Ausgabe 
19.6.1887
 
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kleinen Hände in Schmerz und Zorn heftig zusammen, als sie an von ihrem weichen Handgelenk los, denn sie glaubte es daran brennen Erna Steinbach's Thür vorüberschritten. zu fühlen. Dann sah sie thränenlos und still gefaßt zu Valingen

Schon vor der Schwelle ihres Schlafgemachs angelangt, fiel es auf.Ja, bringe mich morgen schon fort, wohin Du willst, mir der gutmüthigen Baronin ein, sich noch einmal nach dem Befinden ist Alles gleich! Ich bitte Dich darum! Und hier, ihr Kinder- 194 der zurückgebliebenen jungen Frau zu erkundigen, vielleicht wollte sie herz quoll doch so unsäglich warm über gegen den eigenen Willen,

i damit auch den ersten Sturmausbrüchen ihres sehr thränenreichenhier ist Dein Geschenk wieder, gieb es an sie konnte nicht Lieblings aus dem Wege gehen. vollenden; um ihr jetzt schnell überströͤmtes Antlitz vor ihm zu ver⸗

5 Sie ging und Henny befand sich nunmehr im gemeinschaftlichen bergen, stürzte sie fort in ihr angrenzendes Schlafzimmer, dessen 9 Wohnzimmer dem Baron allein gegenüber. Letzterer, ohne zu be- Thür sie hinter sich verschloß. 5 merken, daß des jungen Mädchens Augen wie gebannt an seinem In diesem Moment kehrte die Baronin zurück und vernahm 9 abgewandten Antlitz hingen, wandte sich plötzlich und durchaus un- von ihrem Sohn die neueste Heldenthat ihres muthwilligen Lieb- . erwartet mit der Frage an sie: lings. Sie war gleichfalls zu Tode erschrocken bei dem Gedanken, fWann warst Du bei dem Dienstbotenvermiether Brinkmann[was Henny auf diesem Streifzuge hätte begegnen können, um so 1 in Liebstadt? mehr, als der Baron ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sich 5 Sie starrte ihn wie ein Räthsel an. diese Schreckbilder mit selbstquälerischer Phantasie ausmalte. Indessen

Ich wünsche die Wahrheit zu hören, sagte er, sehr erregt vor die beruhigende Gewißheit, ihr Pflegekind glücklich und unbeschädigt * ihr stehen bleibend.Vielleicht an jenem Nachmittag, wo Du durch- zurückerhalten zu haben, milderte die Angst beträchtlich. Sie nannte 5. aus daheim zu bleiben verlangtest? das Ganze zuletzt einen Schelmenstreich, eine geniale Laune. Aber * Jetzt war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie wollte seine Hand diese milde Stimmung schwand schnell, als ihr der Baron Henny's 3 ergreifen, die er ihr aber ausdrücklich entzog.Vergieb, ich habe Wunsch mittheilte, morgen schon aus ihrer mütterlichen Obhut ent⸗ * mir nichts Böses dabei gedacht! Der Gedanke war so lustig lassen zu werden. Sie begann bitterlich zu weinen und ihren Sohn 5So lustig? warf er mit einer ihr unbekannten Bewegung der Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit anzuklagen. 1 und ohne Erbarmen mit ihren flehenden Blicken ein.So lustigDas hat noch gefehlt, sagte Gebhard von Valingen, obwohl 1 war es also, Dich in Gefahren zu begeben, die mich jetzt noch, ihm selbst, nun die Ausführung seiner Drohung eine Pflicht ge. 1 wenn ich nur daran denke, mit Angst und Pein erfüllen? So worden, unbehaglich zu Muthe war,daß Du Henny's Partei gegen lustig, meine zärtliche Aufmerksamkeit zu hintergehen, meine er mich ergreifst! stockte flüchtig und sah die zitternde reizende Sünderin finster anIch erziehe sie mit Liebe, Du mit Strenge, klagte die Baronin, Sorge mit einer Lüge zu verhöhnen? Ja wohl, mit einer Lüge! nach Henny's Gemach schreitend.Was sind die Folgen? Sie will 1 wiederholte er schroffer, als Henny laut zu weinen begann.Du fort und ich bleibe allein! a 14 hast gezeigt, daß Du den Namen, welchen Du bald tragen sollst,Nun gut! rief der Baron auf's Aeußerste erregt.So mag i nicht würdigen kannst, das ist schlimm; Du hast gezeigt, daß Dein es sein Bewenden haben. Behalte Henny bei Dir und ich werde Leichtsinn, Dein Muthwille vor keinen Grenzen zurückscheuen, das auf unser altes Stammgut zurückkehren. Dann brauche ich Deine ist schlimmer; aber Du hast mir auch gezeigt, daß meine Zufrieden gänzlich falsche Erziehungsmethode nicht mit anzusehen. Theile ihr heit, meine Zuneigung, meine Bemühungen und Lehren Dich kalt meinen Entschluß mit. Und nun gute Nacht! 13 und gleichgültig lassen, das ist am schlimmsten, denn ich sehe hier Trotz ihres Kummers hatte Henny in der angrenzenden Stube 5 mit meine Macht zu Ende gehen! Wort für Wort dieser ziemlich laut geführten Unterredung ver⸗ Vergieb! bat sie, beide Arme ihm entgegenstreckend.Ich nommen und ihr Schmerz ward durch den Gedanken vermehrt, die habe aus Thorheit gefehlt, es soll nie wieder geschehen, nie, ich Ursache eines ernsten Zerwürfnisses zwischen Mutter und Sohn ge

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schwöre es Dir! worden zu sein. Sie konnte demnach durch die Liebkosungen der 1Du allein auf der Landstraße! brach es ihm abermals heftig Baronin und deren Versprechen, Alles wieder in das alte Geleise * über die Lippen.Du der Rohheit und Gefahr ausgesetzt es zu bringen, nur schlecht beruhigt werden, und obwohl von sorg⸗ * ist empörend! Allein in fremde Häuser zu gehen, Dich der Miß- lichen Händen entkleidet und in die Kissen gedrückt, fand Henny . deutung, dem Spott preiszugeben, Du er faßte ihre Hand und heute zum ersten Male in ihrem Leben keinen Schlummer.

drückte sie heftigdie von uns, von mir auf Schritt und Tritt Sie lag mit offenen Augen und rastlos arbeitenden Gedanken.

wie ein empörend! unterbrach er sich noch einmal. Wenn sie morgen fortging, betrübte ihr Scheiden das treueste Mutter-

Henny hätte ihr Leben darum gegeben, wäre ihr nie der un- herz empfindlich, hinwiederum, wenn sie blieb, verbannte sie den glückselige Einfall gekommen, der gelangweilten Lady Harriet nach- geliebten, ach, trotz aller Vorwürfe nur doppelt geliebten Freund ahmen zu wollen. Es schwebte ihr auf der Lippe, zu ihrer Ent- aus einem ihm sehr werthen Kreise. schuldigung Ilda's Betheiligung an dem thörichten Streich anzu Was thun? Ihre Unruhe wuchs. Freilich, das Stammgut selbst führen, da der Baron von dieser ersichtlich nicht unterrichtet war, hatte ihrem romantischen Herzen stets besonders wohlgefallen mit aber Großmuth und Freundschaft siegten; sie verschwieg Ilda's Namen seinem altersgrauen Schloß, in dessen Bogenfenstern sich der Abend- standhaft. himmel hinreißend prächtig wiedermalte. Wie majestätisch hallte

Und nun, fuhr Gebhard von Valingen fort, ohne seine zür⸗ dort jeder Schritt in den hohen gewölbten Gängen wieder und die nenden dunklen Augen von dem thränenfeuchten Antlitz der buß⸗ vielen Schwalbennester an den steinernen Balkons und den drolligen fertigen Sünderin abzuwenden,ist es bei mir entschieden. Wir Thürmchen, wie traulich schmückten und belebten sie das schweigsame haben keine Macht über Dich, wie Du gezeigt hast, so soll denn[Gebäude. Dort im Erkerzimmer mit den buntseidenen Tapeten hatte eine fremde Macht Deine Erziehung vollenden. Geschähe es nicht sie neben Valingen so manches Mal die Sonne hinter dem Föhren⸗ aus Rücksicht für Dich selbst, so würde ich Dich morgen schon nach] walde niedersinken sehen und seine Hand dabei fest in der ihren Dresden in die Pension der Madame Augustin bringen, denn der gehalten. Nun würde bald Erna Steinbach diesen Platz einnehmen, Gedanke, daß jener Mann trotz meines Verbotes plaudern könnte er würde sie in seine Arme schließen und

Es begann Henny vor den Augen zu schwindeln. Jetzt hatte Es überdrang Henny glühend heiß. Ihr ganzer Korper war das Schreckgespenst, das drohende, sie doch erreicht. Sie stürzte zu] wie in Gluth getaucht. Sie konnte es in den Kissen nicht länger Valingen, aber er wies sie mit sprechendem Unwillen von sich ab. aushalten oder sie glaubte ersticken zu müssen. Ohne Besinnen sprang Da zog ein anderes gewissermaßen lähmendes Gefühl durch ihre sie zur Erde, riß den Vorhang zurück, öffnete einen Fensterflügel heißschlagenden Pulse, daß sie plötzlich die erhobenen Arme sinken und athmete die mondstrahlende, empfindlich frische Nachtluft der ließ und mit bleichen Wangen von dem überraschten Baron zurück Berge mit Entzücken ein.Lieber sterben, als das erleben, flüsterte trat. Der Gedanke an seine Liebe zu Erna Steinbach überwältigte sie vor sich hin und ahnte nicht, daß die jähe Abkühlung ihrer er⸗ alle andern Empfindungen in ihr. Ja, fort aus seiner Nähe, weit hitzten Glieder in der That sich wie ein süßes Gift durch alle ihre fort von ihm, der sie nicht lieb hatte und für den sie doch so gern[Adern schlich.

die gefährlichsten Abenteuer bestanden haben würde! Nur bald fort, Wie lange das junge träumende Mädchen so gestanden haben damit sie den Tag nicht erlebte, wo er ihr seine Braut und zu mochte, wußte sie selbst nicht, erst ein heftiger unbehaglicher Schauer,

künftige Gemahlin vorstellte! der ihren ganzen Körper durchrieselte, führte sie zur Gegenwart Ohne es zu wissen, nestelte sie das Schlößchen seines Armbandes zurück. Es fröstelte sie plötzlich, als habe man sie mit Eistropfen

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