i . 1 11 „ 175 1 72 5
9 1
e ——
5
ä
1
ö
—
1 5 „ 175 8
8 90=
Und eh' es so weit kommt, da soll doch der Kriminalrichter ihm erst einmal auf den Zahn fühlen. Wenn mich nicht Alles täuscht, so ist er gar nicht mehr satisfaktionsfähig!“
Drinnen im Saal wurde zum Tanz gespielt. Draußen fingen die Herren an zu engagiren. Ein Offizier, den Erich Willwarth nicht kannte, führte ihm Erna vor der Nase weg.
Aber das that nichts, das störte seine Seligkeit keinen Augen- blick. Hatte doch Calander selbst ihm eben erst erzählt, durch welch' unglücklichen Zufall die Rückkehr an jenem Tage verspätet worden. Hatte Erna ihm nicht glücklich und so eigenthümlich tröstend zu— gelächelt?
Erich Willwarth dachte nicht daran zu tanzen, aber er folgte doch den Anderen in den Saal, denn sie war ja dort, sie! Und alle Qual dieser letzten Monate war vergessen.
In seiner glücklichen Stimmung übersah er für's Erste völlig, daß die anwesenden Herren ebenfalls zu sehr mit den eigenen Interessen oder unter einander beschäftigt zu sein schienen, um von ihm Notiz zu nehmen. Er redete mit Diesem oder Jenem, aber hörte selbst kaum die lakonische Antwort, denn er sah nur die Geliebte und hatte für nichts Anderes Sinn. N
Das ging so eine Weile fort, ein Tanz folgte dem anderen. Erna schwebte wiederholt am Arme ihrer Tänzer an ihm vorüber und er freute sich ihrer Grazie, ihrer prachtvollen Heiterkeit.
Darüber bemerkte er nicht, daß durch eine der anderen Thüren Ritberg mit seinem Anhang trat, daß diese Herren sich zu den anderen gesellten, daß sie diesen heimlich im Vorbeigehen flüchtige Worte zuraunten, bei welchen Einige lebhaft nickten, Andere achsel— zuckend ablehnten.
Nach und nach fiel es nun aber doch Erich Willwarth auf, daß sich keiner dieser Herren, die er Alle mehr oder minder gut kannte, in den Tanzpausen auch nur mit einer Frage an ihn wandte. Dagegen bemerkte er, wie zwei und drei hier und da zusammenstanden, lebhaft tuschelten und verstohlen nach ihm blickten.
Was hatten sie?
Auf einmal,— wie ein Blitz fiel ihm der Empfang ein— das plötzliche Verstummen, die verlegenen oder kalten Mienen—! Dann erinnerte er sich, wie lose man ihm die Hand gereicht, wie schnell man die seinige fallen ließ. N
Es überlief ihn heiß. Lag da eine Absicht vor? Und kaum entstand die Frage in ihm, so las er schon die Bejahung von jedem Gesicht. Zugleich wurde er sich bewußt, daß er schon länger allein hier an der Thür stand, daß die anderen Herren sich alle von derselben weg an jene gegenüberliegende gezogen hatten, wo Ritberg mit einem fatalen Lächeln Bemerkungen machte, welche verstohlen belacht wurden, während man nach ihm hinüber schielte.
Er sah scharf hinüber.— Die Gruppe lös'te sich auf, da eben ein neuer Tanz begann.
„Ich irre wohl!“— sagte Erich sich und wußte doch, daß er sich keinenfalls in einer schwarzseherischen Laune befand.
„Machen wir die Probe auf das Exempel!“ dachte er weiter und wieder fühlte er, wie Zornesgluth ihm heiß in das Hirn stieg.
Sobald der Tanz beendet war, trat er in den Kreis der Herren und redete einige derselben an. Sie waren ihm von Froysberg's Gelagen her wohlbekannt. Einer und der Andere hatten ihm schon nach dessen Tode Besuch gemacht.
Es blieb ihm kein Zweifel. Der Erste antwortete mit ver— legenen Mienen und ging, sich entschuldigend, zu einer der Damen, der Zweite sagte ein paar Worte und that darauf, als habe ein Anderer ihn angerufen, ein Dritter hielt ein einfaches Ja und Nein für genügend.
Das Herz schlug Erich Willwarth bis in den Hals hinauf; er hätte nie für möglich gehalten, daß man dergleichen gegen ihn wagen würde.
„Ruhe! Ruhe!“ sagte er sich und blickte mit großen, festen Augen in dem Kreise der Männer umher.
Niemand hielt seinem Blicke Stand,— man sah an ihm vorüber, als sei er Luft.
Und nun stand er wieder allein, denn wie auf Parole fand Einer nach dem Andern es an der Zeit, auf irgend eine Weise fortzukommen.
Drüben aber lehnte Graf Ritberg und strich sich mit hoͤhnischem Lächeln den Bart.
Erich hatte ihn heute erst kennen gelernt.— Ritberg hatte
nicht nöthig gehabt, bei der allgemeinen Vorstellung etwas zu
sagen— und nachher auch offenbar keine Veranlassung gefunden, ihm irgend eine Höflichkeit zu gönnen.
„Er ist in Wuth— Erna hat mich ihm vorgezogen!“ dachte Erich stolz und ließ sich nicht einfallen, Ritberg's Benehmen in Verbindung mit dem der übrigen Herren zu bringen.
Aus diesen Betrachtungen höchst unerfreulicher Natur wurde f
seine Aufmerksamkeit wieder nach Außen gezogen.
Es war Damenwahl—.
Er tanzte nicht,— man wußte, daß er in Trauer war, aber wie hatte er sich sonst ausgezeichnet gesehen.
Nun, das Gegentheil war heute natürlich,— ihm auch gleich- gültig, aber was nicht natürlich war, nicht gleichgültig, auch in den Mienen einzelner jungen Damen, wenn sie an ihm vorüber gingen, lag ein Abglanz dieses eigenthümlichen Ausdruckes, den er in den Mienen der Herren sah.— Jetzt fiel ihm auch auf, daß mehrere seiner nächsten Bekannten nicht hier waren, ein paar Andere, die er vorhin gesehen und begrüßt und die ihm herzlich wie immer die Hand gedrückt, fehlten im Saale. Er wußte, sie waren keine Tänzer, aber er beschloß sie zu fragen, was man gegen ihn habe.
Das wurde unerträglich! Wie ein Verfehmter stand er ganz allein, Niemand kam zu ihm. Jeder, den der Zufall in seine Nähe geführt, war alsbald daraus verschwunden.
Gleich jetzt wollte er gehen und Eberswald oder Behrin fragen. Doch nein, das könnte aussehen, als räume er das Feld.
Der Tanz war zu Ende.
Jetzt! jetzt konnte er sich ein paar dieser Burschen bei Seite nehmen.
Mitten durch den Saal schritt er auf die Gruppe der jungen Männer zu, rasch, gehobenen Hauptes, mit glühenden Augen—.
Da—! Eine kleine Hand legte sich auf seinen Arm;— ein blasses Gesichtchen mit angstvollen, braunen Augen blickte zu ihm auf und trotz dieser sichtbaren Angst in jeder Miene lächelten ihre Lippen und Erna Calander sagte mit zitternder Stimme und er⸗ zwungenem Scherz:„Sie sind sehr unartig, Baron, daß Sie nicht ein einziges Mal zu mir kommen. Ich brenne darauf, von Emmy und ihren Triumphen zu vernehmen und möchte doch von Ihnen auch einen kleinen Reisebericht hören. Kommen Sie, wir wollen plau⸗ dern! Dort in jener Nische ist ein reizendes Plätzchen! Und da ist ja auch endlich Herr von Behrin! Wie kann man stundenlang am Spieltisch sitzen? Gehen Sie mit uns, Herr von Willwarth berichtet mir Reiseabenteuer.“
Und damit hatte sie, unter dem athemlosen Erstaunen der ganzen übrigen Gesellschaft, Erich's Arm genommen und ihn ge— zwungen, ihr zu folgen. Behrin bedurfte nur eines Blickes, um sofort die Situation, annähernd wenigstens, zu begreifen. Er er⸗ schrak und fühlte, daß er an Willwarth's Seite gehört hätte. Ein glücklicher Zufall führte grade jetzt auch einige weitere Wohlgesinnte in den Tanzsaal. So umgab man Erna und ihren Kavalier— und Erich,— sich selbst auf„nachher“ vertröstend und trotz Allem außer sich vor Glück und Liebe, that sein Bestes, dem lieben, her— zigen Mädchen an seinem Arme jede Sorge um ihn vom Herzen zu plaudern.
Der Rest des Abends verlief ruhig, wenn man das Aufsehen
so nennen durfte, welches Erna Calander's Benehmen in dem ganzen Kreise hervorrief. Selbst ihr Vater blieb nicht gleichgültig bei dieser„unerhörten Offensiv-Demonstration“ seiner sonst so sittigen Tochter.
Erna kümmerte sich um nichts, weder um die Mienen, noch um die versteckten Anspielungen. Sie blieb neben Erich Willwarth, als habe sie den Beruf, sein Schutzengel zu sein, und ihr Vater, ihre Freunde konnten nichts Anderes thun, als neben ihr zu blei⸗ ben und dadurch wenigstens den Schein so weit als möglich zu wahren.
Als man dann aufbrach, entließ sie ihn noch nicht aus ihrem „Dienst.“ Er durfte neben ihrem Wagen herreiten, damit hatte sie ihm die letzte Möglichkeit abgeschnitten, sich die ersehnten Er⸗ klärungen auszubitten.
Am andern Morgen erwartete Herr Calander im Frühstücks. zimmer seine Damen, da hörte er über sich einen lauten Schrei
Nein, aber Herr Assessor!
*
3
4
1
1
3
9


