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Selbst sein Vetter ahnte noch nichts, nahm offenbar dienstliche Unannehmlichkeiten als Grund des Urlaubes an und war zu zart, weiter zu fragen. i
In unerquicklichen Gedanken lag er im Kahn und sah in das Wasser, während derselbe langsam mit der Strömung trieb, welche am jenseitigen Ufer entlang zog. 5
Da rief ihn eine Kinderstimme an:„Mann! Mann! pflücke mir eine weiße Blume.“ Eine andere Kinderstimme Tief;„Mir auch eine, Mann. Ach, bitte, mir auch eine.“
Er blickte empor. Eine weibliche Stimme rief leise die Kinder zur Ruhe, mit erschrecktem, hastigen Tone. ö
Ein verwildertes, epheuumranktes Gartenhaus in Form eines alten Thürmchens stand hart am Wasser auf einer steil aus dem See aufstrebenden Terrasse, die von Mauerwerk gestützt wurde.
Das Innere des kleinen Gebäudes bildete nach dem Wasser zu eine offene Halle, deren unterer Theil durch eine Eisenbalustrade geschlossen war. Zwischem diesem Gitter durch streckten sich bittend kleine Arme und Hände und die dazu gehörenden weiß gekleideten Kinder riefen protestirend:„Laß uns doch, Erna, wir wollen Blumen. Der Mann soll sie uns geben.“
„Wartet nur, ich bringe sie schon,“ rief Erich zurück, pflückte einige Wasserlilien und fuhr an das Gitter heran.
Die Kinder jubelten. Er hatte gesehen, daß noch eine dritte Person dort war. Die Kinder nannten sie Erna und ein helles Kleid war für den Augenblick sichtbar gewesen, jetzt aber verschwunden.
Der Knabe, welcher zuerst gerufen, kletterte plötzlich, statt die Blumen, die Erich ihm reichte, hinzunehmen, behend wie eine Katze an dem Gitter empor, und während Erich mahnte:„Thue das nicht, steige sofort herab!“ schwang sich der kleine Taugenichts plötzlich rittlings auf die Brüstung und schrie lustig auf im Triumph über seine verwegene Heldenthat. ü
Zu gleicher Zeit aber war ein junges Mädchrn herzugesprungen, sichtlich in großer und nicht unberechtigter Angst, hatte das Kind umklammert und bemühte sich, es von seinem gefährlichen Platz herab— zunehmen, während jenes sich schreiend und eigensinnig festklammerte.
„Rudi! Rudi!“ Das junge Mädchen sah unbeschreiblich verwirrt und verlegen aus trotz der Angst.
Erich von Willwarth hatte sie sofort erkannt. Das war ja die⸗ selbe Kleine, der er Geld geliehen. Er hatte öfter an ihr liebes Ge⸗ sichtchen gedacht.
Mit einem Satze war er, sein Boot dicht an die Mauer bringend, am Gitter. Eine tiefe plötzliche Freude ließ ihn alle trüben Ge⸗ danken vergessen.
Der kleine Schreihals sah ihn kaum neben sich, so ließ er mit sich machen, was„Erna“ wollte. Ihren Hals umklammernd suchte er jetzt bei ihr Schutz, die ihn eiligst herabhob und auf die Erde setzte, just als Erich ebenfalls in den kleinen offenen Raum sprang.
„Verzeihung, mein Fräulein, meine Absicht, Ihnen gegen das kleine Ungeheuer beizustehen, entschuldigt mein Eindringen,“ sagte er höflich und achtungsvoll, aber doch mit einer Sicherheit, die ihm hier vollkommen statthaft schien. ö
Der Junge zog sich hinter das weiß⸗blaue Sommerkleid der jungen Dame zurück, die, glühendroth, in äußerster Verlegenheit eine feine Stickerei von der Erde aufhob.
Erich kam ihr zuvvr, ihre Hände berührten sich, im Aufrichten blickten sie sich aus nächster Nähe an. a
Ihre Scheu und Unsicherheit erschien ihm reizend und machte ihn um so sicherer. Sie war nicht schön— nicht einmal hübsch im gebräuchlichen Sinne.—
Ihr schlicht gescheiteltes, leicht gewelltes Haar, ihre braunen Rehaugen und der Ausdruck ihres Gesichts gefielen ihm dennoch außerordentlich.
„Es war sehr gütig von Ihnen,—“ stammelte sie.
Er mußte lächeln. Es fiel ihm ein, wie unerquicklich seine Ge⸗ danken noch eben gewesen und er hatte sie alle total vergessen.—
Es fiel ihm auch ein, daß er in diesen vierzehn Tagen öfter als er selbst gemerkt an die Begegnung mit dieser Kleinen gedacht. Wie reizend sah sie aus.
„Im Gegentheil, mein Fräulein, die Anrufe der Kinder weckten mich aus sehr unliebsamen Betrachtungen, und verschaffen mir so höchst unerwartet das Glück, Sie wieder zu sehen.“
„Es war damals eine peinliche Situation!“ lächelte sie.
Wie hieß der Herr nur, der ihm damals schriftlich gedankt hatte? Erich fand den Namen nicht.
Das kleine Mädchen kam zu ihm heran.
„Nicht wahr, Mann, ich bekomme die Blumen? Hugo ist un⸗ artig gewesen, er muß Schläge haben— Erna soll es Mama sagen!“
Der Junge fing an zu brüllen.
„Erna soll es Mama nicht sagen!“
„Wie, ein Mann und heult!“ rief Erich und zog, froh der Gelegenheit, bleiben zu dürfen, den Knaben zu sich her.
Nach zwei Minuten war er mit beiden Kindern in einem leb⸗ haften Geplauder.
Sie erzählten, Papa und Mama seien mit Onkel ausgefahren. Seine Meinung, Erna sei die Bonne, befestigte sich mehr und mehr.
Armes Ding! Sie war so fein und vornehm in all ihrem Thun, und mußte dienen. 8
Ein tiefes Mitleid mit ihr ergriff ihn. Sie war wohl auch arm geworden. Unmöglich konnte sie aus niedrigem Stande sein. „Wollen Sie mir gestatten, einen Augenblick hier auszuruhen und Ihnen Gesellschaft zu leisten, mein Fräulein?“ fragte er bescheiden und sein Ton berührte sie warm und wohlthuender, als im Anfang sein keckes Eindringen.
„Gewiß, Herr von Willwarth,— Sie haben wohl lange gerudert?“ sagte sie und ihr Blick streifte sein etwas wirres Haar.„Ich rudere gleichfalls gern, es macht müde, aber die Bewegung thut wohl.“
„Ich ließ mich treiben. Schlimme Gedanken waren meine Ge⸗ sellschaft und die machen viel müder,“ sagte er unwillkürlich.
„Das ist gefährlich!— Man soll sich nichl treiben lassen,— und gar ein Mann!“— Dabei sah sie ihn in ernster Theilnahme forschend an.
„Das ist wohl wahr, aber soll man auch nicht das Glück ruhig steuern lassen?“
Sie lachte.
„Das thun Sie wohl nicht ausnahmsweise, sondern immer?“
Wie allerliebst sie war! Und wie ihre Augen klug und schelmisch blitzten. Ach, sie hielt ihn gewiß für sehr glücklich.— Und hatte er nicht bis jetzt gethan, was sie sagte?
Er seufzte.
„Das Glück ist falsch!“
„Eine alte Wahrheit—!“
„Man muß sie erst an sich erlebt haben, um sie zu glauben.“
„Ja, wer nicht hören will, muß fühlen!“ lachte sie.
„Ach, wie Sie das sagen, Kind! Sie wissen noch nicht, daß das Fühlen weh thut.“
Es klang schmerzliche Wahrheit aus seinem Ton. Sie sah ihn betroffen und dann sehr mitleidig an.„Und ich hielt Sie für so beneidenswerth glücklich!“
„Dachten Sie denn an mich?“ fragte er dagegen mit auf⸗ leuchtenden Augen, im selben Moment wieder ganz der schneidige Eroberer, der er stets gewesen.
Sie blickte ihn voll und offen an; es lag keine Spur von Herbheit in diesen lieben treuen Augen, und doch erschrak er über seine Keckheit.
„Nun— man irrt ja so leicht in seinem Urtheil über Menschen!“ erwiderte sie, und jetzt flog ein trüber Ausdruck über ihr Gesichtchen.
Er erschrak. Galt das Wort ihm? War sie verletzt von seiner Frage?— Ja, bei Gott! Man mußte sich also mit diesem schlichten kleinen Mädchen sehr in Acht nehmen.
„Aber man darf auch nicht zu sehr geneigt sein, jedem Argwohn Raum zu geben!“ erwiderte er bittend.
Sie verstand ihn, sah mit hellem Lächeln zu ihm auf und nickte.
„Ich habe Sie vorhin schon lange beobachtet,“ sagte sie dann, „und wunderte mich, wie ein Mensch heute so gar verschieden von dem gestrigen sein kann.“
„Nennen Sie das lieber: wie die Maske, die er vor der Welt trägt, ihn so geschickt verhülle!“ erwiderte er mit Bitterkeit.
Sie schüttelte den Kopf und lachte.„Wenn man nur glauben könnte, daß Sie das verständen. Mich dünkt, Sie sind auch zu stolz dazu!“
„Vielleicht zu stolz, die Leute sehen zu lassen, daß ich leide!“
Sie schwieg. ö
In ihrem Blick lag die Frage: Leidest Du denn? oder: Was fehlt Dir?


