Ausgabe 
18.12.1887
 
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Es war an einem sonnigen Herbstnachmittag, die warme Luft drang durch das geöffnete Fenster herein. Max stand vor seinem Sekretär und holte aus einem der Fächer Else's Schriftstellereien hervor, welche, anstatt nach Amerika zu wandern, es vorgezogen hatten, in Maxens Schreibtisch ihr Quartier aufzuschlagen.

Da habe ich etwas Schönes angerichtet, murmelte er bitter, indem er die beschriebenen Bogen durchblätterte.Wie tief ihr der unselige Dichterling die Narrheit in den Kopf gesetzt hat! Freilich, er hat Zeit genug dazu gehabt und ich ich habe ihm wacker vorgearbeitet! Fluch über die Lüge, wie edel auch der Beweggrund scheint, der uns dazu veranlaßt!

Er ging einige Male im Zimmer auf und ab, während der warme Lufthauch in den Blättern auf dem Schreibtisch wühlte. Wie das schadenfrohe Lachen böser Geisterchen tönte es aus dem raschelnden Papier hervor.

Welch ein liebes, herrliches Mädchen war sie früher, fuhr der junge Mann in seinem Selbstgespräche fort,wie rührend und echt weiblich in der hingebenden Sorge um die Ihren! Wie und alle ihre liebenswerthen Eigenschaften sollten verkümmern, unter gehen in dieser verwünschten Marotte? Vielleicht hilft sich ihr ge sunder Sinn und doch, was ist unberechenbarer als der Sinn eines Mädchens. Dann aber bin ich es, ich, den die Hauptschuld trifft, wenn sie ein talentloser, lächerlicher Blaustrumpf wird. Wenn ich nur wüßte, wie ich wieder gut machen soll, was ich in redlichster Absicht an ihr gesündigt! f

Hastig griff er nach seinem Hute, um in's Freie zu eilen. Beim Oeffnen der Thür tönte ihm aus den vom Luftzug durch wühlten Blättern ein höhnisches Auflachen der bösen Geister nach.

Das Lachen wollte auch nicht aufhören, als er das Zimmer verlassen hatte. Im Gegentheil, die Lustgeister schienen die durch einander geworfenen Blätter als ein willkommenes Spielzeug zu betrachten und wie im neckischen Streit um dieselben sich zu balgen und zu ringen. Endlich hatte der eine den Sieg davon getragen, frohlockend zerrte er die obersten der Blätter auf's Fensterbrett und von da in den Hof hinunter, wie im Triumph gleich Fahnen sie schwingend. f

Das kam nun gerade dem kleinen Karl sehr gelegen, welcher Max besuchen wollte, und da er ihn im Hofe spielend nicht fand, auf ihn zu warten beschloß. Aus den schönen, großen Bogen ließ sich ein stattlicher Helm machen, vorher aber mußte er doch wißbegierig, wie er war erst nachsehen, was darauf stand. Was er las, frappirte ihn ein wenig. Das war ja der Anfang einer Geschichte, einer geschriebenen Geschichte, welche da aus Maxens Fenster herabgeflogen war. Schrieb denn der auch Geschichten wie Else und Vetter Theophil? Da ging Vetter Theophil gerade vorbei, dem mußte er das doch zeigen.

Evo, theure Elsa, er ist entdeckt! rief der Musenliebling, indem er, ein Blatt schwingend, in's Zimmer trat.

Wer ist entdeckt?

Der Vetter Max!

Um Gotteswillen! rief Else aufspringend und dachte an die letzten Kriminalfälle in der Zeitung.

Ich meine, ich weiß es jetzt, warum er so erbittert Deine und meine poetische Mission bekämpft, theure Cousine. Der Neid ist's, der scheele, blasse Neid. Da seiner eigenen Feder nur der allermusenverlassenste Unsinn entströmt, so liebt er es, alles Strah lende zu schwärzen und alles Erhabene in den Staub zu ziehen, was seinem Gallimathias den Rang abläuft. Ha, der Neiding. Hör' an, Else!

Einmal eines Abends spazierte ein schönes Mädchen mit gol denen Haaren in einem Rosengehege, welches Adelgunde von Lilienau hieß. Der Mond lächelte wie ein Hirt und die Sterne wie Schafe.

Und nun folgte auf jeden Satz des Manusfkripts eine beißende, erbarmungslose Kritik. Es hagelte von Witzworten, Spöttereien, hoͤhnischen Anmerkungen. Immer schonungsloser wurde sein Sar kasmus, immer ausdrucksvoller sein Achselzucken und Kopfschütteln. Manchmal riß ihn die unfreiwillige Komik in Else's Erstlingswerk zu geräuschvollen Ausbrüchen seiner Heiterkeit hin. Er merkte es gar nicht, daß Else regungelos und todtenbleich wie versteinert ihm

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gegenüber saß, mit weit geöffneten Augen ihn anstarrend und zeit. weise zusammenzuckend, als habe sie einen Schlag erhalten. 5

Da ging die Thür das Klopfen hatten Beide überhört Man trat ein. 3 2

Es wäre für einen unbetheiligten Zuschauer nicht ohne Interesse gewesen, das Mienenspiel der drei Anwesenden zu beobachten, die einander eine Minute lang überrascht, stumm, bewegungslos an- schauten. a Theophil faßte sich zuerst. Schnell aufspringend und die Blätter in Else's Hand zurücklassend, die sie gefaßt hatte, empfahl er sich, dringende Geschäfte vorschützend, derer er sich plötzlich erinnerte.

Max und Else waren allein. Die Spannung in den Mienen des jungen Mädchens löste sich, auf ihren Sitz niedersinkend brach sie in bittre Thränen aus.

Was ist hier vorgegangen, Else, sagte Max, unruhig die Augen auf die unglückseligen, ihm wohlbekannten Blatter heftend.

Du fragst noch? entgegnete Else empört,also solche Mittel wendest Du an, um mir das zu verleiden, was Du eine Ueber- spanntheit, eine Marotte nennst? Du spielst Theophil meine Schriften in die Hand, begleitet natürlich von den nöthigen Kommentaren wie Du das gemacht hast, weiß Gott Du machst ihn bos. haft auf jeden Fehler aufmerksam, machst mich lächerlich vor ihm ja, triumphire nur, es ist nicht eben schwer, Theophil von einer Ansicht zu überzeugen, es ist Dir glänzend gelungen. O Max, das hätte ich nicht von Dir gedacht, nein, von Dir nicht!

Es lag ein tiefer Schmerz in diesen letzten, schluchzend hervor gestoßenen Worten.

Und Du denkst nicht noch von mir, wie einst? versetzte Max ernst.Ist das unsere langjährige Freundschaft, Else, ist dies das Vertrauen, das Du mir eben dieser Freundschaft wegen doch schuldig bist? Ich Dich lächerlich machen? Vor diesem Gecken? Else, kennst Du mich denn wirklich so wenig?

Sie hörte einen Augenblick auf zu weinen und blickte ihn durch die Thränen verwundert an.

Ja, wie kommt denn aber dies Blatt in seine Hand?*

Das weiß ich nicht, ein seltsamer Zufall wahrscheinlich, viel. leicht hat es der Zugwind heute aus meinem Fenster entführt!

Wie kommt es überhaupt in Deine Hände? fragte das Mädchen, dem sich plötzlich ein ganz neuer Ideengang zu öffnen schien.Es sollte doch eigentlich in Amerika sein. Oder ist jener Redakteur so freundlich gewesen, Dir das Blatt zurückzusenden, nachdem es ge druckt war? Merkwürdig, da er doch stets durch diese oder jene Ursache verhindert war, mir ein gedrucktes Exemplar zu senden, um das ich bat.

Sie blickte Max scharf an, dessen Verlegenheit immer sichtbarer wurde. Plötzlich stand sie auf und legte die Hand auf seinen Arm.

Max, die Novellen waren garnicht in Amerika!

Er schrak zusammen, als sie ihm die Wahrheit so auf den Kopf, zusagte. Er war eine Gelehrtennatur, die sich in plotzlich über sie hereinbrechender Verlegenheit nicht zu helfen weiß. Er öffnete, um eine Ausrede hervorzubringen, die Lippen und blickte sie an, aber dieser eine Blick verrieth alles.

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und sank auf das Sopha zurück. 5 Und da sprichst Du von Vertrauen und Gott weiß, wovon noch mehr, sagte sie mit tiefer Gereiztheit,und hintergehst mich so lange und so systematisch! Und das Geld! Auch dessen Quelle kenne ich nun, es kam aus Deiner eigenen Tasche. Du hast mir aufgedrängt, was ich nicht einmal geborgt von Dir annehmen wollte, sorglos haben wir gelebt von dem, was uns nicht gehörte. Max, glaubst Du denn, so ungestraft meinen Stolz verletzen zu dürfen? Du hast mich in den süßen Wahn hineingetrieben, daß ich eine Künstlerin sei, und nun bricht alles wie ein Kartenhaus zusammen. Meinst Du, das sei mir gleichgültig? Lächerlich bin ich in der That geworden vor Dir, vor mir und vor Theophil und das durch Deine Schuld, weil Du mich Jahre lang getäuscht hast Du mit Deinen Grundsätzen von strengster Wahrhaftigkeit!

Else!

Geh, sagte sie und verbarg das Gesicht von Neuem in den Händen,wenn Du wüßtest, wie unerträglich mir Dein Anblick ist! Aber dessen sei versichert, Dein Geld erhältst Du wieder

Heller und Pfennig, ich will arbeiten, ich will eine dienende 1 Stellung annehmen, ich will gleich viel geh nur jetzt!