Ausgabe 
19.6.1887
 
Einzelbild herunterladen

ö 195 D

überschüttet. Schnell suchte sie ihr Lager wieder auf. Frost und Hitze wechselten in immer kürzeren Pausen mit einander ab, und als der Morgen kam, lag die blonde Henny im heftigsten Fieber.

3

Auch Erna Steinbach hatte die Nacht schlummerlos hingebracht. In ihr drängte Alles nach Aufklärung und rückhaltloser Beichte dem Geliebten gegenüber, der nun auch ihr Retter geworden war, aber noch ebenso heftig sträubte sich ihr Stolz, ihren Namen durch ein schmachvolles Vergehen des einstigen Gatten gebrandmarkt zu be⸗ kennen. Mit diesem Geständniß glaubte sie sich für immer von der Theilnahme und Achtung aller rechtlichen Menschen ausgeschieden.

Zuletzt, als das Verlangen zwingender ward, die zweifelhafte Situation, welcher Berger sie entrissen, in seinen Augen aufzu klären, um wenigstens ihre persönliche Ehre von Verdächtigungen freizuhalten, entschloß sich die junge Frau zu einer schriftlichen Mit⸗ theilung. i

Es sollten nur wenige Worte sein, mehr andeutend als aus führlich schildernd, aber die verhaltenen Qualen gestalteten sich ohne Wissen der Schreiberin zu einem herzerschütternden Erguß, welcher von dem ersten Tage ihrer unseligen Jugendneigung ausging und mit den Seelenkämpfen der letzten Tage schloß. Es war ein um fassender, nichts verschönernder, nichts verheimlichender Bericht, ein unfreiwilliges und desto rührenderes Bekenntniß ihrer Liebe zu dem Empfänger des Briefes, ihrer eingebildeten Mitschuld, ihrer Hoffnungs losigkeit, sowie ihres Trennungswehes.

Zuletzt übermannte Erna der Schmerz um ihr verfehltes, ent ehrtes Dasein, und heiße Thränen verwischten den Namen, welchen sie mit zitternder Hand unter dieses Schriftstück gesetzt.

Die Kerzen verlöschten, der Morgen brach an. Licht und golden rangen sich seine Frühstrahlen aus den nebelfeuchten Armen der Nacht empor. Auf den Tannenspitzen des Waldes zuckten sie hin und her wie Elmsfeuer, wenn der Morgenwind einen weißen Schleier nach dem andern aus den grünen Aesten hob und zerflatternd in die Lüfte warf.

Die erste Botschaft, welche das Lindenhaus erfüllte, war eine Hiobspost. Der Liebling Aller, die blonde Henny, lag erkrankt zu Bett. Gerhard von Valingen, von seiner erschrockenen Mutter zuerst davon benachrichtigt, fühlte Reue über sein schroffes Verhalten,

da er nicht anders glaubte, als die ungewohnte Gemüthserschütterung.

Henny's habe diesen Fieberzustand hervorgerufen. Und er hatte fürchten können, seine Macht über dieses allzu empfindsame Herz sei erloschen? Es kam ihm jetzt selbst lächerlich vor, eine solche Annahme auch nur für Sekunden geglaubt zu haben. Diese weiche Regung in ihm ward durch die Schilderungen seiner Mutter nur vermehrt, als er vernahm, daß Henny an deren Brust heftig geweint und sich den Tod gewünscht habe, um nur kein Aergerniß mehr geben zu können. Zu jeder andern Zeit würde der Baron sehr wohl ge wußt haben, was derlei Betheuerungen aus dem Munde eines sieb zehnjährigen Mädchens zu bedeuten haben, heute ward es ihm selt sam bange dabei zu Muthe. Er mußte sich den traurigen Blick der sonst so strahlenden blauen Augen fort und fort in's Gedächtniß rufen, mit welchem Henny ihm gestern Abend sein Geschenk zurück⸗ gegeben hatte. Was fürchtete die kleine, holde Thörin denn? Was hätte sie fürchten können? Wie vermißte er doch ihr fröhliches Lachen, ihr zärtliches Ungestüm, wie vermißte er sie doch ganz und gar!

Es klopfte. Ilda von Satrup trat herein, sehr niedergeschlagen zwar, aber doch fest und mit sicherer Haltung.

Valingen ging ihr freundlich entgegen.

Ich komme von unserer lieben Henny, begann Ilda mit leiser stockender Stimme, ohne die braunen Augen aufzuschlagen.

Nun, und? fragte der Baron ermuthigend.Es ist doch nicht schlimmer geworden?

Nein! Aber Henny sagte mir, sie habe Ihnen etwas ver schwiegen, Herr Baron!

Verschwiegen? Mir? Was könnte das sein, mein gnädiges Fräulein? fragte er gespannt.

Einen Moment stockte Ilda vor diesen ernsten forschenden Blicken, dann sagte sie schnell, aber nicht allzu deutlich:Der alte Brink mann ich war damals mit als Kammerjungfer zu ihm gegangen Henny als Martha, ich als Julia Flotow! Das wollte ich Ihnen nur bekennen, Herr Baron!

Wirklich? rief er sichtlich erleichtert.Sie waren dabei? So war das liebe, unvorsichtige Mädchen nicht ganz allein? Nun, Gott sei Dank! Das Bewußtsein Ihrer Nähe beruhigt mich unendlich! Aber nein, unterbrach er sich halb ärgerlich, halb lachend,welche tolle Idee! Die beiden schönsten Lindenblüthen als Kammerjungfern! Wer in aller Welt kann Ihnen denn für etwaige Folgen gut sagen?

Ja, es ist schrecklich! seufzte Ilda aus tiefster Ueberzeugung. Einer natürlichen Ideenverbindung folgend, fragte sie alsdann er⸗ röthend:Haben Sie vielleicht gehört, Herr Baron, ob mein goldenes Armband im Walde gefunden worden ist?

Nein, in der Inspektion ist nichts abgegeben! Soll ich einen Anschlag machen lassen?

Oh, ich danke, ich danke! rief Ilda, sich verabschiedend. Bei sich dachte sie:Am Ende kommt der Fremde wieder mit der brennenden Cigarre im Munde und nennt mich in Gegenwart Aller Schöne Kleine. Ich müßte ja sterben vor Scham!

Wollen Sie Ihrem Herrn Vater in meinem Namen einen guten Morgen wünschen! sagte der Baron, das junge Mädchen bis zur Thür geleitend und dieselbe öffnend.Wer weiß, ob ich heute das Zimmer verlassen werde!

Ach, richtig, das hätte ich beinahe vergessen! erwiderte Ilda eifrig. Papa läßt Sie bitten, Herr Baron, sich wenn irgend mög lich vor Tisch oder nach Tisch bei ihm einzufinden. Er möchte Ihnen eine Neuigkeit, eine so eben eingelaufene Nachricht mittheilen.

Doch nichts Unangenehmes? fragte Valingen theilnehmend.

Ilda lächelte, was ihrem feinen Gesichtchen außerordentlich reizend stand.Ich denke nicht, obwohl diese Angelegenheit für mich ein Geheimniß ist. Papa schien aber sehr vergnügt.

Ich werde erscheinen, so bald Mama mich für abkömmlich er⸗ klärt. Nochmals meine Empfehlung an den Herrn Geheimrath!

Da in diesem Augenblick der Arzt Henny's Zimmer verließ, erfuhr der Baron zu seiner Beruhigung, daß es sich nur um ein starkes Erkältungsfieber zu handeln scheine, dessen Ausgang bei einer so kräftigen jungen Natur zu keinerlei Bedenken Veranlassung gebe.

Nichtsdestoweniger wich die Baronin keine Sekunde vom Lager ihres Lieblings und fühlte sich in Folge dessen am Nachmittage bereits so ermattet, daß der Baron beschloß, eine etwaige Nachtwache nimmermehr zu dulden.

(Schluß folgt.)

Fräulein Lene. Von Eva Treu.

Heiß und müde streckt sich der Sommernachmittag über die Welt.

Er kriecht über die Felder, und alles Gethier dehnt träge die Glieder und sucht Ruhe im Schatten irgend eines Baumes oder Strauches. Der Wandersmann biegt ab vom staubigen Fahrweg und schlendert bis zu dem nächsten moosbewachsenen Platze, streckt sich hin und läßt die leichtfertigen Schmetterlinge und die blauen Fliegen träumerisch um sich her schwirren, ohne auch nur die Hand regen zu mögen, um sie abzuwehren, bis ihm die Augen allmählich zufallen und sich nicht eher wieder öffnen, bis die heißeste Stunde vorüber ist. Schwerfällig langsam rasselt der Lastwagen über die Chaussee, von deren Steinen die Hitze fast unerträglich zurückstrahlt. Pferde und Fuhrmann scheinen halb im Traum zu sein, denn es kommt dem Manne unter dem Plandach nicht ein einzigesmal in den Sinn, die Peitsche zu heben.

Nicht ein Lüftchen regt sich. Völlig wolkenlos breitet sich der grelle, blaue Himmel bis zum leicht verschleierten Horizont; auf den Mauern und über Steinen spielt und flirrt die Hitze. Blank und kraß liegt das Sonnenlicht über der Erde. Jede Blume hat sich so weit entfaltet, als es ihr möglich ist, gleichsam die Arme dem glühenden Strahl entgegen breitend.

Ueber dem Wasser liegt er, über dem weiten Strand, der Sommer⸗ nachmittag, und unter ihm wird die flimmernde, sonst so bewegliche Fluth seltsam still. Die Wellen glätten sich, wie ermattet und rieseln nur noch leise fluͤsternd durch einander; der frische Hauch, der sonst über dem Meere liegt, scheint zum Athmen zu träge zu werden, kaum, daß er sich regt. Gierig saugt der feine, gelbe Sand am Strande das Licht und die Wärme in sich auf, als müßte er sie auf speichern für all die dunklen, kalten Tage, die noch kommen werden.