Ausgabe 
20.3.1887
 
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kam die Muthlosigkeit, und indem sie sich klar machte, daß Erich jetzt, ein Gefangener, in seiner Zelle der ersten Kerkernacht entgegen⸗ gehe, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus, welches Tante Louise, so sehr sie auch zu trösten wünschte, mit ihrem Unheilvollen: Ach, ich habe es immer geahnt, nicht stillte..

Es kamen fortwährend Boten von dem Kreisgericht, Herr Calander hatte gesorgt, daß er jede zulässige Mittheilung sofort empfing. So erfuhr man, daß Assessor Birkner, der verreist war, telegraphisch benachrichtigt worden sei und sofortige Rückkehr gemeldet habe. Der alte Verwalter Erich's kam und erzählte, es sei eine Gerichtskommission im Schlosse gewesen und habe dort den ganzen Tag untersucht und das Personal verhört. Die sämmtlichen Büchsflinten und sonstigen Jagdgewehre seien mitgenommen worden.

Der Abend brach an und je dunkler es wurde, um so schwerer wurde die Stimmung.

Die erste Nacht im Gefängniß!

Wenn sie dem Schuldigen schrecklich ist, für den Unschuldigen ist sie es nicht minder.

Erich von Willwarth hatte während des Laufes des Vormittags seine Haft verhältnißmäßig ruhig genommen, überzeugt, daß sich bald Alles aufklären werde.

Als aber das Verhör vorüber war und durch Alleinsein und Nachdenken die ihm anfangs ganz unbegreifliche Situation sich in ihrer ganzen Wirklichkeit darstellte, da bemächtigte sich seiner eine Gemüthsstimmung, wie er sie trotz aller Erlebnisse dieses letzten halben Jahres doch nie für möglich gehalten; in der tiefsten Empörung über die ihm angethane Schmach mußte er sich doch selbst zugestehen, daß der Richter nichts Anderes thun konnte, als

was er gethan.

Aus den Fragen des Untersuchungsbeamten war ihm vollkommen ersichtlich geworden, wie schwer die Verdachtsmomente waren, die gegen ihn vorlagen, und wie kunstvoll man harmlose oder ganz anders gemeinte Worte von ihm und den Seinigen, besonders aber von Kyburg, zusammengestellt hatte; wie man jeden Umstand, auch den geringfügigsten, zu einem Glied gemacht, der sich in die Kette von Indizien ganz natürlich einzufügen schien.

Ohne Zweifel war die Anklage auch schon länger gegen ihn vorbereitet, vielleicht hatte man nur seine Rückkehr abgewartet.

Es kam ihm nicht einen Augenblick die Furcht, daß er für schuldig erkannt werden würde, darüber war er im Gegentheil völlig ruhig, aber welche Lage für ihn, hier wie ein Ver brecher zurückgehalten zu werden und von einem Geschworengericht sein Urtheil zu erwarten!

Ein brennendes Weh um Erna erfüllte sein Herz und bren nende Tropfen feuchteten ihm die heißen Augenlider, wenn er be dachte, daß sie ihm nun hoffnungslos verloren sei.

Ein beklemmendes Grauen überschlich ihn. Wie hatte das Schick sal Fangball mit ihm gespielt mit und ohne seine Schuld, und was konnte noch kommen. Ein willenloses Nichts war er in der Macht dieses Schicksals und mit gebundenen Händen mußte er ge schehen lassen, was es ihm brachte.

Der Beamte hatte sich rücksichtsvoll und höflich gegen ihn ge zeigt; es fehlte ihm nicht an den Bequemlichkeiten, die man ihm gestatten konnte, aber eine Kaution, eine Entlassung auf Ehrenwort war ihm rundweg algeschlagen; der einzige Trost, der ihm an diesem Tage leuchtete, war die Mittheilung des Untersuchungs richters, daß Rochlitz und Calander sich für ihn, wenn auch ver geblich, bemüht hätten.

Calander, ihr Vater, den er so unfreundlich und abweisend behandelt hatte!

Freilich, sie durften ihn nach dem gestrigen Abend nicht gleich fallen lassen!

Wie mochten ihre Empfindungen für ihn aber heute sein?

Und Erna?

Er hatte sich Schreibmaterialien bringen lassen, aber wenn er auch versuchte, seinem Onkel zu schreiben, so vermochte er doch nichts zu Papier zu bringen, als das Chaos, welches in seinem Hirn und Herzen auf- und abwogte.

Und wie sollte er diese Nacht hinbringen? An Schlaf war kein Gedanke!

Erna Calander hatte sich in den Park geschlichen, die Qual, thatlos zum Abwarten gezwungen zu sein, überstieg ihre Selbst beherrschung, sie fühlte sich versucht laut zu schreien, irgend etwas

Gewaltsames zu thun, und erschrak vor der dämonischen Leiden⸗ schaft, die in ihr tobte, denn noch hatte sie dieses Maaßhalten, welches die Harmonie ihrer Natur ausmachte, nicht verloren. Allerlei tolle, thörichte Gedanken fuhren durch ihren fiebernden

Kopf, sie hätte am liebsten hinausstürzen mögen auf den offenen

Markt, die Leute zur Befreiung für Erich aufzurufen. Für solch thörichte Phantasterei hatte sie dann selbst ein trauriges Spott⸗ lachen. Gleich darauf wallte die bittere Empörung wieder in ihr auf über diese Menschen, die, wie sie jetzt erst klar erkannte, seit Monaten nichts Anderes gethan, als Trugschluß auf Trugschluß

bauen und mit ihrem Neid, ihrer Sensationsbedürftigkeit den Namen

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des schönen, stolzen, ehrlichen Willwarth hinabzuziehen in den

Schmutz des Verbrechens.

Durch die erhellten offenen Fenster in ihres Vaters Stube sah sie, von fern vorüberstreifend, ihn sorgenvoll auf- und abgehen, sie erkannte Rochlitz. Die Anwesenheit eines Fremden, Kyburg's,

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beunruhigte sie noch wehr; brachte er Gutes oder Schlimmes für

Erich? Für sie stand Alles nur im Zusammenhang mit ihm.

Ohne zu beachten, wohin sie ging, nur die Angst des Herzens durch starke Bewegung zu betäuben suchend, war sie in die Nähe

des Küchengartens gerathen.

Eine breite Lindenallee und ein dichtes Gebüsch trennten den⸗

selben vom Parke. Hier war sie auch sicher, von Tante Louisen's spähenden Augen nicht entdeckt zu werden, falls diese sie vermißte.

Endlich setzte sie sich erschöpft auf eine Bank unter den Linden. Die Abendstille that ihr gut, es kam wie ein Träumen über sie. Die Angst um Erich, jedes empörte Gefühl schwieg. Vor

ihr stiegen die wenigen, aber glücklichen Erinnerungen an ihn auf,

Alle sonnenhell, und ihr Herz rief dazu:Es wird noch Alles gut.

Er liebt mich ja, er hat mich sehr lieb! Es wurde wieder heller, der Mond war aufgegangen.

Da hörte sie jenseits des Gebüsches hinter ihrer Bank plötzlich

ein lautes, krampfhaftes Weinen.

Was hieß das? War das Kathrin's Stimme? Das Mädchen f

hatte den ganzen Tag schon so verweint und aufgeregt ausgesehen, in ihrer eigenen Sorge hatte sie aber die einstige Spielkame⸗ radin nicht, wie sonst jedenfalls geschehen wäre, gefragt: Kathrin, was fehlt?

Richtig, es war Kathrin! Sie wußte es jetzt gewiß, denn eine Männerstimme bat unruhig:Weine doch nicht so, Thrinchen, nimm doch Vernunft an; er ist ein vornehmer Herr, dem thun sie nichts.

Unsereiner aber, der wird eingesteckt, und sie machen kurzen Pro⸗

zeß, ob man's gethan hat oder nicht!

Was war das? Was redeten die Beiden? Ein Schauer über⸗

lief Erna, alles Blut drängte sich ihr zum Herzen.

Hochaufgerichtet, sich auf die Lehne der Bank mit zitternder N

Hand stützend, stand sie da; jeder Nerv gespannt, lautlos horchend.

O, Fritz, hätten wir es doch gleich bekannt! Hätten wir doch denselben Abend noch gesagt: Wir sind dabei gewesen, wir haben die ganze Geschichte mit angesehen, schluchzte das Mädchen.Ich komme mein Lebtag nicht darüber weg, daß wir nicht aufrichtig gewesen sind. Und nun sitzt er im Gefängniß und unser Fräulein hat den Tod davon!

Erna's Herz klopfte wie ein Hammer. brausend und zischend durch's Hirn.

Ja, wenn Du's willst, so gehe ich und sage, wie es war; aber Du kannst nur fest darauf rechnen, sie stecken mich gleich ein und mit unserer Hochzeit zu Michaeli ist es nichts, denn ich komme natürlich vor's Schwurgericht, und wie manchem Unschuldigen haben sie den Kopf schon abgehackt! Es war Fritz, er sprach sehr kleinlaut und bedrückt. f

Das Mädchen weinte wieder.

O Gott, was sollen wir thun, was sollen wir thun?

Auf einmal schrie Kathrin gellend auf, denn neben ihr brach es gewaltsam durch die Büsche und ein weißes Gesicht, eine weiße Gestalt

Das Blut schoß ihr

Heiliger Gott! schrie das Mädchen in wahnsinnigem Ent⸗

setzen und auch der stramme Bursche stieß, die Braut heftig in

seine Arme reißend, einen Schreckensruf aus und wäre geflohen, hätte Thrinchen nicht gekeucht:Unser Fräulein, das gnädige Fräulein!

Seid still! seid still! Bekennt auf der Stelle, was Ihr

wißt von dem von dem Morde! rief Erna Calander herrisch,

mit rauher Stimme und glühenden Augen.