Ill.
denselben bebenden
würde, wenn ich
fein kann.
] ihm noch nach, als schon
299.
Sie senkte den Kopf; der Vorwurf traf. Um seinen Mund
legte sich ein halb verächtlicher Zug. Nun schlug sie die Augen
wieder zu ihm auf.
„Peter Ohlsen,“ sagte sie leise,„bist Du so hart geworden in der Fremde, daß Du nicht mehr verzeihen kannst?“
Er antwortete nicht.
„Meinst Du, für mich wäre es leicht gewesen?“ sagte sie, noch
immer ganz leise.„Meinst Du, ich würde hier so vor Dir stehen,
wenn es leicht gewesen wäre?“ Sie sah ihn demüthig an mit
U ihren wunderhübschen Augen; die sanften Lippen bebten.
Eine große Sehnsucht kam plötzlich über den Mann, das schöne Wesen an sich zu reißen und nie wieder zu lassen. Sein war sie zuerst gewesen, und es liegt etwas so unendlich Mitleid heischendes
in solchen großen, thränengefüllten Kinderaugen. Aber er bezwang sich.
„Ich weiß es nicht, Inge,“ sagte er abweisend, aber doch sanft, „es ist auch nicht an mir, danach zu fragen. Dein Weg und meiner gehen jetzt auseinander.“ Er wandte die Augen von ihr,
I J während er sprach; er fürchtete sich vor ihrer Schönheit.
„Gehen sie auseinander?“ sagte die Frau wieder ganz leise. „Gehen sie auseinander, und Du willst nicht sagen: Lebe wohl, liebe Inge?— Das kann wohl nicht sein, Peter Ohlsen.“
Er strich sich hastig mit der Hand über die Stirn. Ja es war ihm selbst so, als könnte es nicht so sein. Sie blickte empor in sein schönes, junges Gesicht, und sie las seine Gedanken.
„Das kann wohl nicht sein,“ wiederholte sie noch immer mit Lippen und der unterdrückten Stimme,„denn Du hast mich ja noch lieb, Peter Ohlsen, und ich habe Dich lieber als die ganze Welt, und Du weißt es.“
Seine Brust athmete schwer. Ja, sie hatte Recht, er hatte sie
noch lieb, trotz allem, und es war nur der heiße Drang gewesen, sie noch einmal, wenn auch nur aus der Ferne, zu sehen, der ihn in die Heimath getrieben hatte. „Sei still, Inge,“ sagie er heiser,„quäle mich nicht so. Meinst Du, ich könnte es ertragen zu hören, jetzt, wo alles so gekommen ist? Ja, ich hab' Dich noch lieb; ich weiß nicht, was ich geben Dich noch einmal in die Arme nehmen, Dich noch einmal küssen könnte. Was quälst Du mich mit dem, was nicht Lebewohl, Inge!“
Aber er ging doch nicht. Sie hatte den Kopf ein wenig in den Nacken geworfen und sah in den Himmel hinein.„Es kann ja sein, wenn Du es willst,“ sagte sie sanft.„Denk', es wäre noch einmal so wie es war. Es kann ja wieder so werden, Peter Ohlsen. Es giebt ferne Länder—“
„Höre auf, Inge!“ rief er da. gefunden.„Führe mich nicht in Versuchung. Unglücklich konntest Du mich machen, schlecht will ich nicht werden, und Du sollst es nicht sein. Man vergißt und verliert wohl so allerlei da draußen, das zehnte Gebot möchte ich nicht vergessen.“
Sie wich von ihm zurück.„Ich meinte, Du hättest mich lieb, Peter Ohlsen?“ Es klang bitter.
„Das weiß Gott, der mir aus dieser Noth helfen wird. Für meine Gedanken kann ich noch nicht. Aber für mein Thun kann ich, und Du kannst für Deines, Inge.“ Sein Gesicht war blasser wie das ihrige, selbst unter dem Braun, womit Wind und Sonne es gefärbt hatten. Er wollte ruhig sprechen, aber es war, als wenn etwas seinen kräftigen Körper schüttelte.„Und lebe wohl, Inge— und wir kommen wohl auch darüber hin, wenn wir nur wollen, Inge. Ich möchte nicht, daß wir Beide vor den Menschen die Augen niederschlagen müßten, und—“ Er wollte noch etwas sagen, brach aber plötzlich ab und hielt ihr nur seine breite, ausgearbeitete Hand hin.
„Fahrwohl, Inge,“ sagte er leise. 5..
„Fahrwohl,“ wiederholte sie tonlos und legte ihre feine, schmale Hand in die seine, und einen Augenblick später sah sie ihm nach, wie er von ihr fortschritt, schnell und hastig, ohne sich umzusehen. D as ist vielleicht das letztemal, daß ich ihn sehe,“ dachte sie,
Er hatte sich selbst wieder⸗
( aber'sie regte sich nicht, um ihn zurüctguhalten. Sie sah ihn naß mit dem Gefühl eines dumpfen Druckes im Herzen und auf dem [ Haupte. Daß etwas
Demüthigendes darin lag, von ihm verschmäht sie sich garnicht bewußt. Nur, daß er ginge das verstand sie. Und so stand sie und sah
das kränkliche Gesträuch ihn längst vor
zu sein, dessen wurde und nie wiederkäme,
ihr verbarg. Die Arme sanken ihr schlaff herab, und sie bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen.
Dann ging sie langsam nach Hause. O, wie jammervoll war die Welt, wie haßte sie Gott und die Menschen, welche beide solche Gesetze gaben, daß zwei, die sich lieb hatten und zu einander gehörten, geschieden sein mußten für immer und immer. Die ganze Welt war so trostlos— so trostlos!
Als sie nach Hause kam, hatte man sie schon erwartet. Johannes hatte sich so krank gefühlt, daß er aus dem Komtoir heraufgekommen war und sich gleich zu Bett gelegt hatte. Nach dem Arzt, dem alten Physikus, war bereits geschickt worden, und dieser hatte auch zum Theil schon seine Anordnungen getroffen. Er stand am Kranken⸗ bett, zog die Augenbrauen in die Höhe, preßte die Lippen zusammen, wie seine Art war, und machte eine bedenkliche Miene.
„Nun, nun, kleine Frau,“ sagte er beschwichtigend, als Inge mit ihren verstört blickenden Augen eintrat,„nur den Kopf nicht verlieren,“ denn er konnte nicht anders denken, als daß des Mannes Krankheit sie so erregte.„Es sieht freilich für den Anfang schlimm genug aus, er hat sich offenbar im höchsten Grade überangestrengt, und ich verschweige Ihnen nicht, daß wir auf eine schwere Krankheit gefaßt sein müssen.— Aber nur nicht den Muth verlieren. Es ist schon manches besser geworden, als man zuerst dachte.“
Sie sah ihn verständnißlos an, und er drückte ihr freundlich die Hand. Der kleine ältliche, korpulente Herr hatte eine besondere Vorliebe für die junge Frau und gab seine Befehle in einem tröstlich ermuthigenden Ton, der seinen Eindruck ganz verfehlte. Inge sollte diese Nacht bei dem Kranken wachen, um die kühlenden Umschläge um den schmerzenden Kopf beständig zu erneuern und die verordnete Arznei rechtzeitig zu verabfolgen.
„Es wird ihm beruhigender sein, Sie in seiner Nähe zu haben, als eine Fremde,“ meinte er,„und daß es Ihnen schädlich sein könnte, befürchte ich nicht. Auch ist es von Wichtigkeit, daß alles pünktlich geschieht; für die nächste Nacht schicke ich Ihnen die Kruse, die Krankenwärterin. Für heute ist sie verhindert, und morgen in aller Frühe spreche ich wieder vor.“
Dann ging er, noch einmal von der Thür aus ihr freundlich zunickend. Inge setzte sich mit einem Buch in das verdunkelte Krankenzimmer, und die anderen gingen alle wieder an ihr Geschäft.
Und dann kam die lange, lange Nacht! Inge konnte nicht lesen, weil helles Licht den Kranken gestört haben würde. Neben seinem Bett saß sie in einem Lehnsessel und um sie her war es dämmerig und still, nur daß Johannes dann und wann aus dem Halbschlaf, der ihn mit wirren Träumen befallen hatte, emporfuhr, oder leise stöhnte, oder den schmerzenden Kopf auf die Seite wendete. Zuweilen tastete er nach ihrer Hand und hielt sie fest, bis sie auf⸗ stand, ihm die Arznei oder ein kühlendes Getränk zu reichen.
Aber gewöhnlich lag er regungslos, wenn er wachte, und nur die müden, heißen Augen wanderten ruhelos im dämmerigen Zimmer von einem Gegenstand zum andern, um zuletzt allemal auf der blonden Frau zu haften, die neben ihm saß, die Schultern in ein weiches Wolltuch gehüllt und den Kopf an die Lehne des Stuhles gedrückt. Inge hatte von Natur eine leichte Hand und jenen sicheren und doch leichten Schritt, wie er Kranken wohl thut, aber es lag nichts Liebevolles in ihrer Bewegung, wenn sie sich zu ihm neigte, um ihm zu helfen. Nie hatte sie etwas Krankes— Mensch oder Thier— anfassen, oder auch nur ansehen mögen, und sie schauerte jedesmal leise zusammen, wenn er, ahnungslos, daß es ihr peinlich war, nach ihrer Hand griff. Wer mochte wissen, ob die Krankheit, die ihn befallen hatte, nicht ansteckend war.
O, wie lang, wie lang und schrecklich war diese Nacht, und was für Gedanken gingen durch Inge's Seele! In diesen endlosen Stunden hatte sie Zeit, alles, was am Tage zwischen ihr und Peter Ohlsen gesprochen war, sich hundertmal wieder vorzusagen.
„Seines Nächsten Weib begehren, wollte er nicht,“ hatte er gesagt, aber die Liebe, die alte Liebe war in seinem Herzen ge⸗ blieben. Und dann kroch langsam der Gedanke in ihr empor: „Wie, wenn es nun würde, wie der Arzt fürchtete, wenn Johannes sehr krank würde,— wenn er stürbe,— dann wäre ich frei— wie würde es dann sein?“
Sie wollte den Gedanken und das unheimliche Gefühl von Freude, das sich hineinmischte, gewaltsam von sich abschütteln, sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, aber unabweisbar krochen dieselben Worte immer wieder in ihr empor,„dann wäre ich frei,


