Ausgabe 
20.2.1887
 
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CCC

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Oberhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 8. Gießen, den

20. Februar.

Erna.

Novelle ron L. Haidheim. (Fortsetzung.)

Dieser Auftrag, Emmy von Willwarth kennen zu lernen, mit ihr in dem Blumenladen zu verkaufen. Ach, sie hatte diese Aus zeichnung, welche man ihr seitens des Comité zum Dank für ihres Vaters Großherzigkeit oktroyirte, so sehr gescheut. Wie groß war ihre Furcht gewesen, mit lauter fremden jungen Damen so in Berührung zu kommen. Jetzt gewann die Sache Interesse für sie, sie faßte Muth. Vielleicht war die Schwester des jungen Offiziers ebenso freundlich wie dieser. Aber seine Schwester? War sie das?

Du bist ja so nachdenklich und siehst aufgeregt aus, Erna? fragte die Dame neben ihr.

Ja, Tante Louise, diese Bazargeschichte, die Dich so freute, zieht allerlei Weiterungen nach sich, erwiderte das junge Mädchen und erzählte der Pflegerin ihrer Kindheit, welche in Herrn Calanders Hause zugleich die Stelle der Hausfrau vertrat, die Begegnung im Laden und von den erhaltenen Aufträgen.

Aber das ist ja gut, liebes Kind, Du kommst so mit all diesen Damen in Verbindung und hast gleich eine Position.

Erna lachte schelmisch.

Eine Position für ein paar tausend Mark, die der Papa zeichnete. Ach, das Geld, Tante! Es kann so viel. Aber ich glaube, diesen vornehmen Damen imponirt es doch nicht.

Dein Geld? Dein Vermögen? Pah! Liebste Erna, in diesen Kreisen imponirt es ebenso, wie überall in der Welt. Wärst Du ein Fräulein Habenichts na, natürlich, so sähe man Dich nicht an, aber nun Schatz, traue unsern Erfahrungen in dieser Hinsicht! Ich bin fest überzeugt, Herr von Modlazcek macht heute oder morgen auch seinen Antrag.

Tante, ich sprach nicht drei Worte mit ihm. Aber freilich, mich wundert nichts mehr, sagte leise das junge Mädchen und auf dem Gesichte lag eine tiefe Traurigkeit.

Nun, so nimm doch nicht jeden Antrag tragisch! Lache darüber. Auf die eine oder andere Weise lernt man die Welt immer kennen. Ich habe Dir oft gesagt, daß ich nicht einen einzigen Antrag erhielt, als ich jung und arm war; jetzt, wo ich in der Sparkasse ein nettes Kapitälchen gesammelt, jetzt findet man mich begehrenswerth genug. Peter Smidt und Komp. hat auch mal wieder einen rührenden Brief geschrieben..

Beide Damen lachten, die Aeltere in völlig ruhiger Heiterkeit, die jüngere traurig blickend, so komisch sie Peter Smidts Erwähnung auch berührte.

Tante Louise! Ich glaube dennoch, der alte Herr meint es ehrlich! Er hat ein so gutes, treues Aussehen.

Alte Herr? Er ist vierundfünfzig! Zu alt wäre er für meine fünfundvierzig noch nicht.

Nun, so erhöre ihn doch! Ich würde Dich zwar entsetzlich vermissen, Papa auch.

Erhören? Mein Geld will er. Wenn ich ihm das schenkte, würde er nach mir weiter nicht fragen.

O, Gott, Tante, sprich nicht so, Du zerstörst mir den Glauben an die Menschen.

Hab' ich denn Unrecht? Weißt Du es nicht, auch ohne mich, daß Geld Alles ist?

Erna Calander senkte den Kopf. Auf einmal, nach einer ganzen Weile, fuhr sie aus ihrem Schweigen empor.Nein! nein! nein!

Tante Louise sah sie erstaunt an, sie hatte das Gespräch schon vergessen.

Nein Tante, es giebt doch gewiß irgendwo Liebe.

Freilich! Aber nur der Tausendste findet sie. Die Andern nehmen wissentlich oder betrogen, Talmi: es glänzt und ist billiger und auf Haltbarkeit braucht man nicht zu sehn.

Erna Calander legte die Hand über die Augen. Sie war noch zu jung, um zu begreifen, daß diese Frau, welche ihr, so lange sie lebte, unzählige Wohlthaten erwiesen, jetztaus Liebe den Blüthen⸗ staub rauh von ihrem sich eben erschließenden Herzen hinwegstrich. Sie kehrten dann nach einer schönen, stillen Fahrt in die Stadt zurück. Die Visitenstunde war inzwischen gekommen. Tante Louise stieg vor dem Hause einer Bekannten aus. Erna fuhr zu der Generalin von Grumbach.

Diese und Emmy empfingen das junge Mädchen, welches auf ihre Karte geschrieben hatte, daß es von Frau Ministerialdirektor Werner in Sachen des Bazar für die Ueberschwemmten komme.

Wenn ein Mann wie Erich von der Erscheinung Ernas nur den Eindruck der Schlichtheit und Anspruchslosigkeit hatte, so waren die beiden Damen um so eher im Stande, sofort zu sehen, daß dies überaus einfache aber reizende Hütchen nur von Madame Mouillard sein könne und daß dieses Mantelet trotz seiner Unscheinbarkeit die allerneueste Schöpfung aus dem ersten Konfektionsgeschäft sei.

Besonders Emmy, welche in der Modenfrage lebte und webte und stets auf das Genaueste unterrichtet war über dieselbe, hatte auf den ersten Blick die vornehme Einfachheit dieses erröthenden jungen Mädchens bemerkt und dieselbe bewundert, trotz ihrer eigenen leidenschaftlichen Vorliebe für Spitzen, Bänder und Schleifen.

Erna Calander wer ist das? hatten die Damen sich gefragt, bevor diese eintrat.

Und nun stand sie vor ihnen mit einer anmuthsvollen Be scheidenheit, mit aller Ruhe, welche die Sicherheit in der gesellschaft lichen Form zu geben vermag und doch so schüchtern und mädchenhaft, daß die Generalin sofort dachte: Welch reizendes Mädchen, und in

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