Ausgabe 
20.3.1887
 
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man lehre mich die Menschen kennen!

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Tante Louisens. Sein Schreck verflog indeß sofort, denn die Regentin seines Hauses rief in demselben Athemzuge:

Mit Gensdarmen? Habe ich es nicht immer gesagt! O, Heule doch nicht so, alber⸗ nes Mädchen, es geschieht ihm Recht, was braucht er zu morden!

Durch die offenen Fenster drang jeder Ton zu dem aufhorchen⸗

den alten Herrn.

Er trat unter den von blühenden Ranken umsponnenen Por⸗ tikus des Gartensaales.

Was ist denn los, Tante Louise? Sie schreien ja wie ein Zahnbrecher! rief er hinauf. So scherzend sein Ton auch klang, seine Miene war gespannt und unruhig und er sah es nicht, daß seine Tochter eben auch zu ihm hinauskam. ö

Was los ist? rief Tante Louise, den mit der Morgenhaube bedeckten Kopf aus dem Fenster steckend.Was los ist? Sie haben den Mosje drüben in aller Frühe mit Gensdarmen aus dem Bette geholt und nun heult die alberne Gans, die Kathrin.

Wen? Wen hat man aus dem Bette geholt? donnerte die Stimme Calander's. Noch nie hatte Louise diesen Ton von ihm gehört.

Den Baron, Herrn von Willwarth! Er ist gestern erst aus der Schweiz zurückgekehrt! Heute früh ist er arretirt und in's Kreis⸗ gefängniß abgeführt worden, sagte sie etwas kleinlaut.

Großer Gott! murmelte Calander.

Da sah er sein Kind an der Thür lehnen und geisterbleich nach Worten ringen. Es war kein Zweifel, sie hatte Alles gehört, er las es aus ihren Augen.

Es ist nicht wahr, Vater! schrie sie plötzlich auf. Er ver⸗ stand sie sofort.

Nein, mein armes Kind, es ist nicht wahr, er ist kein Mör⸗ der! sagte er erschüttert und umarmte die Tochter.

O Dank, Papa! Dank! Du denkst gut von ihm, o Vater, lieber Vater! Sie küßte ihm schluchzend und weinend die Hände, sie war ganz außer sich, so daß er sie mit Unruhe ansah.

Das Beste wäre, ich führe sogleich hin. Man wird ihn gegen Kaution frei lassen! Mein Gott, was kann dies bedeuten? Es müssen doch

Er wagte nicht, seine Sorge laut werden zu lassen, denn Erna erfaßte eifrig seinen Gedanken.

Ja, ja, Vater, fahre hinüber, der Kreisrichter glaubt Dir! Es wird ein Irrthum sein irgend etwas nur nicht das Richtige! Komm, trinke schnell Deinen Kaffee. Ich klingele, daß man anspannt! Und grüße ihn, Vater! Sage ihm sage ihm, daß ich an ihn glaube, daß

Und laut weinend lag sie in seinen Armen und barg ihr Gesicht an seiner Brust.

Mein Gott! Was soll denn dies bedeuten? Hier schluchzt die Eine, dort oben will sich die Kathrin die Seele ausweinen?

Es war Tante Louise, welche ihr Erstaunen in dieser Weise äußerte. Hätte sie geahnt, wie Erna sich gesternblamirt hatte! Aber so etwas konnte ja natürlich auch nur passiren, wenn sie einmal wieder an ihrer Migräne litt und zu Haus bleiben mußte.

Vater und Tochter waren Beide nicht in der Stimmung, Er⸗ klärungen zu geben.

Beleidigt, wie eine entthronte Königin, selbst in der Schmach noch ihre Würde wahrend, saß Tante Louise einsam am Früh⸗ stückstische, während Calander's Wagen, von Fritz geführt, schon weit auf dem Wege zur Kreisstadt dahin rollte.

Erna hatte sich auf ihr Zimmer geflüchtet. faßter als vorhin.

Es würde sich schon Alles aufklären, gesagt. Die Stunden des Wartens schienen ihr endlos, doch fürchtete sie nichts mehr; es war ein tolles, unbegreifliches Mißverständniß sicher nichts weiter!

Endlich kam der Vater zurück, aber er schien tief verstimmt.

Hätte sie Augen für den Fritz gehabt, so müßte ihr die Ver⸗ störung des Burschen aufgefallen sein, jetzt sah sie nur ihres Vaters düstere Mienen. Wie wurde ihr, als dieser in seinem Zimmer berichtete, man habe verweigert, Willwarth gegen Kaution frei zu lassen. Es läge ein erdrückendes Gewicht von Verdachtsmomenten gegen ihn vor. N Nun? Du glaubst doch nicht? rief die Tochter außer sich.

Sie war viel ge⸗

hatte der Vater zu ihr

ehrlichen Menschen die größte Schmach anthut, dann stempelt man

Man hat mir erzählt, Willwarth sei ganz blaß geworden, als er, sofort verhört, die Schwere der Anklage begriffen. Und das nimmt diese Leute Wunder? Wenn man einem

sein Erbleichen oder Erröthen zu einem neuen Schuldbeweise?

Erna Calander bebte vor Entrüstung und hülflosem Grimm.

Hatte der Vater Willwarth gesprochen?

Nein, man verweigerte die Erlaubniß. Aber man hatte ihm natürlich gestattet, seinen Verwandten Nachricht zu geben, Diringer und Rechtsanwalt Mauthner herbeizuzitiren.

Der Tag verging in schwüler Stille.

Rochlitz war gekommen. Er und Calander saßen beisammen. Es verlautete, daß mitten in der Nacht der Kreisrichter geweckt worden sei, daß in Mäntel gehüllte Männer bei ihm gewesen und daß gleich darauf die Gensdarmen nach Froysberg abgeritten seien.

Ich kann mir nicht helfen, Calander, mir will der Verdacht nicht aus dem Sinn, daß diese ganze Geschichte ein tückischer Streich ist. Ja, ich meine sogar, derselbe geht von einem Neben⸗ buhler aus.

Ritberg? fragte Calander.

Rochlitz nickte ernst.

Unleugbar glaubt man also von dieser Seite ernsthaft an all den Klatsch der letzten Zeit!

Es steht schlimm genug um Willwarth, daß so Viele sich des Zweifels nicht erwehren können.

Die Männer saßen in peinlicher Unruhe noch zusammen, als Graf Kyburg gemeldet wurde.

Ich war bei Ihnen, Rochlitz, man wies mich hierher, er klärte er, sein Eindringen bei Calander entschuldigend.

Er sah, ganz gegen seine Gewohnheit, ernst aus, ja blaß und angegriffen.

Ich wollte den armen Kerl sprechen, man hat mir aber den Eintritt verweigert, sagte er und dann schlug er in fassungsloser Aufregung die Hände zusammen:Wenn es wahr wäre! Wenn es wahr wäre!

Zum Teufel! Sie, sein Schwager, kennen ihn doch gut genug, um auf seine Schuldlosigkeit zu schwören, schrie Rochlitz erbleichend auf.

Der Graf warf ihm einen sonderbaren Blick zu.

Ich schwöre nichts! sagte dieser Blick und dann begann Kyburg in seiner fahrigen Weise unter dem Druck der Aufregung zu reden Dichtung und Wahrheit wie immer gewohnheits⸗ mäßig vermengend.

Eine unbeschreibliche Kyburg's Andeutungen war es gar nicht so Großer Gott!

Calander sprang auf. Der Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner Stirn.Herr Graf Kyburg, sagte er streng,jedes Wort, das Sie hier sagen, ist begraben zwischen uns, denn wir, Rochlitz und ich, glauben Erich von Willwarth besser zu kennen! Aber da Sie offenbar in einer begreiflichen, wenn auch höchst beklagenswerthen Seelenstimmung sind, welche Sie verleitet, Trug⸗ schlüsse zu machen, Aeußerungen zu thun, die Sie nicht nur be⸗ rechtigt, sondern verpflichtet sind zurückzuhalten, so bitte ich Sie ernstlich, die Gastfreundschaft meines Hauses anzunehmen und vor der Hand jeden Verkehr mit Fremden zu vermeiden. Sie sind krank, lieber Graf, das erklärt sich! Bleiben Sie hier, lassen Sie uns gemeinsam.

Mit Vergnügen! Es war Kyburg's gewohnte Redensart; sie klang höchst fatal in diesem Augenblick und er hütete sich wohl einzugestehen, daß er sich vor dem Kreisrichter noch viel aufgeregter und verkehrter benommen, so daß dieser mehr als je von der Schuld Willwarth's überzeugt war.

Rochlitz blieb zum Diner. Graf Kyburg sah mit dem alten vergnüglichen Lächeln in dem schönen Speisesaale umher und auf die trefflichen Speisen, welche die Tafel bot. Das war Alles so harmonisch und gediegen. O, er war grade der Mann, das zu verstehen.

Erna und Tante Louise hatten sich entschuldigen lassen. Erstere wußte nicht, wie viel schwerer das Herz ihres Vaters durch Kyburg's Reden geworden, aber es lag in der Luft, sie fühlte es instinktiv, die Sache Erich's stand schlimm.

Die hochgradige Erregung hatte nachgelassen in ihr, aber jetzt

Seelenangst überkam beide Hörer. Nach ganz undenkbar.

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