Ausgabe 
19.6.1887
 
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Das wollen wir hoffen, sagt das hübsche, blonde Mädchen, ich könnte mich doch auch nicht im Reisekleid trauen lassen.

Während sie spricht, steigt langsam ein liebliches Roth in ihrem jungen Gesicht empor bis an die feinen, krausen Härchen um die Stirn her und die Spitzen, welche den weißen Hals umschließen.

Ich kam auch gar N nicht aus Angst, son⸗ dern wollte nur vor⸗ sprechen, weil ich doch vorbei mußte und dachte, einmal öfter anprobiren könnte nicht schaden. Mein Verlobter kommt in etwa einer Stunde hier vor und holt mich ab. Er hatte unterdeß Besorgun⸗ gen zu machen und ist weiter gefahren.

Sie setzt sich auf den Stuhl, den ihr Fräulein Lene ge⸗ bracht hat, der Nähe⸗ rin gegenüber, stützt beide Arme auf den Tisch und sieht den fleißigen Händen zu, die erst noch etwas an dem Kleide zu ändern haben, bevor es an's Anprobiren gehen kann.

Werden Sie auch zu meiner Trauung in die Kirche kom⸗ men, Fräulein Lene, oder haben Sie keine Zeit?

Gewiß, sagt Fräulein Lene, und indem sie spricht, sieht ste empor, und ihr Blick haftet mit einem weichen und liebe⸗ vollen Ausdruck auf dem köstlichen Rosen⸗ strauß. Ach, was für liebliche Erinnerun⸗ gen und glückliche, freie, weit entfernte Kindertage weckt der süße Duft in ihr.

Für Sie werde ich doch Zeit haben, Fräulein Werner, Ihre Aussteuer ist ja jetzt fertig bis auf das Kleid, und am Donnerstag mache ich mir einen freien Nachmittag, um Sie in der Kirche zu sehen.

Die kleine Braut nickt. Ja, Fräulein Lene hat die ganze Aussteuer genäht, obgleich man weit elegantere und modernere Schneiderinnen hätte haben können, und eigentlich war es ein Wagestück, ihr das Brautkleid anzuvertrauen. Aber sie hat nun einmal eine wunderliche Vorliebe für die stille alte Jungfer mit dem geduldigen Gesicht. Wie behende die schmalen Finger die Nadel rühren, und wie zerstochen die Spitze des linken Zeigefingers ist!

Fräulein Lene?

Die Näherin.

Nach dem G

7..

Die Näherin blickt wieder empor.

Wohnen Sie hier eigentlich ganz allein? Ich habe noch nie Jemanden hier getroffen.

Ja, ganz allein, sagt Fräulein Lene.

Wie schrecklich! Ist es nicht sehr langweilig?

O nein, sagt Fräulein Lene,ich habe mich jetzt daran gewöhnt.

Haben Sie hier immer gewohnt?

Onein, aber doch schon recht lange. Sie streicht mit dem Fingerhut die Kehr⸗ seite einer Naht glatt,

Wo wohnten Sie denn früher? fragt das junge Mädchen mit plötzlich erwa⸗ chender Neugierde.

Als meine Eltern noch lebten, wohnten wir in einer kleinen Stadt; es war bei⸗ nahe wie auf dem Lande. Wir hatten einen hübschen, gro⸗ ßen Garten und Lin⸗ den vor der Haus⸗

thür.

Warum sind Sie denn hierher ge⸗ zogen?

O, das kam so, sagt Fräulein Lene, undzieht einen neuen Faden durch die Nadel.

Gefiel es Ihnen nicht besser in dem kleinen Orte? Hier wohnen Sie so hoch und es ist so ein⸗ sam für Sie.

Man kann es ja

wie es am schönsten ist, entgegnet Fräu⸗ lein Lene, aber wäh⸗ rend sie spricht, geht über ihr stilles, ge⸗ duldiges Gesicht et was wie ein leises Roth.

Ich mußte hier⸗ her ziehen, damit meine Schwester et⸗ was lernen könnte, das ging im kleinen Orte nicht so gut.

Haben Sie eine Schwester? Warum ist sie denn jetzt nicht mehr bei Ihnen? fragt das Mädchen, weniger, weil sie dies alles wirklich interessirt, als aus müßiger Neugier, weil ihr die Gedanken daran zufällig kommen.

Sie ist schon lange verheirathet, entgegnet Fräulein Lene.

Wollten Sie da nicht mit ihr ziehen?

O nein, es ist wohl nicht gut, wenn die Frau gleich ein Haus voller Verwandten mit in die junge Ehe bringt. Auch hatte ich noch für meine Brüder zu sorgen.

emälde von Harburger.

während sie spricht.

nicht immer so haben,

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