. 3 4 8 1 1
1 14 9
. 14 10
103 104
23
198
„Sie hätten sich selbst verheirathen müssen,“ sagte die blonde Braut halb aus Muthwillen. Denn im Ernst, wer hätte sich wohl je in Fräulein Lene verlieben sollen? Komischer Gedanke!
„Man kann nicht immer so, wie man es gern will, liebes Fräulein,“ sagt die Näherin wieder, und abermals steigt in ihrem welken Gesicht jenes feine Roth auf, so daß es beinahe jung aussieht.
„Wollten Sie denn einmal gern?“
Es ist eine unbescheidene Frage, aber dem einsamen alternden Mädchen thut sie wohl. Wie lang, ach wie lange ist es her, seit irgend Jemand nach dem gefragt hat, was einst ihr Herz bewegte. Wer bekümmert sich noch um Fräulein Lene und das, was einst Gutes oder Böses in ihrem Leben gewesen sein mag.
„Das Alles ist so lange her und es kann Sie ja auch nicht interessiren,“ sagt sie, aber es klingt nicht sehr abweisend.
„Doch, es interessirt mich sehr. Sie müssen es mir erzählen!“ ruft das junge Mädchen, deren Theilnahme nun wirklich erwacht. „Wie sah er aus? War er jung und hübsch und mochte er Sie auch gern?“
„Er war sehr hübsch und auch klug und gut, ein wenig jünger wie ich. Wir waren mit einander aufgewachsen. Er hatte keine Mutter und ging bei uns aus und ein. Als wir ganz klein waren, spielten wir mit einander, und als wir größer wurden, lernten wir zusammen. Dann wurden wir zugleich eingesegnet und nach ein paar Jahren verlobten wir uns— wie es denn so kommt.“
„O,“ sagt das blonde Mädchen halb erstaunt,„so waren Sie wirklich verlobt?“ Sie fühlt auf einmal so etwas wie eine Art von Kameradschaft gegen Fräulein Lene.
„Das war ich wohl.“
„Waren Sie damals hübsch, Fräulein Lene?“
„Das glaube ich nicht,“ sagt die andere,„etwas besser wie jetzt werde ich damals wohl freilich ausgesehen haben. Besonderes war gar nicht an mir, aber er hatte mich nun einmal gern, so schlecht und recht, wie ich war.“.
„Aber warum sind Sie denn nicht seine Frau geworden? Ist er“— die Kleine senkt mitleidig die Stimme— vist er gestorben, Fräulein Lene?“
„O nein.“
„Mochten Sie ihn später nicht mehr, oder wie ging es zu.“
„O, es kam so,“ sagt die Näherin wieder, ihr blasses Gesicht ein wenig senkend.„Der liebe Gott hat gewiß gewußt, warum. Erst konnten wir lange nicht heirathen, weil er erst ausstudiren mußte, und dann war die Stelle, die er erhielt, zu klein, um davon leben zu können. Und dann starben die Eltern, und wir
Geschwister sorgen, so gut ich es denn konnte. Die Jüngsten waren
ich konnte ihm doch nicht ein ganzes Haus voll Brotesser mit in
die Ehe bringen, wenn er kaum genug für zwei verdiente. Es geht ja manchmal so, man möchte das eine und das andere möchte man auch, und beides zugleich kann doch nun einmal nicht sein. Da thut man denn eben, was zunächst liegt.“
Fräulein Lene hält inne, näht emsig und seufzt ein wenig— aber nur ganz wenig.
„Aber endlich wurden die Kinder doch einmal groß und konnten sich selbst helfen?“:
„Ja, liebes Fräulein, so lange hatte der Fritz nicht warten wollen. Und ich konnte ja auch nicht verlangen, daß er erst heirathen sollte, wenn wir vielleicht Beide alt und grau wären. Ich war ja noch dazu älter wie er. Und weil er ungeduldig wurde und es ihm zu lange dauerte, meinte er zuletzt, es wäre nur Trotz und Eigensinn von mir, als ich ihn auch noch nicht heirathen wollte,
denn so kommt; eines Tages ging er im Zorn von mir und kam nicht wieder, und mit meiner Verlobung war es aus.“ „Aber das ist ja abscheulich!“ ruft das junge Mädchen empört. „Zuerst meinte ich das auch, denn ich konnte ja doch nicht dafür, daß die Kinder keine andere Stütze hatten als mich. Aber ich glaube doch nicht, daß ich böse auf ihn sein durfte. Es ist ja auch nicht schön für einen Mann, wenn er seine besten Jahre in Einsamkeit verbringen und zuletzt eine Braut mit grauen Haaren heirathen soll, und ein Ende war sa noch nicht abzusehen. Und ich wäre vielleicht auch gar nicht die richtige Frau für ihn gewesen. Er ist gewiß jetzt noch ein hübscher, jugendlicher Mann, und sehen Sie mich nur
waren viel ärmer, als wir gemeint hatten. Ich mußte für die
damals noch klein und mußten gepflegt und erzogen werden. Und
nachdem er eine etwas bessere Stelle erhalten hatte. Und wie es
an, ich würde wohl schlecht zu ihm passen. Ich habe später gehört, daß er in der Welt vorwärts gekommen ist und daß er jetzt ein einflußreiches Amt hat. Seit Jahren freilich weiß ich nun nichts mehr von ihm. Nun denken Sie einmal, wie das für ihn sein müßte, eine Frau zu haben, wie mich. Meine Brüder sind kleine Handwerker— es wollte nicht weiter reichen— was sollte ihm die Verwandtschaft? Und ich wüßte mich ja nicht einmal zu be⸗ nehmen in der vornehmen Gesellschaft, zu der er jetzt gehört. Der liebe Gott wird wohl gewußt haben, warum er es so einrichtete.“
„und als es ihm nun später gut ging,“ sagt das junge Mädchen zögernd,„kam er da nicht wenigstens, um Ihnen zu helfen, da Sie doch so viele Sorgen hatten?“
„O nein,“ sagt Fräulein Lene aufstehend, denn das Kleid ist jetzt zum Anprobiren fertig.„Ich denke mir, er hätte es gewiß gern gethan, denn gut und hülfreich war er immer, aber vielleicht hat er gedacht, daß es sich nicht schicken würde, vielleicht hat er mich nicht finden können, weil ich hierher in die große Stadt ge⸗ zogen war. Es war ja auch viel besser so, liebes Fräulein. Betteln gehen ist ja nicht schön, und uns hat auch ohne das ein Stück Brot nie gefehlt. Es wird schon alles gut so sein.“
„Sie sagen das so ruhig, Fräulein Lene; Sie haben ihn gewiß auch nicht so sehr lieb gehabt?“
Die Näherin antwortet nicht. Ein klein wenig fester schließt sie die Lippen, aber sie sagt nichts als„Darf ich Ihnen nun das Kleid anprobiren?“ g
Aber dem jungen Mädchen liegt das Gehörte noch im Sinn. „Ob Sie ihn wohl noch einmal wiedersehen werden?“ fragt sie, während sie Hut und Promenadenkostüm ablegt.
„Das glaube ich nicht,“ entgegnet Fräulein Lene ruhig.„Wie sollte das zugehen? Er ist jetzt ein vornehmer Herr, und ich bin eine arme Näherin, wie sollte sich unser Weg noch wieder kreuzen? Ja, das eine möchte ich wohl wissen, ob er. eine recht gute Frau gefunden hat, aber ihn wieder sehen—? Ich weiß nicht einmal, ob mir das lieb wäre. Was sollten wir zu einander sagen?“
Sie kniet nieder, die Falten des Kleides zu ordnen.
„Da leben Sie nun so still hin,“ sagt die hübsche Braut, nach⸗ denklich auf sie herabsehend,„und Niemand sollte denken, daß Sie auch einmal Ihren Roman durchlebt haben, wie wir Anderen.“
„Das ist wohl kein Roman,“ entgegnet Fräulein Lene,„das ist ja nur eine einfache Geschichte, wie sie alle Tage vorkommt. Früher, als Mutter noch lebte, habe ich auch wohl Romane gelesen. Da brach den Leuten das Herz, wenn es nicht so kam, wie sie gern wollten. Mir ist ja das Herz nicht gebrochen. Dazu hätte ich auch keine Zeit gehabt, und das war gut. Freilich, es wäre schön gewesen, wenn es anders hätte kommen dürfen, aber das hat der liebe Gott wohl nicht gewollt.“ 5
Sie nestelt die Taille mit Stecknadeln zusammen, denn die Knöpfe und Knopflöcher fehlen noch. Das Kleid sitzt prächtig. Man sollte gar nicht glauben, daß es das Werk des altmodischen, un— eleganten Fräulein Lene ist. Es rieselt um die frischen, jugendlichen Glieder in weichen, schimmernden Falten nieder. Wie schön wird die liebliche Braut sein, wenn Schleier und Kranz sie schmücken!
Nur um den schlanken, weißen Hals ist der Ausschnitt noch zu eng, und die große blanke Schneiderscheere wird hervorgenommen, um das Mangelhafte gleich zu verbessern.
„Ist Ihnen die Kette auch hinderlich?“ sagt das Mädchen und löst während des Sprechens das goldene Geschmeide, an dem ein Medaillon hängt, vom Halse und legt es auf den Tisch. Das Medaillon öffnet sich dabei und sie greift wieder darnach
„Sehen Sie, Fräulein Lene, das ist mein Verlobter. Das Bild ist nicht ganz ähnlich, es ist schon vor Jahren gemacht und er sieht jetzt etwas älter aus. Aber er hat kein Gesicht zum Photographiren; die Bilder mißlingen immer, und dies ältere war noch ähnlicher als die neuen.— Gefällt er Ihnen?“ plaudert sie weiter mit einem schalkhaften Lächeln.„Sieht er nicht lieb und brav und klug aus? Und das ist er auch alles, alles, und noch viel mehr Schönes dazu. Es giebt Leute, die sagen, er sei zu alt für mich— und er ist ja auch nicht mehr ganz jung, fast doppelt so alt wie ich. Aber 8 das Alter thut es nicht, Fräulein Lene. Ich selbst bin oft noch so thöricht und kindisch, daß es grade gut ist, wenn er Verstand und Erfahrung für uns beide hat.“ +
So plaudert sie fort. Vielleicht vergißt sie ganz, daß es nur die Näherin ist, zu der sie spricht, und die Lippe fließt unbewußt
E
eee e
.. ̃ͤͤͤͤ00T——m. ndnd
——..———
7.——
—.—T—ꝙT—ꝙCßß—
r..
e


