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— wie würde es dann sein?“ und ebenso unabweisbar schlich sich auch jedesmal ein Gespenst von Freude über ihre Seele. Sie wußte, daß es schlecht war, aber sie hatte nicht die Macht, sich dagegen zu wehren.
Sie sah auf den Kranken, und es durchfröstelte sie, als sie be⸗ merkte, daß seine Augen still und hülflos auf ihr ruhten, als hätte er sie schon eine lange Weile so angesehen. So stille Augen haben manchmal einen Ausdruck, als könnten sie einem die Gedanken aus der Seele lesen. Sie zog das Tuch fester um die Schultern und wendete das Gesicht ab, als fürchtete sie sich vor seinem Blick. Sie wünschte, daß er einschlafen und die Augen schließen möchte, anstatt sie anzusehen. Und als hätte er ihren Wunsch verstanden, senkte er langsam die schweren Lider. Nun lag er ganz still, so blaß, daß er fast aussah wie ein Todter.
„Wenn er nun stürbe,— dann wäre ich frei,— wie würde.
es dann sein?“ Da kroch er schon wieder heran, der Gedanke, sie konnte nichts dagegen thun.
O, die lange, lange, qualvolle Nacht!
Als der Morgen graute, fiel Johannes in einen leichten Schlaf. Inge erhob sich leise und trat geräuschlos in das Nebenzimmer. Sie athmete tief auf. Wie ein Druck hatte es auf ihr gelegen, den sie abschütteln mußte. Wie eine gemarterte Gefangene war sie sich vorgekommen. Freiheit, Luft, und wenn auch nur für einen Augenblick!
Indem sie durch das anstoßende Zimmer ging, blieb der Spitzen— besatz ihres Aermels an etwas hängen. Es war der Thürknopf eines der zahlreichen Wandschränke, die nach längst vergangener Mode im Hause angebracht waren, und indem sie die Spitze los⸗ häkeln wollte, zog sie die Thür zu sich heran, so den kleinen Schrank öffnend. Es war jener Schrank, in welchem die Schwiegermutter die alten, halb geleerten Medizinflaschen und Salbenbüchsen aufzu⸗ bewahren pflegte, weil sie doch nun einmal bezahlt waren, alle jene längst unbrauchbar gewordenen Arzeneien, die Inge auf Johannes Wunsch längst hätte fortschaffen sollen, deren Vorhandensein sie aber vollständig vergessen hatte. Müde und gleichgültig sah sie mit einem halben Blick über die verschiedenen großen und kleinen Gläser hin. Gleich vornan stand jenes kleine Glas mit dem Todtenkopf auf der Etikette, von der Johannes ihr einmal gesagt hatte, es wäre Gift darin.
„Kann man daran sterben?“ hatte sie damals mit schaudernder Neugierde gefragt.
„Gewiß,“ hatte Johannes geantwortet. Und plötzlich war wieder jener unheimliche Gedanke da, der sie während der ganzen Nacht verfolgt hatte.„Wenn er nun stürbe,— dann wäre ich frei,— wie würde es dann sein?“
Sie hörte ein großes Sausen und Brausen in ihrem Kopf, und einen Augenblick stand ihr Herz still.—„Dann wäre ich frei,“— ihre Hand zuckte nach dem kleinen Glase.
Sie nahm es hervor, drehte es nach allen Seiten, las die Auf— schrift, schüttelte den Inhalt und schraubte den Stöpsel mühsam ab. Ein paar Tropfen verschütteten sich dabei auf ihre Hand; sie schüttelte sie von sich, als hätte sie sich verbrannt und trocknete die Finger sorgfältig an ihrem Taschentuch.
Es war eine klare, farblose Flüssigkeit ohne besonderen Geruch; Inge wußte nicht, welche Art von Gift sie enthalten möchte. Sie stöpselte das Glas wieder zu und stellte es in den Schrank zurück. Sie fror.
„Wie kalt ist es vor Sonnenaufgang, und ich habe kein Auge zugethan die Nacht,“ dachte sie.
Leise trat sie in das Schlafzimmer zurück. Da lag Johannes und schlief noch immer. Wohl ein paar Minuten lang stand sie vor seinem Lager und sah auf ihn herab; dann setzte sie sich in den Lehnsessel, zog eine Decke über sich und schloß die Augen. Aber es war eine Rastlosigkeit in sie gefahren. Trotzdem sie müde und ab⸗ gespannt war, schien es unmöglich, auch nur eine Minute zu schlafen, und sie erhob sich wieder und stand im nächsten Augenblick wieder im kalten Morgengrau vor dem Schränkchen, das kleine Glas in der Hand haltend und den Inhalt schüttelnd. s
Sie stellte es wieder fort wie vorher. Als sie in das Schlaf— zimmer leise zurückkehrte, war Johannes inzwischen erwacht und sah ihr entgegen mit denselben stillen Augen, die ihr in der Nacht so unheimlich gewesen waren. Jetzt war es ihr, als hätte er durch die Wand hindurch ihr Beginnen wahrnehmen können.
Aber dann kam allgemach der Tag. wach; die Hausbewohner gingen wieder an ihre Geschäfte, und in der Frühe kam der Arzt, um nach dem Patienten zu sehen.
(Schluß folgt.)
*
Zwei IJrauen. Eine Geschichte aus dem muhamedanischen Familienleben von Ernst Alto.
Wenn man von Coerabaga die große Landstraße, welche Java von Westen nach Osten durchschneidet, nach Osten verfolgt, erreicht man nach zwei bis drei Stunden das Städtchen Sashoervean.
Kaum hat man die letzten Häuser hinter sich, so zweigt sich von der Hauptstraße nach Süden zu ein Weg ab, welcher direkt in's Gebirge führt. Im Anfange ist dieser Weg selbst noch für Wagen passirbar, und die an beiden Seiten liegenden javanischen Ortschaften zeugen von einer gewissen Wohlhabenheit ihrer Bewohner; je weiter man aber dem Gebirge zu vordringt, desto wilder wird die Natur, desto unwegsamer der Weg. Sogar die kleinen ausdauernden Gebirgs⸗ pferde haben Mühe, sich durch die in malerischer Unordnung zer⸗ streuten Felsblöcke durchzuarbeiten; Ortschaften giebt es hier keine mehr, nur hin und wieder eine einzelne Hütte zeigt, daß diese Gegend nicht ganz von Menschen verlassen ist.
Es war ein brennend heißer Junitag. Die Sonne hatte bereits ihren Höhepunkt überschritten, als zwei Frauen mühsam den un: wegsamen Pfad in die Höhe kletterten. Erschöpft ließen sie sich unter einem großen Dzamarabaum nieder, welcher, unseren Edel; tannen ähnlich, trotz seiner Größe nur wenig Schatten giebt; Dzamara⸗ bäume sind die einzigen, welche in dem mageren Felsboden, außer niederem Gestrüpp, gedeihen können. a
„Sind wir noch weit von unserm Ziele entfernt, Gamira,“ fragte die eine, und ihre Augen blickten hilfesuchend rings umher.
„Dort hinter jenen Bäumen muß die Hütte des Kiai(Greis) Darno liegen, Mas Adsing(gnädige Frau)“, erwiderte Gamira in unterwürfigem Tone und deutete mit ihrer Hand seitwärts vom Wege, wo eine Gruppe Dzamarabäume und etwas niedriges Ge⸗ strüpp standen.
Theilnahmlos folgte die Fragerin mit ihren Augen der an⸗ gegebenen Richtung; dann sich einen Augenblick besinnend, sagte sie zu ihrer Begleiterin:
„Erwarte mich hier Gamira, ich will allein zum Kiai gehen;“ die Einwendungen, welche Gamira gegen diesen unerwarteten Ent⸗ schluß ihrer Gebieterin erheben wollte, schnitt diese mit einer un. geduldigen Handbewegung ab und ohne sich noch einmal umzusehen, ging sie geraden Weges, der Unebenheiten des Bodens nicht achtend, auf das kleine Gehölz zu. Nach einigen Minuten hatte sie die ersten Bäume erreicht, und ihr suchendes Auge entdeckte bald eine kleine Hütte von Bambus, welche versteckt zwischen dem Unterholz lag.
Mit wüthendem Gebell schoß ein Hund bei ihrem Näherkemmen um die eine Ecke der Hütte und beruhigte sich auch nicht früher, als bis die Thür geöffnet und ein Greis in derselben sichtbar wurde. Mit der den Javanen eigenthümlichen Unterwürfigkeit ließ er sich auf seine Kniee nieder, erhob seine beiden Hände bis zur Stirn und hieß so seine Besucherin willkommen.
Diese hatte den Gruß mit einem leichten Kopfnicken erwidert und stand schon im Innern der Hütte, während Kiai Darno sich in huckender Stellung auf der Schwelle niedergelassen hatte.
„Kiai, ich komme, Deine Hülfe anzurufen,“ fing die Besucherin an.
Kiai Darno führte zum Zeichen, daß er ganz zu ihrer Verfügung stehe, abermals die zusammengelegten Hände bis zur Stirne.
Und nun fing sie an zu erzählen, im Anfange mit fliegender Hast, im Verlaufe ihrer Erzählung aber immer ruhiger werdend, wie seit einiger Zeit ihr Mann ihr untreu geworden sei, wie er ganz und gar in der Gewalt einer Tandak(Tänzerin) sei. Alles, Alles habe sie ruhig ertragen und würde es auch stillschweigend ferner ertragen haben, endete sie schluchzend, aber gestern habe ihr Mann ihr mitgetheilt, er wolle die Tandak zu seiner zweiten Frau machen. In nächster Woche schon wolle er sich mit ihr beim Pang hoeloe(Priester) verbinden.
„Nein, Kiai, ehe ich eine Tandak in mein Haus nehme,“ schloß
——oͤ
Die Vögel draußen wurden
sie ihre Erzählung, und ihre Augen sprühten in unheimlichem Glanze und die kleinen Hände ballten sich zusammen,„lieber soll er sterben. 5 ö


