Ausgabe 
17.7.1887
 
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Abneigung gegen Jan erwachte in alter Stärke wieder. Sie suchte das Mädchen, für welches sie wirklich Interesse empfand, milde darauf hinzuweisen, daß doch ihre nächste Pflicht sei, den Eltern zu gehorchen, daß ihr Vater gewiß in diesem Falle besser zu beurtheilen wisse, was ihr fromme, als sie selbst in ihrer Jugend und Un⸗ erfahrenheit und daß es möglicherweise ihr Glück sei, wenn durch die böse Geschichte jede Verbindung zwischen dem Fischerknechte und ihr für immer gelöst werde. Die Wirkung dieser wohlgemeinten Worte war aber eine ganz andere, als die Dame erwartet hatte. Stinchen trocknete während derselben ihre Augen, dann stand sie auf, und über ihr blasses Antlitz verbreitete sich ein Ausdruck von Festigkeit, der ihm bis dahin fremd gewesen war.

Sie kennen Jan nicht, sonst würden Sie das nicht sagen, erwiderte sie, um vieles ruhiger, als da es galt, ihre und ihres Geliebten Fehler einzugestehen.Jetzt weiß ich erst, wie lieb ich ihn habe und daß ich niemals von ihm lassen kann. Wenn Jan ein Unglück widerfährt, an dem ich noch obendrein schuldig bin, mag ich gar nicht mehr leben. Sie strich damit das herabgeglittene, lose blonde Haar von ihrer Stirn und ging langsam an Frau Helmich vorüber, dem Krämerhause zu.

Die Letztere sah ihr erstaunt nach. Sie verstand nicht, wie dieses sorglose, bieher in ihren Augen fast noch kindische Mädchen plötzlich ein Gefühl von so tiefer Gewalt und Innigkeit hegen konnte. Und er erst, ein so formloser, roher Mensch! Der Dame, so wohlwollend sie im Ganzen gegen alle ihre Mitmenschen gesinnt war, fehlte doch der Glaube an ein wirklich zartes, mächtiges Empfinden unter so rauher Hülle. Kopfschüttelnd begab sie sich nach Hause und grübelte darüber nach, wie es ihr am besten ge⸗ lingen möge, die langen Stunden dieses Tages zu Ende zu bringen. Sie versuchte zu lesen, nach einer Weile aber wurde sie inne, daß der Sinn der Worte, über welche sie die Blicke dahin gleiten ließ, ihr vollkommen fremd geblieben war. Vor sich auf den Blättern des Buches wähnte sie stets die weißen Segel zu sehen, wie sie über der klaren Wasserfläche schwebten, und dann wieder das thränenüberströmte Antlitz des Mädchens, das ihr in der Liebe zu dem ungeschlachten Menschen, in dem Kummer seinetwegen so räthsel haft erschien. Sie versuchte es mit Schreiben und das, indem es direkte Thätigkeit erforderte, ging schon besser.

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Als Frau Helmich, nachdem sie mehrere Briefe vollendet, zu einem Spaziergange wieder in's Freie trat, schlug ihr eine glühende Hitze entgegen. Das Thermometer zeigte zweiundzwanzig Grad im Schatten und der Wind hatte sich vollständig gelegt. Selbst am Strande herrschte keine Kühlung. Blendend, daß es den Augen weh that, brannte die Sonne auf den weißen Ufersand, und die See, von keiner Welle gekräuselt, glich einer Fläche von dunkel⸗ blauem Glas, welche die Wärme gleich einer erhitzten Platte zurück⸗ strahlte. Die Badegäste, die sich größten Theils zum Mittagessen in Hansen's Hotel einfanden, erklärten die Hitze fast für noch schlinmer und zum mindesten für angreifender als den erlebten Regen und Sturm. Frau Helmich sagte zu diesen Bemerkungen nichts; aber ein seltsames Unbehagen legte sich ihr beängstigend und beklemmend auf die Brust, als sie die Möglichkeit, ob noch vor dem Abend ein Gewitter kommen werde, von allen Seiten er⸗ örtern hörte. Sie fand die Vermuthung lächerlich. Warum sollten sogleich die ersten warmen Tage Gewitter bringen? Dennoch wagte sie nicht, nach dem Stande der Wettergläser zu fragen, und ob⸗ gleich die schwüle Luft ihr Kopfschmerz verursachte, setzte sie sich in eine der Strandhütten und beobachtete den Himmel, der, wo er sich zu der Fläche des Wassers herabneigte, eine fahle, graublaue, in Dunst verschwimmende Farbe zeigte.

Und das Gewitter oder vielmehr die Gewitter kamen doch. Schon am Nachmittage begannen sie sich von allen Seiten empor⸗ zuthürmen, Anfangs in weißen Spitzen wie Gebirgskuppen und dann immer höher, immer dunkler und drohender. Frau Helmich saß längst nicht mehr in der Hütte, sondern wanderte am Ufer um⸗ her wie ein ruheloser Geist. Mehr und mehr der Fremden ver⸗ sammelten sich dort, betrachteten mit Interesse die schauerlichen Wolkengebilde und tauschten ihre Vermuthungen über den nahen oder noch entfernteren Ausbruch der drohenden Naturerscheinung

aus. Die Frage, ob alle zu Lande oder zu Wasser Abwesenden ihre Heimkehr zuvor ermöglichen könnten, wurde hin und wieder erwogen, und die ohnehin geängstigte Mutter vermochte diese in leichtem Unterhaltungstone gemachten Bemerkungen weder anzuhören, noch daran Theil zu nehmen. Als sie aber den alten Harms er⸗ blickte, wie er an seinem gewohnten Platze neben der Anlegestelle, mit der Hand seine Augen beschattend, hinauslugte über die noch immer in träger Ruhe verharrende See, näherte sie sich ihm und fragte leise mit einer Stimme, der sie vergebens Festigkeit zu geben suchte:Meinen Sie, daß es schlimm wird?

Der Alte sah sie an und diesmal, da er sie als Maxen's Mutter wiedererkannte, begriff er sofort, was in ihr vorging.Madame brauchen sich noch nicht zu beunruhigen, sagte er.Nicht alle auf⸗ steigenden Gewitter kommen hier zum Ausbruch. Meistentheils können sie nicht über das Wasser und ziehen an der holsteinischen Küste hin. Wenn's freilich hier einmal losgeht

Wird es dann sehr schlimm? unterbrach ihn Frau Helmich und können wohl die Böte vorher noch kommen? f

Der Alte schüttelte den Kopf und meinte:Wir müssen es er⸗ warten. Das Schlimmste ist nur der gänzliche Mangel an Wind, denn so können sie nur durch Rudern vorwärts, und das geht lang sam. Ich denke aber, Peter ist vernünftig genug, an Ort und Stelle zu bleiben, bis er sich überzeugt hat, daß die Gefahr vor über ist, zumal, da

Er schien noch etwas sagen zu wollen, verschluckte aber den Nachfatz, und wenn eines Theils seine Worte Frau Helmich beruhigt hatten, so entging ihr doch nicht, daß irgend etwas auch ihm schwer auf der Seele lag.

Das Gewitter kam diesmal herauf. Die ersten Blitze fuhren, bald sich ringelnd wie feurige Schlangen, bald im Zickzack, durch das schwarze Gewölk, während der Donner nur leise noch in der Ferne grollte. Immer neue folgten ihnen in verschiedenen Himmels⸗ richtungen, in immer kürzeren Zwischenräumen, und als die Abend⸗ dämmerung kam, vorschnell und verstärkt durch die dunklen Wolken⸗ schatten, erschien der Himmel von Minute zu Minute wie in feurige Gluth getaucht. f

Noch immer war die Hitze erstickend, noch immer herrschte die selbe unheimliche Bewegungslosigkeit in der Natur und kein Regen⸗ tropfen fiel. Ein Wagen nach dem andern kehrte mit geängstigten Ausflüglern in scharfem Trabe heim, und am Strande vergrößerte sich mit jeder Minute die der Böte harrende Menschenmenge. Die herrschende Meinung sprach sich am Ende dahin aus, daß die Fischer, durch das aufziehende Wetter rechtzeitig gewarnt, wahrscheinlich die Heimfahrt gar nicht angetreten hätten, sondern erst in der Nacht, nachdem das Toben der Elemente sich gelegt, zurückkehren würden.

Gott gebe es, seufzte Frau Helmich, ihre gefalteten Hände gegen die Brust drückend.Gott gebe es, und wenn dieser schreck liche Abend ohne Unglück überstanden ist, so reisen wir ab, mögen alle Aerzte der Welt sagen, was sie wollen.

Sie fuhr zusammen, denn ein krachender Donnerschlag, die Luft erschütternd, lieferte den Beweis, daß das Gewitter schon ganz nahe sei. Zugleich fuhr ein eigenthümliches Sausen durch die Spitzen der Pappeln und setzte ihre Blätter in unruhige Bewegung.

Ein leuchtender Blitz tauchte dann wieder die Fläche der See in grelles Licht, undSie kommen]! Da kommen sie doch! lief ein vielstimmiger Ruf von Mund zu Mund.

Ziemlich nahe schon hatte der rasch wieder verschwindende Feuer strahl mehrere Böte deutlich erkennen lassen.

Sie kommen! Lang' verhaltene Angst, Jubel und erneute Furcht durchzitterte den Ausruf. Alle diejenigen, deren Angehörige sich unter den sehnlich Erwarteten befanden, mochten es denn fremde Badegäste oder Bewohner des Dorfes sein, drängten dem Landungs⸗ platze zu. Man achtete nicht darauf, daß einzelne schwere Regen⸗ tropfen zu fallen begannen, daß der Donner fast unaufhörlich grollte und krachte.

Frau Helmich, welche bei dem ersten die Böte begrüßenden Aus⸗ ruf fast ihre Kräfte schwinden fühlte, lehnte sich gegen die Wand der Strohhütte. Ihr Athem stockte, sie wagte kaum noch die Augen zu öffnen. Um sie her erschallten die verschiedensten, sich auf das Herankommen der Schiffe beziehenden Ausrufe.

Muth, Muth, sagte sie sich selber,in wenigen Minuten habe ich ihn wieder, und sie wurde auch so weit ihrer Bewegung Herr, um sich dem Ufer nähern zu können. Sie fühlte sich von