte er seine Unsichtbarkeit. Auch Tante Lätitig schalt auf ihn; — er sei immer in jeder freien Stunde auf dem Eise, erzählte sie, und Maria fiel ein, daß Helo jeden Morgen mit den Schlittschuhen in Onno's Begleitung weggegangen war.
Bis jetzt hatte Lätitia klug gegen Maria geschwiegen,— heute aber legte er sie mit sichtbarer Freude einen Brief in die Hand, dessen Aufschrift sofort den Absender verrieth.
Dann ging sie hinaus, als Maria erbleichend und wie erstarrt da stand, in ihrer zitternden Hand den Brief, dessen Inhalt sie schon ahnte und den sie sonderbarer Weise gar nicht erwartet hatte, wei! sie sich die Entscheidung ihres Schicksals erst mit Totzenbachs Rückkehr gedacht.—
In dumpfer Erstarrung, sich vom Schicksal treiben lassend, erbrach sie den mit dem Farrenkraut. Wappen geschlossenen Brief und las ihn.
Es war ein Heirathsantrag, eine Liebeserklärung in aller Form und so warm und von Herzen kommend jedes Wort, daß sie sich dem Eindruck dieser Sprache nicht ganz entziehen konnte.
„Am Bette meiner Mutter schreibe ich Ihnen diese Zeilen. Sie weiß, daß sie mich verlassen muß, und daß mein Herz, ohne Sie, geliebte Maria, ganz einsam und unsäͤglich unglücklich sein würde, darum möchte sie nicht scheiden ohne den süßen Trost, ihren Sohn an der Seite des heißgeliebten Mädchens zu wissen, von welchem er sein ganzes zeitliches Glück erwartet.
„Sie haben mich hoffen lassen, Maria, geben Sie mir,— geben Sie meiner geliebten Mutter die ersehnte Gewißheit.
„Ich werde dann freilich nicht kommen können, mein Glück in liebender Eile zu umfangen.— Sie wissen, theure Maria, daß hier mein Platz ist und daß ich keinen Athemzug der geliebten Mutter missen möchte;— aber in dem Leid, das mir unwiderruflich be⸗ vorsteht, werde ich Ihre Antwort auf meinem trauernden Herzen tragen und mit ihrem letzten Blick wird meine Mutter mein der⸗ einstiges Weib segnen; daß sie dies noch könne, darnach verlangt meine ganze Seele.“—
Nein, sie konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, den diese Worte auf sie ausübten.— das war der Ton, den sie dem selbst⸗ bewußten Reichsbaron am wenigsten zugetraut hätte und der sie nun plötzlich erleichtert aufathmen ließ. b
Er war ein edler, warmherziger Mensch; ein Mann, der seine Mutter so hochstellte und liebte, der gab sicher seiner Gattin nicht weniger Herzensliebe.
Als fürchte sie, daß sie schwankend werden könne, so rasch trat sie an den Schreibtisch Lätitia's.
Offenbar hatte diese eine sofortige Antwort Maria's voraus⸗ gesehen; es lag nicht ihr ordinäres Papier dort, sondern eine


