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„Das freut mich aufrichtig,“ sogte Else, ihm die Hand schüttelnd, „es ist eine wahre Erquickung, zu hören, daß Frau Fortuna auch Unsereinem hin und wieder etwas gönnt.“
„Du bist gedrückt, Else, fehlt Dir etwas? Du weißt, wenn ich Dir helfen kinn—“
„Ich danke Dir, Max, es ist nichts,“ versetzte sie.
„Aber Du siehst so angegriffen aus und hast geweint!“
„Nur ein paar Wirthschaftssorgen!“ sagte sie mit niedergeschla. genen Augen, indem sie die Rechnungen zusammenraffte, die auf dem Tische verstreut lagen.
Die Würthschaftssorgen kenne ich, dachte Max, auf die Papiere blickend; armes, liebes Ding.—„Uebrigens, was ich sagen wollte,“ fuhr er laut fort,„könnt Ihr mir die hundert Mark nicht auf⸗ bewahren, bis ich sie brauchen werde, später einmal, in langer Zeit erst, ich weiß augenblicklich nicht, was ich damit anfangen soll.“
„Du, ein armer Dr. phil., der unbesoldet sein Probejahr als Lehrer durch macht, solltest nicht wissen, was man mit Geld anfängt?“
„Nein, ich weiß es wirklich nicht,“ sagle der junge Mann etwas unsicher.
„Dann trage es auf die Kreditbank, Du guter Mensch. Meinst Du, ich merke nicht, daß Du uns das Geld vorstrecken willst auf unbestimmte Zeit, weil Du uns in Noth glaubst? Nein, Max, so arm sind wir nicht, daß wir einen armen Philologen um das berauben sollten, was die Glücksgöttin großmüthig ihm in den Schooß geworfen. Mit was für einem Gewissen sollte ich wohl eine, wenn auch noch so kleine Summe von Dir annehmen, wenn ich nicht weiß, womit ich dieselbe später einmal abzahlen würde? Behalte Dein Geld, Max, ich danke Dir recht herzlich für Deinen guten Willen!“
Der junge Mann schwieg erröthend und verwirrt. Er machte noch einen schüchternen Versuch, in sie zu dringen; da aber auch dieser keinen Erfolg hatte, so ging er bald niedergeschlagener, als er gekommen war.
Sinnend verschloß Else Rechnungen und Ausgabenbuch.„Wenn ich nur selbst mehr verdienen könnte,“ seufzte sie,„so talentlos, so talentlos, so talentlos!“ 1
War denn dies Wort wahr, das sie fort und fort verfolgte? Sie hatte eigentlich nie erprobt, ob sie wohl auch eines der hübschen Talente besaͤße, mit welchen ihre Freundinnen sich die Zeit ver— trieben oder ihren Unterhalt erwarben, weder zum Zeichnen und Malen, noch zum Singen und Spielen hatte sie je Zeit und Muße besessen. Kaum der Schule entwachsen, hatte sie alle ihre jugend⸗ lichen Kräfte anspannen müssen, um erst an Stelle ihrer kränklichen Mutter, dann bei ihrer Großmutter den Haushalt zu führen. An das Lehrerinnen Examen, durch welches in heutiger Zeit so viele Mädchen zum Erwerb befähigt werden, war gar nicht zu denken gewesen. Sie hatte auch nie darüber geklagt, hatte mit Freuden all ihre Kraft und Zeit im Dienste der Ihren aufgewandt— womit aber jetzt Geld verdienen?
Rathlos sann sie hin und her, der und jener kam ihr in's Gedächtniß, der durch Geldnoth gezwungen wurde, einen Neben— erwerb zu suchen, sie dachte an David Copperfield, von dessen Schick— salen an der Seite eines ungeschickten, kindiscken Weibchens sie heute der Großmutter vorgelesen. Freilich, der wußte sich zu helfen, und als sein Gehalt nicht mehr ausreichte, um die Summen zu bestreiten, welche die unpraktische kleine Frau verschwendete, griff er zur Feder——
Wie ein rettender Gedanke durchzuckte es des Mädchens Kopf. Wie, wenn sie auch versuchte, Novellen, Romane zu schreiben? Gar so entsetzlich schwer konnte das doch nicht sein! Freilich— ein Blaustrumpf!— Aber es brachte Geld ein, und das war augenblicklich die Hauptsache.*
Als sie spät am Abend die Augen zum Schlummer schloß, tanzten Geldstücke, Tintenkleckse und Gestalten aus„David Copper field“ in wirrer Folge daran vorüber und im Traume sah sie auf ihren Rechnungen einen großen Geldbeutel liegen, als sie aber näher zusah, war's ein blauer Strumpf und darin lag das Geld, das Max in der Lotterie gewonnen.
Am nächsten Tage ging Else gleich einer Träumenden einher. Sie brannte die Suppe an, korrigirte Karl in sein französisches Exerzitium einen Fehler hinein und konnte drei bis vier Mal nach der Uhr sehen, ohne zu wissen, was es an' der Zeit sei. Am zweiten verlor sies unterwegs die Rüben, die sie auf dem Markte
eingekauft, und grüßte keinen der ihr begegnenden Bekannten, weil sie die Augen starr auf das Pflaster geheftet hielt. Ach! dumme, breite, graue Steine gab es da genug, hätte sich doch nur ein ein 4 ziger Novellenstoff dazwischen finden lassen wollen! Am dritten Tage war sie nervös, schrak auf, wenn die Glocke tönte, und schloß sich endlich mit Hintenansetzung einiger häuslicher Pflichten in ein einsames Zimmer ein, wo sie den Kopf in beide Hände stützte.
Nach Verlauf einer halben Stunde, während welcher sie grü⸗ belnd die verschiedensten Stellungen eingenommen, richtete sie sich energisch auf ihrem Sitz in die Höhe.
Ei was! murmelte sie, sagt nicht Goethe: 5
„Greif' nur hinein in's volle Menschenleben, 1 Und wo Du's packst, da ist es interessant!“
Ich will schreiben, was mir gerade in den Sinn kommt, ein Spaziergang, eine Kaffeegesellschast, jedes giebt ein kleines Kapitel. Etwas Mondschein und Rosenduft dazwischen kann nicht schaden, ein Zusammenhang findet sich wohl und ein Schluß fällt mir mit der Zeit auch wohl ein. Probatum est!
Entschlossen tauchte sie die Feder in die Tinte, nicht aber, wie man vermuthen sollte, um die Spitze der ersteren auf das Papier, sondern um das Ende des Federhalters zwischen ihre Zihne zu bringen, die alsbald energisch daran zu nagen begannen.
Er muß Max heißen, murmelte sie, aber sie— Friederike, nein, Aurora, Eleonore, Elmire, Adelgunde— ja, Adelgunde, das klingt so vornehm und so romantisch! g
Eine weitere Stunde war verflossen, da standen bereits mehrere Anfänge auf dem Papier, die alle bis auf einen ausgestrichen waren. Dieser eine lautete:
„Einmal eines Abends spazierte ein schönes Fräulein mit gol denem Haar in einem Rosengehege, welches Adelgunde von Lilienau hieß. Der Mond lächelte wie ein Hirt und die Sterne wie Schaake—“
Das goldene Haar und die lächelnden Schaafe hatten allein Gnade gefunden, und da gerade eine Unterbrechung eintrat, so durfte das Rosengehege, welches Adel unde von Lilienau hieß, un⸗ gestört bis zum nächsten Tage sich belächeln lassen.
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Mehrere Wochen waren seitdem vergangen, Else saß am Fenster und blickte glückselig auf den goldenen Regen, den Max ihr in den Schooß geschüttet.
Wie war das gekommen?
Die Novelle von Dame Adelgunde im Rosengehege hatte schnellere Fortschritte gemacht, als Else dies nach dem ersten mühseligen An · fang erwartet hatte. Endlich war sie fertig und mußte abgeschrieben werden. Das war eine recht langweilige Arbeit. Dann hatte Else ihr Schmerzenekind an die Redaktion einer Zeitschrift gesandt, von der sie eine zwar höfliche, aber ablehnende Antwort erhielt. Mit einer zweiten und dritten ging es ihr nicht besser. Als sie die vierte abschlägige Antwort erhalten, war sie über ihrer armen, viel⸗ gereisten Adelgunde in Thränen ausgebrochen. Sie hatte gerade jetzt so sehnsüchtig auf ein Honorar gehofft! Die Krankheit und der Eigensinn der Großmutter erforderten so viele Geldopfer, und tretz alles Sorgens, Sparens und Stickens hatte sie von ihrer Schuld noch nickt das Gerinzste abtragen können. Dazu versagten ihre Augen, die, von Natur nicht stark und durch das eifrige Sticken angegriffen, jetzt häufig den Dienst, so daß sie weniger als sonst durch die kärglich bezahlte Arbeit verdienen konnte.
In dieser verzweifelten Stimmung traf sie Max, der einen seiner häufigen Besuche machte und gar bald die Ursache ihres Kummers entdeckte. Voll innigen Mitleids hatte er dann auf das zarte Mädchen hinabzesehen, das in seinen jungen Jahren so viel von den Sorgen und Mühen des Lebens und so wenig von den Freuden desselben zu kosten bekam. Dann hatte er schnell, als käme ihm plötzlich ein guter Einfall, seine Kousine gebeten, ihm das Manuskript zu überlassen, er habe einen Freund, der für ein ame ikanisches Blatt schriebe, vielleicht würde dieses von der Novelle Gebrauch machen können.
Merkwürdig schnell kam der überseeische Bescheid. Nach kaum vierzehn Tagen ging Max eines Nachmittags auf die Kreditbank, wo er seinen Gewinnst deponirt hatte, und von dort zu seiner Kousine, der er gleich beim Eintritt zurief:„Freue Dich, Elschen, Deine Novelle ist angenommen und hier ist das Honorar!“


