Ausgabe 
19.6.1887
 
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und unwillkürlich von dem über, wovon ihr junges, dankbares,

warmes Herz voll ist und was ihre Gedanken so ganz einnimmt, daß sie nichts davon merkt, daß Fräulein Lene wie geistesabwesend auf das kleine Bild starrt und wie die schmalen, welken Wangen sich langsam röthen.

Die Braut drückt das Medaillon zusammen und es schließt sich mit einem hellen, scharfen Ton, bebor sie es auf den Tisch zurück legt. Es ist, als schräke Fräulein Lene wie aus einem Traum empor bei dem feinen, metallischen Geräusch. Sie greift wieder zu ihrer Scheere. Es ist wohl nur Täuschung, daß es so aussieht, als bebte ihre Hand leise. Warum sollte Fräulein Lene aufgeregt sein? Es ist ja gar kein Grund dazu vorhanden, gar keiner.

Sie haben mir noch nie gesagt, Fräulein Werner, wie Ihr Herr Verlobter eigentlich heißt, sagt sie. Sie steht hinter dem jungen Mädchen und schneidet vorsichtig den Stoff ab, der den zier lichen Nacken gar zu sehr verdeckt.

Baumgarten, sagt das Mädchen.Friedrich Baumgarten. Es ist kein hübscher Name, aber das thut nichts, mir genügt er schon. Wußten Sie das nicht? Wie komisch! Und dabei haben Sie meine ganze Aussteuer genäht!

Wie ungeschickt Fräulein Lene doch ist! Beinahe hätte sie einen tiefen, häßlichen Schnitt in den weißen Atlas gemacht und die ganze Taille unrettbar verdorben. Und im nächsten Augenblick fährt die Scheere knirschend durch eine der krausen, goldigen kleinen Locken, die sich aus der hochaufgebundenen Frisur gelöst haben und sich über den Nacken ringeln.

O, ruft die Braut bedauernd,verderben Sie mir auf den Donnerstag nur ja meine Frisur nicht!

Fräulein Lene murmelt etwas zur Entschuldigung und fährt sich mit dem Tuche leicht über Stirn und Hände. Wie heiß es ist, wie sonderbar heiß und schwül so heiß, daß ihr für einen Augenblick die Knie zittern und sie sich an der Lehne des nächsten Stuhles festhält. Aber es ist nur ein Augenblick, und dann geht es vorüber.

Es sitzt wie angegossen, sagt sie, und das ruhige, geduldige Gesicht hat seine gewöhnliche welke Farbe wieder erhalten.Sie werden sehr schön sein am Donnerstag, Fräulein Werner. Und sie löst vorsichtig die Nadeln, welche die Taille zusammenhalten.

An der Stubenthür klopft es und eine Männerstimme sagt draußen:Darf ich hineinkommen?

Er ist es! ruft das blonde Mädchen erschrocken.Nein, nein, Fritz! Einen einzigen kleinen Augenblick ich bin gleich fertig gleich!

br ist es! denkt auch die andere. Sie kennt jene Stimme aus lieben, längst vergangenen Zeiten her, wo sie ihr theurer gewesen ist, als Alles auf der Welt, ausgenommen ihre Pflicht. Und das Herz, das seit so lange gelernt hat, ganz ruhig und geduldig zu schlagen, geht plötzlich ganz schnell, die jugendliche Farbe kehrt noch einmal in das verkümmerte Gesicht zurück und die Hände zittern, da sie nun der ungeduldigen, ängstlichen Braut hastig wieder in die gewöhnlichen Kleider hilft.

Nun darfst Du kommen! sagt das hübsche Mädchen, die Thür öffnend, da sie wieder in Hut und Mäntelchen dasteht und nur an den langen Handschuhen noch knöpfen muß.Bist Du auch bbse, daß ich Dich warten ließ? Fräulein Lene ja, wo sind Sie denn? Sie wendet sich um. Fräulein Lene hat das Stübchen verlassen und ist geräuschlos in das anstoßende Schlafkämmerchen getreten, zu dem die Thür geöffnet ist. Dort steht sie und blickt, selbst ungesehen, in den Nebenraum hinein. 5

Ja, o ja, sie kennt ihn, den Mann, der drüben steht, in dessen dunkles Haupt⸗ und Barthaar sich wohl schon hier und da ein Silberfaden mischt, aber dessen Gesicht sie dennoch unter Hunderten erkannt haben würde, an dessen Arm sich das süße Mädchengesicht einen Augenblick schmiegt und der so stolz und beglückt der leichten Gestalt nachblickt, die sich nun schnell von ihm losmacht. 5

Was fällt Ihnen denn ein? sagt das junge Mädchen lachend, zu Fräulein Lene eintretend,ich wußte gar nicht, wo Sie auf einmal steckten. Mein Verlobter beißt nicht. Also Sie schicken das Kleid spätestens am Mittwoch Abend, nicht wahr? Adieu, Fräulein Lene! 5

Und dann ist sie fort; die Näherin hört, wie von außen die Stubenthür zugedrückt wird. Da öffnet sich dieselbe noch einmal und der reizende blonde Kopf guckt zum letzten Mal herein.

Und wer war dies? und wie machte er's?

Und am Donnerstag kommen Sie in die Kirche, nicht wahr, Fräulein Lene?

Gewiß, sagt das alte Mädchen,ja, ganz gewiß! Thür schließt sich wieder.

Ach, wie heiß es ist! Die hellen Tropfen stehen Fräulein Lene auf der Stirn, und sie sinkt schwer und müde auf einen Stuhl nieder; ihr wird für einen Augenblick schwindelig. Das macht wohl der Rosenduft, der fast betäubend das Zimmer füllt.

Und die

Lose Blätter.

Ein Vorläufer Schillers. Als solchen kann man in gewisser Hinsicht den Freiherrn August Adolf von Haugwitz, aus dem Lausitzischen Zweige dieses bekannten Geschlechts, bezeichnen. Denn er war nicht nur der erste unter den deutschen Dichtern, dem das Leiden und Ende der unglücklichen Maria Stuart den Stoff zu einem Trauerspiele gab; sondern er versuchte sogar auch das wechselvolle Geschick eines andern Schiller'schen Helden, des eisernen Friedländers, dramatisch zu behandeln. Erstere Tragödie erschien 1683 unter dem Titel:Schuldige Unschuld oder Maria Stuarda, Königin von Schottland im Druck; seinWallenstein aber gedieh nur bis zum Ende des ersten Aktes, da der Tod den Dichter bei der Arbeit überraschte.

Ein merkwürdiges Beispiel von Selbstbeherrschung. Ein solches gab De Leon, ein vortrefflicher spanischer Dichter des 16. Jahrhunderts.

Erzählt wird uns, daß er Jahrelang einsam und im Finstern in den Kerkern der Inquisition schmachtete, weil er die für Spanien große Kühnheit an den Tag gelegt hatte, einen Theil der Bihel in seine Muttersprache zu übersetzen. Als man ihn endlich auf Verwendung seiner Gönner frei ließ und ihm seinen Lehrstuhl zurückgab, strömten die Studenten in Masse in seine erste Vorlesung, weil sie glaubten, daß er über seine lange Haft sprechen werde. Der kluge Gelehrte war jedoch zu einsichtsvoll, um sich in An⸗ schuldigungen zu ergehen. Einfach knüpfte er an die Vorlesung an, die vor fünf Jahren so traurig unterbrochen worden war, begann mit der ge⸗ bräuchlichen Formel:Gestern sagten wir und ging sofort auf den Gegen stand ein. Th. B.

Der erste Umschiffer des Kaps der guten Hoffnung. Fray Vieyra (ein portugiesischer Predigermönch) erzählte seinen Andächtigen:Nur ein Mensch umsegelte das Vorgebirge der guten Hoffnung vor den Portugiesen. Es war der Prophet Jonas im Bauche des Walfisches. Der Walfisch verließ das Mittelländische Meer denn er konnte keinen andern Weg nehmen schwamm die Küste von Afrika zur Linken, an Aethiopien und Arabien vorbei, dann in den Euphrat, näherte sich dem Ufer Niniveh, machte aus seiner Zunge eine Brücke für den Propheten und ließ ihn an's Land steigen. R p.

Der Großfürst Michael besuchte in Begleitung vieler mit Orden ge⸗ schmückter Herren die St. Petersburger Sternwarte. Astronom Struve empfing den hohen Gast, benahm sich aber verlegen. Ein Hofherr äußerte dem Großfürsten seine Verwunderung darüber.Kein Wunder, entgegnete eStruve überraschte es, so viele Sterne am unrechten Platze zu sehen. M.

Rasche Auskunft. Der berühmte Schauspieler Odry in Paris wurde eines Abends bei der Bibliothek, Straße Richelieu, plötzlich von einem handfesten Kerl angefallen mit dem Ruf:Die Börse oder das Leben! Ohne die Fassung zu verlieren, antwortete Odry rasch:Die Börse ist in der dritten Querstraße rechts, und das Leben betreffend, so rathe ich Euch: Aendert das Eurige. M.

Gefrorenes. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts hatte man zuerst Trinkbecher aus Eis und in Eis gefrorenes Obst. Im Jahre 1660 kam ein Florentiner Prokop Cotaux auf den Gedanken, wohlschmeckende Speisen und limonadenartige Getränke gefrieren zu lassen und im Verein mit Le Ferre und Foi verkaufte er einige Jahre lang allein diese Erfrischungs⸗ waaren, die 1676 bereits die besten Artikel der Limonadiers bildeten, welch letztere auch um diese Zeit Innungsrechte erhielten. Paris zählte damals 250 Meister dieser Kunst. Obwohl 1690 gefrorene Liqueure schon sehr all gemein waren, nahm man dieselben nur in den heißesten Sommermonaten, bis 1750 Dubisson anfing, das ganze Jahr hindurch allerlei Gefrorenes bereit zu halten. M.

Katzendressur. In Westfalen ist die Redensart verbreitet:Es ging ihm auch wie Tobolt's Katze, der ging die Natur über die Lehre. Dieser Biedermann hatte nämlich seine Lieblingskatze abgerichtet, ein Licht zu halten. Nun erschien ihr eine Maus, und sie hielt gravitätisch das Licht fest; als die zweite durch die Stube lief, wackelte das Licht, und als gar die dritte sich den Andern zugesellte, ließ unsreMies das Licht fallen, sprang dem Thierchen nach und verschlang es. Fh. B.

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