Ausgabe 
19.6.1887
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

zu den

Oberhessischen UMachrichten.

Nr. 25.

Gießen, den 19. Juni.

Die Lindenblüthen.

Erzählung von Georg Hartwig. Gortsetzung.)

Der Assessor kehrte in den Saal zurück. Es war noch nicht ganz acht Uhr. Sein Blut begann zu kochen vor Erregung, seine Schläfen pochten vor Ungeduld. Ohne es selbst zu wissen, zog er sich immer weiter von den Vorderplätzen zurück, immer näher an die Ausgangsthür und plötzlich befand er sich draußen im Freien, als habe ihn Jemand mit Gewalt hinausgezogen.

Den Hut tief in die heiße Stirn gedrückt, schritt er planlos auf der Straße auf und nieder, aber die Strecke Weges, welche er wandelte, dehnte sich, ohne daß Berger sich davon Rechenschaft gab, immer mehr nach Osten aus, in welcher Richtung das schattige, jetzt vom Mond silberhell beleuchtete Lindenhaus lag.

Und da stand er plötzlich neben den duftenden Bäumen und sah hinüber zu den erleuchteten Parterrefenstern, hinter welchen er Erna's liebliches Antlitz so oft mit Entzücken beobachtet hatte. Jetzt waren die Scheiben verhüllt, aber unordentlich, nachlässig, als habe eine unruhige Hand die weißen Vorhänge hastig herabgelassen.

War es wirklich möglich, so fragte sich der Assessor hundert Mal, daß eine anscheinend so zart angelegte Frauennatur an einer heim⸗ lichen Liebschaft mit diesem Manne Gefallen finden konnte, dessen Antlitz wilde Leidenschaften und Verkommenheit ihren Stempel auf gedrückt hatten.

Sie sprachen miteinander. Berger hörte den Ton ihrer Stimmen, obwohl er die Worte nicht verstehen konnte. Er kam sich selbst mit verächtlich vor in seiner augenblicklichen Lage. Schon wollte er den Garten verlassen, als er war es Täuschung, war es Wahrheit? einen Schrei von Erna's Lippen zu vernehmen glaubte. Nicht Freude, noch Uebermuth klang daraus wieder, sondern Angst und Schreck. Jetzt sah Berger ihre Gestalt hastig zum Fenster eilen, als wolle sie dort Schutz oder Hilfe suchen, aber ein breiter Schatten trat schneller noch dazwischen.

Der Assessor glaubte an seinem eigenen Herzschlag zu ersticken. Was ging da drinnen vor? Was war bereits geschehen?

Und hinter den Vorhängen, mit dem Rücken gegen die Scheiben gewandt, stand Erna's einstiger Gatte, in dessen Brust zu spät ein Reuefunken, aber auch dieser bereits wieder mit unlauteren Trieben gemischt, gefallen war. Die Frauen seiner Bekanntschaft, mit welchen er Erna's reinen Glauben so schnell vergiftet, hatten ihm nie ihre Gunst verweigert, daher dachte er auch jetzt nicht daran, den Ab schiedskuß Erna's entbehren zu wollen.

Sie hatte ihm nach langem inneren Kampfe vergebend die Hand gereicht, aber mit dieser ersten Berührung nach so langen Jahren wallte seine ungezähmte Natur nur desto heftiger auf. Er vergaß die Reue über der Leidenschaft. Doch ehe sie an die Brust dieses

bürgerlich gebrandmarkten, moralisch tief gesunkenen Mannes auch

nur für Sekunden sich freiwillig gelehnt, eher hätte Erna das schmachvolle Geheimniß in lauten Hilferufen vor aller Welt ent hüllt, ja eher hätte sie den Tod vorgezogen.

Zitternd, todtenbleich vor Abscheu und Entsetzen, wie ein schönes Marmorbild, stand sie vor ihrem Peiniger, dem Mörder schuldloser Jugendneigung, die Hände gegen die lautathmende Brust gedrückt. Die Sprache versagte ihr. Nichts wollte mehr über ihre Lippen gleiten als das eine WörtchenNie! Aber dieses wiederholte sie mit steigendem Nachdruck und wachsender Energie.Nie! Nie!

Er verharrte mit finsteren glühenden Blicken an seinem Platze wie ein Raubthier, das jede Minute bereit ist, sein Opfer zu über⸗ fallen. Die Erinnerung an einstige Rechte erstickte jedes andere edlere Bedenken.

Laß' mir meinen Willen, und ich gehe! sagte er gepreßt, denn so schön, so rein, so begehrenswerth war sie ihm nie er schienen als eben jetzt.Wer sieht's? Was bringt es Dir für Schaden? Aber mich könntest Du damit zur Vernunft bringen! Er ging heftig auf sie zu, um sie mit Gewalt in seine Arme zu schließen.

Da schrie Erna auf, zum zweiten Mal und lauter denn zuvor.

In demselben Augenblick stand Berger auch schon neben der verschlossenen Thür und rüttelte aran, als müsse er sie zersprengen.

Dieses Geräusch gab dem Sinnlosen seine Ueberlegung zurück. Ohne ein Wort weiter zu verlieren oder der Lage zu gedenken, in welche er seine mit einer Ohnmacht ringende Frau gebracht, stürzte er zum Fenster, riß den Flügel auf und schwang sich hinaus. Im nächsten Moment war er hinter den Lindenbäumen verschwunden.

Erna, einem erstickenden Angstgefühl instinktiv folgend, schwankte nach der Thür, zog den Riegel zurück und sank dem schnell ein tretenden Freunde bewußtlos an die Brust.

Ihren Ruf zu wahren, ließ Berger Erna, sobald die ersten Zeichen rückkehrenden Bewußtseins sich einstellten, sanft in die Kissen des Divans niedergleiten, drückte ermuthigend und bewegt ihre Hände und verließ sie.

So kam es, daß sich die junge Frau, als sie völlig erwachte, ganz unvermuthet allein fand....

Eine Viertelstunde später ward es in dem bis dahin wie aus⸗ gestorben ruhigen Lindenhause sehr lebendig. Die Theaterbesucher kehrten allgemach zurück und gaben ihre Befriedigung über die ge lungene letzte Vorstellung durch Lachen und heiteres Geplauder zu erkennen.

Fast ganz zuletzt langte die Familie von Valingen an. Henny zwischen dem Baron und seiner Mutter. Sie hatte kaum Zeit ge⸗

funden, Ilda flüchtig gute Nacht zu sagen, dagegen ballten sich ihre

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