Ausgabe 
18.9.1887
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 18. September.

Als Inge heim kam, war es noch nicht die Zeit, wo Johannes zum Thee herauf zu kommen pflegte. Sie setzte sich an ihren zierlichen Schreibtisch und schrieb einen langen, langen Brief. Sie schrieb mit fliegender Hand, Wort reihte sich an Wort, und wenn I ihr die Thränen dabei in die Augen stiegen, wischte sie sie hastig I fort. Als der Brief fertig war, durchlas sie ihn nicht, sie wagte I licht, es zu thun. Sie siegelte ihn, schrieb die Adresse und trug 19 ihn selbst zur Post, und dann wartete Inge Möller viele, viele Wochen auf eine Antwort auf diesen Brief, und wäre es nur ein einziges gutes, versöhnendes Wort gewesen. Aber diese Antwort kam niemals. 0 Als Johannes heraufkam, erkundigte er sich besorgt nach ihrem Befinden und bestand darauf, daß sie sich früh zur Ruhe legen I sollte. Er meinte auch am nächsten Tage, sie sähe noch nicht wohl

I genug aus, um eine Gesellschaft zu besuchen, aber Inge hatte in⸗ zwischen ihre Meinung geändert. Es deuchte ihr heute immer noch leichter zu sein, sich unter fremden Menschen zu bewegen, als mit J Johannes allein zu Hause den endlosen Abend zu verbringen, seine I zärtlichen Fragen nach ihrem Befinden anzuhören und sich seine

] ängstliche Fürsorge gefallen zu lassen.

1 Sie putzte sich so anmuthig und geschmackvoll, daß der treue Mann sie voll glücklicher Bewunderung ansah, und sie war während ! des ganzen Abends so heiter und liebenswürdig, daß sie die Herzen der Anwesenden, die ihr mit Vorurtheilen entgegengetreten waren, wie im Sturm gewann. Darauf hatte Inge sich von jeher ver⸗

standen. Bei alledem hatte sie ein unbestimmtes Gefühl, als würde sie einmal plötzlich aus diesem Kreise verschwinden, dann sollte man sich ihrer wenigstens erinnern als eines hellen Sternes. An diesem Abend war Johannes Möller so stolz auf seine anmuthige, junge Frau, daß ihm sogar die stillen Stunden daheim bei seinem Buche, die er heute aufgegeben hatte, nicht leid waren. Sie hatte keiner von all den anderen Frauen und Mädchen nach⸗ gestanden, denn was ihrem Benehmen an Sicherheit noch fehlte, das ersetzte sie vollauf durch die Lieblichkeit ihrer Erscheinung. Nur die müde, gleichgültige Art, wie sie dann auf dem Heimweg neben ihm herschritt, wollte ihm nicht gefallen. 1 a 9Bist Du ermüdet, Inge? fragte er, ihre Hand durch seinen Arm ziehend,war es Dir zu ungewohnt viel? 5 O nein, sagte sie frostig. Für alle jene Leute, die sie noch

gestern geschmäht hatte, hatte sie ein Lächeln gehabt; für ihn hatte sie keines. 5Warst Du glücklich heute Abend? Sie antwortete nicht. Möchtest Du öfters dergleichen mitmachen? f 1Ja, sagte sie schnell,sehr oft. Ach, es betäubt so gut die Gedanken!

Inge Paul sen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.)

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Und der einfache Mann, der sie lieb hatte, beschloß bei sich, daß es an ihm nicht liegen sollte, wenn dies junge Geschöpf nicht seinen reichen Antheil an Sonnenschein und Lebensfreude erhielte, und das kleine Opfer seiner eigenen Behaglichkeit und der lieben, stillen Abende, welche er zu diesem Zweck bringen mußte, gewiß nicht zu groß sein würde, um diese schönen Augen lachen zu sehen. Sie war ja anders geartet als er, und ihre Art sollte die maßgebende sein.

Und nach und nach kam dann scheinbar wieder alles in das richtige Geleise in dem alten Hause am Markt. Jule Paulsen stellte sich wieder ein, wie zuvor, erst schüchtern und ängstlich, und dann, als sie sah, daß Inge wohl kühl zurückhaltend, aber nicht unfreundlich war, bald wieder in gewohnter Weise froh, ihr an gebetetes Kind versöhnt zu sehen, wie sie meinte.

Das Ehepaar nahm alle Einladungen an, die nun häufiger eintrafen, und Inge war in jeder Gesellschaft, die sie besuchten oder gaben, schön und liebenswürdig, ohne viel darauf zu achten, ob Johannes von seiner Arbeit ermüdet war und lieber daheim ge blieben wäre.

Aber eines kam nicht wieder in das alte Geleise. Sie hatte sich ein wunderlich abweisendes Betragen gegen Johannes angewöhnt. Manchmal konnten Tage vergehen, ohne daß sie auch nur zu ihm gesprochen hätte, und es gehörte die ganze ruhige Güte seines Wesens dazu, das stillschweigend hinzunehmen.

Sie ist ein Kind, sagte er sich entschuldigend, wenn sie heute diese und morgen jene eigensinnige Laune hatte, wenn sie ihn mit den hellen Augen so herrisch ansah und seine gütige Hand so un⸗ freundlich zurückstieß. Daß sie ein Wort des Dankes für all die kleinen, zarten Aufmerksamkeiten hätte haben können, die für sie zu ersinnen er unermüdlich war, das fiel ihm nicht einmal ein. Nur ihr klingendes Lachen hätte er so gern auch einmal bei sich daheim gehört und nicht nur unter den fremden Leuten. Ach, sie wußte es nicht, wie sehr er manchmal nach einem guten Wort von ihr hungerte, und wie er sich den Kopf zermarterte, was ihr fehlen möchte, wenn seine gewöhnliche Erklärung:Sie ist ein Kind, nicht mehr ausreichen wollte.

Vielleicht sind die Frauen alle so, dachte er dann wohl leise seufzend, und er hätte seine Inge trotz all ihrer Launen nicht wieder hergeben mögen um alle Schätze der Welt. 8

Und unterdeß erwartete Inge von Woche zu Woche Antwort auf jenen Brief, aber die Antwort kam niemals, der Winter ver⸗ ging und. der Frühling kam, die heiße Sommersonne lockte die kleinen Blumen hervor, und die Vögel sangen wieder, aber der Brief, den sie erwartete, kam niemals. 5

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Nun kommt er nicht mehr, dachte Inge. Was sie eigentlich von diesem Briefe erwartete, hätte sie selbst nicht mehr sagen können,