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Und der Sommernachmittag schleicht durch die breiten, schatten⸗ losen Straßen der großen Stadt, und wer da kann, überläßt ihm das Reich draußen allein bis zu den kühlen Abendstunden und flieht in irgend ein schattiges Gemach hinter fest zugezogene Vorhänge. Es ist einer der wenigen wirklich heißen Tage des Jahres, und wer es vermag, legt die Arbeit aus der Hand.
Aber nicht allen wird es so gut. Sie freilich, die in anmuthigen Villen im eleganten Stadttheil leben, sie können ohne Schaden das Gefühl wohligen Nichtethuns über sich kommen lassen, aber manch einer haust im dumpfigen Dachstübchen, durch dessen fadenscheinige Vorhänge sich das sengende Licht zudringlich und fast unbehindert seinen Weg sucht, um auf fleißige Hände zu scheinen.
In einem solchen Dachstübchen sitzt Fräu⸗ lein Lene und arbeitet an einem weißen Atlas— kleide mit langer, glat⸗ ter Schleppe. Es ist ein Brautkleid, und Fräu⸗ lein Lene ist eine Nähe— rin. Sie hat den großen, viereckigen Schneider⸗ tisch, der sonst am Fen⸗ ster zu stehen pflegt, weggerückt bis in die Mitte der Stube, der herabgelassene Kattun⸗ vorhang vor dem geöff— neten Fenster gewährt aber nur wenig Schutz gegen die Sonnenstrah⸗ len, die dennoch herein— dringen in das kleine, dumpfigeGGemach. Dann und wann trocknet sich Fräulein Lene vorsichtig an einem reinen, weißen Tuche, das neben ihr liegt, die Hände, welche in der Hitze so leicht feucht werden. Weißer Atlas ist so empfindlich. Und dann dreht sie wie— der emsig weiter an dem leise rasselnden Rad der Maschine.
Wie sie so sitzt, das stille Gesicht mit dem geduldigen Zug um den Mund ruhig über ihre Arbeit gebeugt, kann man nicht recht errathen, wie alt Fräulein Lene wohl sein mag. Sie gehört zu den Erschei— nungen, die nie recht jung und nie recht alt aussehen. Alles an ihr ist so farblos, der Teint, die Augen, welche weder blau noch grau sind, das Haar, an dem man nicht recht unter⸗ scheidet, ob ihm die Zeit diese neutrale Färbung verlieh, oder ob es schon vor zwanzig Jahren so ausgesehen haben mag. Sie trägt es in zwei dünnen Flechten am Hinterkopfe zu einer kümmerlichen Schnecke aufgesteckt, welche ein häßlicher, altmodischer, hörnerner Pfeil zu⸗ sammenhält. Ihre Schultern sind ein wenig nach vorn geneigt, wie es Näherinnen leicht thun, und vielleicht läßt das die schmale Gestalt noch schmächtiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Krank sieht Fräulein Lene trotzdem nicht aus, nur verkümmert, als hätte sie nie Zeit gehabt, jung zu sein, und an der ganzen Person in dem sauberen, dunklen Kattunkleide ist eigentlich nichts Besonderes, als der eigenthümliche Ausdruck ruhiger Geduld, der in den stillen Augen und um den nicht unschön geformten Mund liegt. Nein, doch. Fräulein Lene hat feine, schmale Hände mit zierlichen Fingerspitzen und wohl⸗
In Todesängsten. Ein Bild nach dem Leben von C. Koch.
gehaltenen Nägeln. Wenn man diese Hand allein sähe, ohne Zu—
behör, so könnte man fast denken, Fräulein Lene sei einmal eine
Dame gewesen.
Das kleine Gemach, obgleich eine Schneiderwerkstatt, sieht sauber und aufgeräumt aus. Weder Flicken, noch Fäden, noch zerstreute Stecknadeln liegen umher. Das Zentimetermaß ist sorgfältig auf gerollt, und die Kreide liegt in ihrem eigenen Kästchen neben der großen Scheere. Kein Stäubchen verunziert die wenigen Möbel, die umherstehen, nicht hier und nicht in der angrenzenden Schlaf kammer, nach welcher die Thür geöffnet steht, um es luftiger zu machen.
Jemand klopft leise draußen mit behandschuhtem Finger, und dann öffnet sich auf das„Herein!“ von Fräulein Lene die Thür und es erscheint zuerst ein großer, prächtiger Rosenstrauß und dann ein junges, reizendes Gesicht, zart und frisch unter einem breitran⸗ digen Strohhut.
„Guten Tag, Fräu⸗ lein Lene,“ sagt eine helle Stimme, und nun steht mitten im Zim⸗ mer ein schlankes, blon⸗ des, mit anmuthiger Ele ganz gekleidetes Maͤd chen.„Ah— wie heiß es hier bei Ihnen ist, — zum Ersticken— fast noch schlimmer, wie draußen auf der Straße. Da habe ich Ihnen ein paar Rosen mitgebracht, sie blühen jetzt so präch⸗ tig bei uns im Garten.“
gestanden und nimmt den wunderschönen Strauß aus den fein behand⸗ schuhten Fingern. In ihre Augen ist plötzlich ein heller Glanz getre⸗ ten und auf ihrem farb- losen Gesicht liegt ein feines Roth der Freude.
„Rosen!“ sagt sie, das Gesicht über den viel⸗ farbigen Strauß nei⸗ gend und den Duft einathmend,„wie das duftet!— O, ich danke Ihnen, Fräulein! Es sind die ersten in diesem Jahre.“
„Die ersten!“ lacht die junge Dame.„Gott bewahre! Die letzten würde eher passen. Die Rosenzeit ist nächstens vorbei.“
„Die ersten für mich.“ Fräulein Lene ist an den Schrank ge⸗ gangen und hat eine altmodische Vase von grünem Glas mit Gold rändern hervorgeholt, füllt sie zur Halfte mit Wasser und stellt die Blumen hinein.
„Sie wollen unmöglich sagen, daß Sie den ganzen Sommer noch keine Rosen gehabt haben? Sie blühten so köstlich in diesem Jahre.“
„Ich komme so selten hinaus,“ sagt Fräulein Lene. gar nicht bitter, weit eher wie eine Entschuldigung.
„Aber es ist doch nun einmal Sommer,“ entgegnet das junge Mädchen, beinahe ungeduldig.
„Er hat so weit bis zu mir herauf,“ sagt Fräulein Lene wieder ganz ruhig,„und ich habe so wenig Zeit, Fräulein Werner. Sie kommen wohl des Kleides wegen? Sie hätten sich nicht zu ängstigen brauchen, es wird gewiß fertig.“
Die Näherin ist auf
Es klingt
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