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ihrer sanften Liebenswürdigkeit unbewußt noch einen wärmeren Ton legte.
Erna berichtete, gab Auskunft und entschuldigte ihr etwaiges Nichtwissen mit der Flüchtigkeit der Begegnung im Laden.—
Jetzt fiel der Generalin auch ein, daß und wie sie den Namen Calander gehört. Es war der Herr, welcher gleich die große Summe gezeichnet hatte. Sie sprach weiter nicht darüber, denn Erna mit Emmy beredeten eben die Einrichtung und Ausstattung ihres kleinen Ladens.—
Emmy war ganz Feuer, sie hatte schon vollständig vergessen, daß sie ihr Vermögen verloren, überhaupt den Eindruck des gestrigen Tages überwunden, um mit der Clastizität ihres Naturells zurück— zuschnellen auf den fröhlichen, unbekümmerten Lebensgenuß, dem sie sich bisher hingegeben.
Die Generalin mußte leise seufzen. Bei ihr und Theo vertiefte sich stündlich der Kummer über das Unglück.
Inzwischen meldete der Diener eine arme Frau, welche die Generalin als Vorstandsdame irgend eines anderen Vereins zu sich beschieden. Sie verließ, sich entschuldigend, das Zimmer. Emmy blieb mit ihrem Besuch allein.
Erna klagte eben, daß sie völlig fremd in dem Kreise der jungen Damen sei.
Emmy tröstete— das mache sich schon— sie selbst fand, da sie sehr gesellig gelebt hatten, überall irgend welche Beziehungen. „Sie sind also wohl keine Berlinerin?“ fragte sie.
„Nun, so eigentlich nicht. Wir leben zwar im Frühling einige Monate hier, im Winter Papas wegen meist in Italien, Egypten oder wo es ihn sonst hintrieb, und im Sommer— jetzt, in nächster Zeit, ziehen wir hinaus aufs Land. So hat das Nomadenleben mich verhindert, irgendwo festen Fuß zu fassen. Ich habe nur eine einzige nähere Freundin, die Tochter eines Gutsnachbars, Clara von Rochlitz— aber die ist jetzt verreist.“
„Clara von Rochlitz? Von den Rempliner Rochlitz? Die kenne ich! Und Sie sagen: Gutsnachbarn? So wohnen Sie dort? Ach, wie ist es schön am See. Ich war früher einmal einige Tage auf Froysberg, aber das ist schon länger als acht Jahre her,“ rief Emmy entzückt.
„Sonnenstein liegt neben Remplin!“ sagte Erna.
Emmy machte große Augen.
„Sonnenstein, die Perle des Sees? Dies wundervolle Besitz— thum? Ich denke, es gehört dem Grafen Rüdenhaus?“ sagte sie ganz mechanisch.
„Vor Jahren, ja, nachher hat es ein Berliner Banquier gekauft, bei dessen Erbschaftstheilung mein Vater—“
„Dann muß auch Schloß Froysberg in der Nähe liegen?“
„Grade gegenüber; der See verengt sich dort und man rudert in einer Viertelstunde hin.“
„Kennen Sie meinen Vetter Froysberg?“
„Sie sind verwandt? Ich hörte nie davon. Ja, ich kenne Herrn von Froysberg wohl.“— Jetzt war es Erna, welche große Augen machte.
„Verkehren Sie mit einander?“ fragte Emmy interessirt, ohne es scheinen zu wollen.
„Nur— ein wenig! Herr von Froysberg hat keine Familie, so habe ich ihn nur gelegentlich bei den Rochlitz gesehen,— bei Papas Herren-Diners oder bei den Jagden war ich natürlich nie zugegen.“
„Mein Bruder geht heute mit nach dort, der Vetter ist ge— kommen, ihn zu sich einzuladen. Sie standen nämlich jahrelang gespannt mit einander,“ plauderte Emmy vertraulich weiter, sah aber dann mit Erstaunen, wie eine heiße Blutwelle in Erna Calanders Wangen schoß und sich bis unter ihr braunes Haar ausbreitete.
Was hatte sie? Ah— sie interessirte sich für Froysberg?
Die kleine Heuchlerin! Eine lebhafte Neugier regte sich in Emmy von Willwarths Herzen. Sie mußte dieses Mädchen näher kennen lernen.—
Die Generalin kam zurück,— Erna konnte sich empfehlen.
Im letzten Augenblicke fiel den Damen noch eine neue Frage ein, Erna wußte aber keinen Bescheid zu geben.—
Emmy fand, es sei das Beste, sie erkundige sich selbst bei Frau Werner, und da auch die übrigen Damen dasselbe zu wissen begehren würden, so schlug die Generalin vor, Emmy solle gleich mit Fräulein Calander zu der ersteren Dame fahren.
Verznügt machten sich die beiden jungen Mädchen auf den Weg. f Sie wurden sehr schnell bekannt mit einander und als sie bei Frau Werner ihre Angelegenheit erledigt, begleitete Emmy ihre neue Freundin auch noch weiter. a
Tausend Possen trieben sie unterwegs, nannten sich lachend Wohlthätigkeitstanten und machten einen Scherz über den andern.
Emmy von Willwarth hatte sich lange nicht so behaglich gefühlt, wie in Herrn Calanders Equipage neben diesem reizenden, frischen Mädchen, welches alle Befangenheit inzwischen verloren hatte und sich mit leuchtenden Augen dem Vergnügen hingab, das ihr der Verkehr mit einer ebenso fröhlichen Altersgenossin brachte.
„Warum wurden Sie so roth, Fräulein Calander, als ich vorhin von dem Vetter Froysberg sprach?“ fragte Emmy einmal.
Erna erröthete schon wieder.„Sie sehen es wohl, ich werde roth ohne allen Grund, es ist das eine so fatale Schwäche— ich ärgere mich selbst oft darüber,“ antwortete diese.— Sie sagte nur zum Theil die Wahrheit, denn sie wußte wohl, es war die Ent⸗ deckung gewesen, daß jener Erich Willwarth, Emmys Bruder, auf Schloß Froysberg weile.—
Eine vage Hoffnung erfüllte sie heute ganz und machte sie so glücklich und heiter, wie sie sich noch nie gefühlt, das gestand sie freilich nicht.
„Als Erna endlich gegen vier Uhr— es war die höchste Zeit zum Diner— ihre neue Freundin vor dem Hause wieder ablieferte, versicherte Emmy, sie müßten sich bald wiedersehen, möglichst bald.
Erna lächelte erfreut und Emmy versprach, in den nächsten Tagen schon den Besuch, den sie als ihr geltend betrachtete, erwidern zu wollen.
Seit vierzehn Tagen weilte Erich von Willwarth auf Schloß Froysberg. Für einen heiteren, lebenslustigen Offizier hätte man sich schwerlich eine angenehmere Art, den Urlaub zu verwenden, denken können. Reiten, jagen, Fahrten in die Nachbarschaft zu Wagen oder in einem vortrefflichen Ruderboot, fröhliche Abend— gesellschaften und mehr oder minder feierliche Mittagessen bei den Bekannten des Vetters wechselten mit Gesellschaften, die er selbst gab, und da er eine wahre Virtuosität in der schwierigen Kunst, ein tadelloses Herrendiner zu arrangiren, besaß, so war er nicht nur stets der Willkommene bei seinen zahlreichen Freunden, sondern geradezu der Gefeierte, dessen Einladungen man mit größter Be⸗ reitwilligkeit folgte. Und trotz dieser bevorzugten Stellung führte August von Froysberg seinen Gast wie im Triumph von Haus zu Haus, es war leicht zu sehen, daß er mit hoͤchster Genugthuung von seinen Kousinen und von dem Hause des Generals Grumbach redete. Erich fühlte deutlich, daß er mit seinem Besuche dem Vetter einen großen Gefallen erwies und dieser suchte ihm auf alle er⸗ denkliche Weise den Aufenthalt auf dem Lande angenehm zu machen.
Zwei Wochen hindurch war Erich in der That nicht zur Be⸗ sinnung gekommen; was ihm aber im Anfang eine Wohlthat gewesen, wurde ihm jetzt schon zur Last. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn riesengroß wuchs die Unruhe seiner Seele über die Zerstreuungen hin, die sich ihm boten. Er begrüßte es daher mit Freude, als Froysberg sich bei ihm beim Morgenkaffee entschuldigte, er habe heute den ganzen Morgen mit einem Baumeister zu thun, den er her⸗ beschieden. Seine verschiedenen Vorschläge, sich die Zeit zu vertreiben, wies Erich dankend zurück. Er wollte rudern, der See lockte ihn.
Und so saß er denn nach ein paar Stunden müßig und müde im Boote und ließ sich auf den dunklen Fluthen des Sees treiben.
Der Himmel war eintönig grau; die dunklen Fichtenwälder in der Ferne— hier und da weite Schilfstrecken unterbrachen die Ufer⸗ scenerie, welche ein mehr oder minder zurückgeschobenes Gutsgehöft, alte schöne Parkbäume, auch wohl Kirchthürme und die rothen Dächer eines Dorfes zeigte. a
Eine stille Melancholie lag heute über der Landschaft— völlig entsprechend dem trüben Sinnen des jungen Mannes.
Er hatte schon manchen thoͤrichten Streich bereut, o, gewiß, aber was„Reue“ hieß, das lernte er jetzt mit Entsetzen mehr und mehr erkennen.
Und dabei lächeln zu müssen— kein Wort zu sagen von den brennenden Schmerzen der Seele, mitten in dem gewohnten Lebens. kreise sich stündlich zu erinnern, daß man nicht in der Lage ist, länger mitzuthun.. ö


