Ausgabe 
18.9.1887
 
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298 C-

vielleicht nur ein freundlich versöhnendes Wort, vielleicht mehr, vielleicht Schlimmeres. Ja, die zornigsten Vorwürfe würden ihr nicht so unerträglich gewesen sein, wie dies vollständige Schweigen. War sie Peter Ohlsen denn sogar zum Zorn zu gering?

Nie in ihrem Leben war sie sich so hülflos vorgekommen. Immer hatte sie ihren Wunsch und Willen spielend durchgesetzt, so lange sie denken konnte, und das einzige Mal, wo ihr eine bittere Enttäuschung nicht erspart geblieben war, damals, als sie meinte, Peter Ohlsen hätte sie vergessen, da hatte sie geschwind ihren Stolz und ihre Eitelkeit als Hülfsmittel zur Hand gehabt. Diesmal hatte sie keine Hülfsmittel. Sie hätte eines finden können in treuer Pflichterfüllung, aber die kannte sie nicht. Es hatte nie Pflichten, immer nur Rechte für sie gegeben.

Das Gefühl völliger Machtlosigkeit macht den Menschen entweder sehr demüthig oder schlecht. Inge wurde nicht demüthig, aber die Bitterkeit wuchs und wuchs in ihr, und zehnmal heißer begehrte sie das Verlorene, nur weil es eben verloren war. Und so wurden sie beide von Tag zu Tag mehr einsam, jedes für sich, der stille Mann, der von jeher so ungeschickt darin gewesen war, Herzen an sich zu reißen, die sich ihm nicht von selbst zuwendeten, und das junge, schöne, sonnige Geschöpf an seiner Seite mit dem Lächeln auf den Lippen und den hülflosen Gedanken im Herzen. 5

Am wenigsten hätte Inge mit Jule Paulsen über diese Dinge sprechen können; mit dem fremdesten Menschen eher, als mit der Mutter. Sie hatte das kleine Haus am Hafen nicht wieder betreten seit jenem Nachmittag, aber Jule Paulsen verkehrte am Markt wie sonst. Sie empfand es wohl wenig, daß sich zwischen ihr und der jungen Frau unsichtbar eine unübersteigliche Schranke aufgerichtet hatte. Sie sah nur, daß ihre Ingees gut hatte, daß sie an Vergnügungen theilnahm und bewundert wurde, auch freilich, daß sie manchmal wunderliche Launen hatte,aber so wird man wohl, wenn man viel Geld hat, dachte die Frau, ohne sich sonderlich zu beunruhigen.

Als der Sommer kam, klagte Johannes zuweilen über Kopf schmerzen, aber Inge achtete nicht sehr darauf. Sie selbst war nie krank gewesen, und wenn sie auch manchmal behauptet hatte, Kopf weh zu haben, so war das mehr ein Vorwand für ihre mißmuthige Laune, als wirklich körperliches Unwohlsein gewesen. Trotz der Zart heit ihrer Erscheinung hatte sie eine Konstitution wie aus Stahl, kräftig und elastisch. Und es ging ihr wie den meisten gesunden Menschen; sie halten nicht viel von einer Krankheit, von der sie nichts sehen und hören. Eine offene Wunde, ein verrenktes oder gebrochenes Glied, ein geräuschvoller Husten, das sind Dinge, für welche sie Verständniß und Mitleid haben aber Kopfschmerzen?

Es wird so arg nicht sein, dachte die schöne Frau ein klein wenig verächtlich, wenn sich Johannes so oft hastig und nervös mit der Hand über die Stirn fuhr.Was sind seine Schmerzen gegen meine, und ich rede doch kein Wort davon.

Außerdem hatte Inge einen ausgesprochenen Widerwillen gegen alles Kranke. Es ging ihr mit der Gegenwart von kranken Menschen wie mit dem Regenwetter: sie wurde dadurch verstimmt, wie durch eine persönliche Kränkung. In einem Leidenszug um Mund und Augen, im matten Ton der Sprache, in den schwerfälligen Bewe⸗ gungen eines Kranken schien ihr immer etwas wie eine Anklage gegen die Gesunden zu liegen. Es bedrückte und beengte sie wie ein trüber Regentag, an dem sie auch nicht frei aufathmen konnte.

Lege Deine Hand einen Augenblick auf meine Stirn, Inge, sagte Johannes wohl,Du hast so kühle Hände, und die Berührung thut mir wohl.

Sie that es widerwillig, und er schloß die Augen unter der leichten Berührung. Die geliebte Hand hatte etwas Beruhigendes für seinen schmerzenden Kopf. Er nahm auch wohl die schmalen Finger in die seinen und küßte sie verstohlen.

Laß doch, Johannes, sagte Inge ärgerlich und ungeduldig, und nahm die erstbeste Gelegenheit wahr, das Zimmer zu verlassen. O, das Leben mit ihm hätte sich ja am Ende ertragen lassen, wenn er nur nicht zärtlich gewesen wäre, wenn er nur so neben ihr hätte hingehen wollen, gleichgültig und kalt, wie er es nun eben einmal nicht war.

Er sah ihr traurig nach, wenn sie ging. Aber die Stunden, in denen er litt, gingen vorüber; er konnte wieder arbeiten und mußte es auch, wenn er das für einen kleineren Ort ungewöhnlich schwunghafte Geschäft in dem Zustand erhalten wollte, wie es ihm

der alte Möller überlassen hatte. Er mußte um so angestrengter arbeiten, weil sein eigenstes Interesse nicht im Kaufen und Ver⸗ kaufen lag und er nicht entfernt ein so rascher Geschäftsmann war, wie sein Vater. Seiner Neigung nach hätte er ein stiller, fleißiger Dorfpfarrer sein mögen. Aber es hatte nicht sein sollen. Nun galt es, dem nicht selbstgewählten Beruf mit angestrengtester Arbeit doch sein Recht werden zu lassen.

Du hast ja Bedienung genug, sagte Inge achselzuckend, wenn er, was selten genug geschah, einmal ein Wort darüber äußerte. Warum bestehst Du darauf, so viel selbst zu tbun? 5

Dann lächelte er.Das verstehst Du wohl nicht ganz, sagte er, als wenn er mit einem Kinde spräche,ohne des Herrn Auge ist kein Gedeihen. f

Nun, ihr war es gleichgültig genug. Mochte er thun, was er nicht lassen konnte.

Dicht hinter dem Städtchen befanden sich die Anlagen, eine Anpflanzung von Gebüsch und Bäumen, wie sie eben an der Nord⸗ seeküste unter dem beständigen Winde mühsam gedeihen. Bis jetzt war es noch ein häßlicher Platz, der den Eindruck von Kümmerlichkeit und Aermlichkeit machte. Die Bäume sahen mit ihren schmächtigen, zur Seite geneigten Stämmen und den auf der Windseite schlecht belaubten Kronen allesammt kränklich und verschüchtert aus, und wenn der Wind durch sie hinstrich, war es, als frören sie und duckten sich ängstlich. Dazwischen zogen sich die breiten Kieswege in anspruchsvollen Windungen hin. Inge ging nicht gern hierher, I und es war mehr Zufall als Absicht, daß sie an einem schönen Sommernachmittage den Weg doch eingeschlagen hatte. 1

Der Wind war ganz still heute. Alle die schiefen kleinen Bäume standen mit ihren seitwärts geneigten Häuptern ganz regungslos, als lauschten sie auf irgend einen fernen Klang, aber es drang keiner bis hierher. Es war noch nicht jene Nachmittagsstunde, in der es hier Spaziergänger gab, und Inge begegnete keiner Menschenseele. Träge schlenderte sie dahin und wünschte, zu Hause geblieben zu sein.

Da, als sie eben um eine scharfe Ecke biegen wollte, prallte sie erschrocken zurück, denn sie wäre fast mit Jemandem zusammen. gestoßen, dessen Schritt sie, in Gedanken versunken, wohl überhört 11 hatte. Sie sah hastig empor, und dann war es einen Augenblick,[II als ob ihr Herz still stände, denn sie blickte in Peter Ohlsen's Gesicht.

Der junge Seemann war schon vor ein paar Tagen für kurze Zeit in die alte Heimath zurückgekehrt. Jule Paulsen hätte es ihr sagen können, wenn sie gewollt hätte; die aber hütete sich wohl, den Namen auszusprechen, und außerdem hatte Inge mit Niemandem. Verkehr, der sich sonderlich für Peter Ohlsen interessirt, oder bei ö ihr ein Interesse für ihn vorausgesetzt hätte. J

Die Farbe kam und ging schnell auf ihrem Gesicht. Sie hielt den Athem an. Er trat zur Seite, grüßte und ging weiter, ohne einen Blick zurückzuwerfen. 1

Da knirschte der Kies unter einem hastigen Schritt hinter ihm, einen Augenblick später legte sich eine leichte kleine Hand auf seinen ö Aermel, und eine wohlbekannte, liebliche Stimme schlug an sein Ohr.

Geh' nicht so an mir vorüber, ohne ein Wort zu mir zu sprechen, sagte Inge demüthig. Er war von jeher der einzigste Mensch gewesen, vor dem sich dieser blonde Kopf demüthig geneigt hatte.Geh nicht so an mir vorüber, ich kann es nicht ertragen. Ihr Athem ging schnell, und in dem süßen Gesicht war kaum ein Hauch von Roth. a

Der Mann schüttelte die kleine Hand von seinem Arm, und zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich eine scharfe Falte. 0 wüßte nicht, was wir noch mit einander zu reden hätten, Du ich, sagte er kurz.

Sie sah ihn flehend an. 5

Es war nicht meine Schuld, Peter Ohlsen, Du weißt es. Sie machte mich glauben, daß Du mich vergessen hättest, und da und da 1

Ich weiß es, sagte er, noch in dem harten Ton von vorhin, der so wenig zu seinem jungen Gesicht paßte,Du hast es mit geschrieben. Aber mich dünkt, es ist nicht schön, die Schuld auf andere allein schieben zu wollen. Frag' Dich einmal, Inge, u das Blut stieg ihm in's Gesicht, und er sprach schneller,frag' einmal, ob Du das alles wohl so schnell geglaubt haben würd wenn Dir nicht andere Gedanken im Kopf gesteckt hätten.§ ich nicht an Dich geglaubt? Und ich hatte doch Gott weiß lange nichts von Dir gehört. 5

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