403.
1
So
Damit hatte er ihr zehn blanke Goldstücke, baare hundert Mark, in den Schooß geschültet.
Sprachlos starrte das junge Mädchen den wie vom Himmel gefallenen Reichthum an.
„Das alles für meine Novelle?“ fragte es dann mit gefalteten Händen.„War sie denn wirklich so schön?“
„Du hast ja im buchstäblichen Sinne den glänzenden Beweis,“ sagte lächelnd der junge Mann.
„Hundert Mark! Gott sei Dank, nun kann ich endlich die drückende Schuld abtkagen! Es ist genau so viel, als Du durch Dein Lotterieloos gewonnen. Weißt Du nech?“
„Ja— wirklich— ganz merkwürdig— zufällig ebenso viel!“
„Wo hast Du Dein Geld, liegt es auf der Kreditbank?“
„Es ist in guten Händen,“ sagte der junge Mann, leise lächelnd.
Mit erneutem Eifer griff Else zur Feder. Noch galt es ja, so manchem dringenden Bedürfniß abzuhelfen, und dann mußte für die nächste Sommerreise der Großmutter gespart werden. Diesmal ließ der gewünschte Bescheid etwas länger auf sich warten. Nach Ostern aber, als Max sein erstes Gehalt empfangen hatte— er war seit Weihnachten fest angestellt— war das amerikanische Blatt ja wieder zahlungsfähig und das Warten der jungen Schriftstellerin wurde durch ein reichliches Honorar belohnt.
Dann ruhte die Feder einstweilen. Else hatte mit den Vor bereitungen für den Landaufenthalt genug zu thun und konnte in pekuniärer Beziehung ja auch etwas leichter athmen.
Anderthalb Jahre waren seitdem verflossen. Der Landaufent⸗ halt hatte der Großmutter die letzten Freuden gebracht. Bald nach ihrer Rückkehr in die Stadt war sie sanft verschieden. Else und Karl waren von entfernten Verwandten aufgenommen worden, welche in einer andern Stadt in recht guten Verhältnissen lebten und sich der zum zweiten Mal Verwaisten mit herzlichem Wohl⸗ wollen annahmen. Mop sah seine Kousine lange nicht, und recht schwer wurde es ihm, den regen Verkehr mit dem herzigen, auf⸗ opfernden Mädchen zu entbehren, der ihm so lieb geworden war. Oft hatte er sich vorgenommen, hinüber zu fahren und mancherlei Fragen an sie zu richten, die ihm sehr nahe am Herzen lagen, aber es war dann jedesmal eine Verhinderung eingetreten. Da wurde er zu Michaelis zu seiner großen Freude an Elsen's neuen Wohn⸗ ort versetzt. Er schrieb ihr nichts von seiner Uebersiedelung, er freute sich auf ihre frohe Ueberraschung bei seinem unvermutheten Erscheinen.
Der Augenblick, den er mit unruhiger Spannung herbeigesehnt, war gekommen, die Glocke, die Max gezogen, hatte getönt, mit glänzenden Augen und leicht gerötheten Wangen öffnete Else dem Ankommenden. 5
„Ah, Du bist's!“ Es sprach sich unverkennbar etwas wie Ent⸗ täuschung in den Mienen und in dem Klange ihrer Stimme aus.
Map sah sie starr an und hob den Fuß nicht über die Schwelle.
„Else, begrüßt man so einen Freund, den man ein ganzes Jahr lang nicht gesehen hat?“
Sie wurde über und über roth, streckte ihm herzlich die Rechte entgegen und führte ihn in's Zimmer.
„Verzeih', Max, ich freue mich ja so sehr, daß Du kommst, ich erwartete nur gerade—“
„Wen?“
„Den Vetter Theophil.“
„Den studiosus juris im achten Semester ohne Aussicht auf Examen?“
„Sprich nicht so von ihm, Max! Er hat höhere Pflichten zu erfüllen, als die trockene Jurisprudenz zu treiben. Wie oft citirt er mir den schönen Scheffel schen Vers:
„Römisch Recht, gedenk ich Deiner, Liegt's wie Alpdruck auf dem Herzen, Liegt's wie Mühlstein mir im Magen, Ist der Kopf wie brettvernagelt.“
„Ist der Kopf wie brettvernagelt,“ wiederholte Max,„na, er muß es ja wissen. Und was hat er für höhere Pflichten?“
„Er ist Dichter,“ versetzte Else feierlich.
„Und das imponirt Dir natürlich?“
„Du weißt, ich bin selbst Schriftstellerin.“
„Hm, hm!“
„Daher unsere gegenseitige Sympathie.“
„Gegenseitige Sympathie? Das ist ja allerliebst!“ brummte Max mürrisch.
„Wir theilen einander unsere Gedanken mit, wir besprechen sie, wir dichten zusammen. Ich erwartete ihn soeben mit Ungeduld, weil ich ganz erfüllt bin von einer neuen, originellen Idee. Meine zweite Novelle habe ich ihm vorgelesen, er war entzückt davon. Von der ersten habe ich leider einen Theil des Konzepts verloren.“
Eine feuerrothe Schleife war aus ihren aschblonden Locken auf den Fußboden hinabgeglitten; Max hob sie auf.
„Sonst pflegtest Du die grellen, auffallenden Farben zu ver⸗ meiden,“ bemerkte er.
„Theophil sagt,“ entgegnete sie,„die Welt sei so nüchtern, so farblos geworden. Die alles nivellirende Kultur habe alle kräftige Farbe, alle Eigenthümlichkeit verwischt, man müsse der Menschheit zeigen, was Leben, Individualität und Farbe seien.“
„Also auch die Weltbeglücker wollt Ihr spielen?“ sagte Max ernst. Er wargaufgestanden und vor sie hingetreten.
„Else, Mädchen,“ seine Stimme klang weich und flehend, „merkst Du denn gar nicht, auf welch' falschen Wegen Du wan⸗ delst? Ist es diesem elenden Prahler, diesem gehaltlosen Nichts⸗
thuer denn wirklich so vollständig gelungen, Dich zu verwirren,
zu bethören?“
„Was hast Du gegen den Vetter?“ sagte Else,„beneidest Du ihn oder bist Du gar eifersüchtig?“ wollte sie sagen, vollendete aber den Satz nicht.
„Meine persönlichen Interessen kommen gar nicht in Betracht,“ entgegnete Max ruhig.„Ich habe einzig Dein Bestes im Auge.“
„Aber Du hast einst selbst meine Schriftstellerei gebilligt,“ sagte Else.„Ohne jene Hilfe und Ermuthigung von Deiner Seite hätte ich vielleicht selbst nie an mein Talent geglaubt.“
Map biß sich auf die Lippen.
„Damals betriebst Du die Schriftstellerei aus Liebe zu den Deinen,“ sagte er,„darum hieß ich sie gut.“ 5
„Und sobald mir diese Beschäftigung selbst Freude und Be⸗ friedigung, ja einen Lebensinhalt gewährt, soll ich sie aufgeben? Soll denn für die Frauen das Wort des Zeus nicht gelten:
„Willst Du in meinem Himmel mit mir wohnen, So oft Du kommst, er soll Dir offen sein!“
„Euch Beiden steht jener Himmel nicht offen, Euch nicht,“ ent— gegnete Max ernst und freimüthig,„dazu gehören— verzeih mir, Elfe— größere Geister. Und da Du jetzt so gern die Dichter in's Treffen führst, erlaube, daß auch ich einmal ein Dichterwort eitire. Erinnere Du Dich an Schiller's Epistel eines Ehemannes an den anderen, wo es von jener dichtenden Frau heißt:
„um kümmerlich dem Stärkern nachzukriechen, Dem schöneren Geschlecht entfloh'n, r Aus Eytherens gold'nem Buch gestrichen
Um— einer Zeitung Gnadenlohn!“
Else sah nachdenklich zu Boden und antwortete nicht. Da schellte es draußen.
„Theophil!“ rief sie und sprang auf. Ingrimmig ballte Max die Hand und empfing den Ankömmling mit einer unterdrückten Verwünschung.
Die Gestalt des eintretenden Apollojüngers war hoch und schlank, sein Gesicht nicht häßlich, aber unbedeutend und mädchen⸗ haft zart. Seine Augen waren groß und hellblau und nicht immer gerade von dem geistreichsten Ausdrucke beseelt. Die blonden Locken schienen eine eingehende Bekanntschaft mit dem Eisen des Friseurs nicht verschmäht zu haben. Sein Anzug war modern und elegant vom Scheitel bis zur Sohle, ein hochrother Taschentuchzipfel schaute aus der Brusttasche des farbenliebenden Musensohnes.
„Ah, Vetter Max,“ sagte er mit eleganter Verbeugung,„sehr angenehm, Dich kennen zu lernen. Ich bin Dichter, wie Du wohl schon gehört haben wirst. Leider habe ich gerade in letzter Zeit nichts drucken lassen, weil— nun weil— und da ich von Else gehört, daß Du mit der Redaktion eines amerikanischen Blattes in Verbindung stehst—“
„Das amerikanische Blatt ist eingegangen,“ sagte Max barsch und griff nach seinem Hute.„Uebrigens— nehmt mir's nicht
übel— aber mit Eurer Poeterei laßt mich fernerhin in Ruhe, ich habe kein Verständniß dafür. Adieu!“


