9. See
Ouhrrhessischen
zu den
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Uuchrichten.
. ist genug jetzt, Else, Du kannst gehen, ich will ein wenig ruhen.“
Gehorsam erhob sich das junge Mädchen und legte den„David Copperfield“ bei Seite, aus dem es der Großmutter vorgelesen.
„Abscheuliche Sorte,“ sagte die Greisin und schob mit dem Ausdruck des Widerwillens ein Glas edlen Rhein weins von sich, das vor ihr auf dem Tische stand.„Ich will den Ober Ungar wieder trinken, Du kannst gleich einen Vorrath von zehn Flaschen holen lassen, damit es nicht immer heißt:„Es ist nichts mehr da,“
sobald ich nach einer neuen Flasche verlange.“
„Es soll geschehen, Großmutter,“ sagte das junge Mädchen und seufzte leise.
„Es soll geschehen, es soll geschehen, so heißt es immer,“ eiferte die Greisin,„aber selbst die Augen offen zu halten und an die rechtzeitige Ausübung Deiner Pflichten zu denken, ehe man Dich daran mahnt, das fällt Dir nicht ein. Hast Du denn wirklich noch nicht gesehen, daß Karl's Anzug wieder ganz ausgewachsen und abgetragen ist? Warum sorgst Du nicht für einen neuen? Hast Du so wenig Interesse für Deinen Bruder und die Pflichten, die Du übernommen?“
„Ach, Großmutter,“ entgegnete Else niedergeschlagen,„ich hätte ihm jn längst sckon einen neuen angeschafft, wenn ich nur wüßte,
woher ich das Geld dazu nehmen soll.“
„Das Geld?“ Die alte Frau zog die Stirn in strenge Falten. „Du mußt unverantwortlich leichtsinnig wirthschaften, Else, wo
bleibt nur immer das viele Geld?“
„Liebe Großmutter,“ versetzte das junge Mädchen schüchtern, „Du vergißt, daß seit jenem unglücklichen Fallissement..
Die Greisin krümmte sich, als erlitte sie einen körperlichen Schmerz.
„Erbarmungsloses Geschöpf!“ schalt sie heftig,„wie kannst
Du mich nur immer an jenes Unglück erinnern, das ich vergessen will! Und dennoch, ich bleibe dabei, ist es mit Deine Schuld, wenn wir so kümmerlich leben müssen. Warum befinden sich Elm⸗ bachs, die doch gleich uns bei jenem Fallissement bedeutende Ver⸗ luste erlitten, in so viel besseren Verhältnissen als wir? Freilich, die eine Tochter ist Lehrerin an der höheren Töchterschule, die zweite ertheilt Musikunterrickt und die dritte erwirbt sich durch Musterzeichnen ein schönes Geld. Warum verdienst Du nicht auch etwas? Bist Du nicht jung und kräftig? Von Deinen Stickereien rede ich nicht, die bringen ja kaum soviel ein, als das bei der Arbeit verbrannte Petreleum kostet. Aber freilich, etwas anderes verstehst Du nicht! Ach Gott, daß meine verstorbene Klara mir ein so lalentloses Kind hinterlassen mußte!“
Müde sank die Greisin in ihre Kissen zurück.
Mädchen entfernte sich schweigend. Im Nebenzimmer warf es, am Fenster vorübergehend, einen
Das junge
Gießen, den 18. Dezember.
Schriftstellerin Else.
Novellette von E. Annuske.
schnellen Blick über den Hof nach dem gegenüberliegenden Hinter⸗ hause, wo die Schneiderinnen saßen und das rosa Ballkleid für Apotheker's Käthe nähten, dann setzte sie sich vor den Schreibtisch, zog eine Anzahl Rechnungen und Ausgabebücher hervor und stützte seufzend den Kopf in die kleine Hand, welche deutliche Spuren trug, daß ihre Besitzerin sie bei der Arbeit nicht geschont hatte.
Ach Gott, wie enisetzlich gering war der Bestand der Kasse und wie viel mußte daraus noch bestritten werden! Da war der Wein für die Großmutter, die Miethe, die in den nächsten Tagen fällig wurde, das Schulgeld für Karl, dann die Einkäufe für den nahen⸗ den Winter, Holz, Kohlen, Kartoffeln, ferner die Winterkleider für Karl und Else— ach, an einen neuen Mantel, den sie doch so nöthig brauchte, war ja gar nicht mehr zu denken—
Es schellte draußen. Else öffnete. Es war der Steuer⸗Einnehmer.
Ach, die Steuer, an die hatte sie ja noch gar nicht gedacht!
O, wie soll ich's, wie soll ich's nur anfangen, murmelte sie verzweifelt, als sie wieder allein war, wie soll ich nur die Schuld von hundert Mark abtragen, die ich wegen Großmutters Land⸗ aufenthalt im vorigen Sommer gemacht! Ich hatte es mir so fest vorgenommen, mich vor Schulden zu hüten, aber es war ja dies⸗ mal gar nicht zu vermeiden! Wie soll ich nur hundert Mark er⸗ übrigen, da ich doch kaum die nothwendigsten Ausgaben zu decken vermag! Und wenn ich auch Alles thue, was in meinen Kräften steht, wenn ich den Tag über wie eine Magd arbeite und bis in die Nacht hinein am Stickcahmen sitze, wenn ich auf jedes Ver⸗ gnügen verzichte, das anderen Mädchen meines Alters wohl gewährt wird, wenn ich diesen Winter wieder den Mantel trage, den ich schon vor der Einsegnung bekam, wenn ich auch alle Tage mich draußen in der Küche an Kartoffeln satt esse, um drinnen nicht soviel Fleisch zu essen, es ist ja doch unmöglich, rein unmöglich!
Wieder begann sie zu sinnen, zu grübeln, zu rechnen, bis der Kopf ihr schmerzte, dann bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und bittere Thränen quollen zwischen den feinen Fingern durch.
Da schellte es wieder, hastig trocknete sie die Augen und eilte hinaus, um zu öffnen.
Es war eine straffe, schlanke Jünglingsgestalt, die gleich darauf über die Schwelle trat. Die fest und edel geschnittenen Züge des regelmäßigen Gesichts trugen das Gepräge männlichen Ernstes und geistiger Bedeutung, gemischt mit liebenswürdiger, fast kindlicher Harmlosigkeit und Gutherzigkeit.
„Dir ist etwas Freudiges begegnet, Max,“ sagte Else, nachdem sie den Vetter willkommen geheißen,„man sieht es Deinem strahlen⸗ den Gesicht an!“
„Da höre nur, wie's klappert,“ sagte er, in der Tasche mit Geld klimpernd,„baare 100 Mark hat mein Loos in der Lotterie gewonnen.“


