226.
J 0 . 10 1 1 7 .
e
g 5 r
1 13
ihren Sohn allen Wasserfahrten fern zu halten, Anfangs des Sturmes wegen und dann, weil am Sonntage die Fischer nicht auf den Fang ausfuhren und sie später mit ihm an einem Ausfluge auf dem Lande, der sich bis in die Nacht ausdehnte, Theil genommen hatte.
Damit erreichte aber auch für sie die Möglichkeit, ihn zurück⸗ zuhalten, ihr Ende. Von einer Segelpartie, welche eine große Gesellschaft am Dienstage in mehreren Schiffen nach dem ebenfalls an der Bucht gelegenen kleinen Bade S. unternehmen wollte, konnte sie Max um so weniger ausschließen, da einige Herren und Damen ihrer Bekanntschaft ihn dazu einluden und sich gern bereit erklärten, den muntern Knaben in Schutz und Aufsicht zu nehmen. Hätte sie selber an der Fahrt theilnehmen und in seiner Nähe bleiben können, so würde der Gedanke an das geplante Unternehmen sie weniger beunruhigt haben; aber das Wasser flößte der armen Frau nicht allein geradezu Widerwillen ein, eine kurze Bootfahrt schon machte sie krank, und dieser Umstand hielt sie nicht nur am Lande zurück, sondern erhöhte noch um ein Bedeutendes die unangenehme Empfin⸗ dung, mit der sie ihren Liebling dem ihr feindlichen Elemente an⸗ vertraute. g
Am Dienstag früh erwachte der junge Tag in wonniger Klar⸗ heit und wurde von Max mit lautem Jubel begrüßt. auf den für die Dauer des ganzen Tages geplanten Ausflug hatte ihn kaum schlafen lassen, und wenn etwas Frau Helmich mit dem Gedanken daran aussöhnen, sie in dem tapferen Vornehmen, sich bei dem schönen Wetter heute nicht zu ängstigen, bestärken konnte, so war es die frische, fröhliche Stimmung des Knaben. Sie ge⸗ leitete ihn selbst an den Strand und wohnte der Abfahrt bei.
Mar, der sich selbstverständlich einen Platz in Peter Geerts' Boot eroberte, war erstaunt, seinen Freund Jan nicht darin zu finden. Seine Mutter sah noch, wie er den stattlichen Fischer mit Fragen bestürmte und wie dieser, der durch die Einschiffung seiner Gäste vollauf in Anspruch genommen war, ihn ziemlich kurz abwies. Es gab eine kleine Zeit allgemeiner Unruhe, ein buntes Durch⸗ einander der sich Plätze Suchenden. Lachen und Rufen ließen sich hören, ja sogar Schreien, wenn in Folge allzu hastigen Vordrängens ein Boot sich bedenklich auf die Seite neigte. Endlich waren Alle gut und bequem untergebracht. Die drei mit bunten Wimpeln geschmückten Fahrzeuge setzten sich in Bewegung, der frische Morgen⸗ wind füllte die sich weiß von dem blauen Himmel und der blauen Fluth abhebenden Segel. Gegen die am Ufer Zurückbleibenden gab es ein allgemeines Hüteschwenken und Wehen mit den Taschentüchern. Es war ein lustiger Anblick, und als die Böte sich mehr und mehr entfernten, als von denselben her ein mehrstimmig gesungenes Volks⸗ lied seine einfach ergreifende Weise mit dem leisen Rauschen der Wellen mischte, da fühlte selbst Frau Helmich sich bewegt, und ein sehnsüchtiges Bedauern, von dem heiteren Kreise ausgeschlossen zu sein, zog durch ihr Herz.
Sie blieb, so lange sie ihren Max, wenn auch nur mehr als ungewissen Punkt zu erkennen glaubte, am Strande und begab sich dann langsam auf den Rückweg. Als sie an„Hansen's Hotel“ vorüber kam, stand der Eigenthümer in seiner Hausthür und schaute in die Luft. Es wurden unter den Beiden einige Bemerkungen über die hübsch eingerichtete Segelpartie ausgetauscht, und Frau Helmich sagte im Tone inniger Befriedigung:„Einen schoneren Tag hätten sie wirklich nicht treffen können.“
Herr Hansen ließ seinen Blick über Himmel und Wasser dahin gleiten und zuckte leicht die Achseln.„Wir wollen es hoffen,“ meinte er,„nur das Wetterglas steht nicht fest; ich fürchte, es fängt an zu fallen.“ Als er aber dann das erschrockene Gesicht der Dame bemerkte, fügte er rasch hinzu,„damit ist ja freilich durchaus nicht gesagt, daß sich nicht über Tag das Wetter noch hält. Unsere Fischer sind ja auch zuverlässige Leute.“
Frau Helmich's frohe Sicherheit hatte durch die Bemerkung doch einen Stoß erhalten. Sie fühlte sich wieder daran erinnert, daß Wind und Wellen unberechenbare Mächte sind. Vertieft in ihre Gedanken, schritt sie den Pfad entlang, der an mehreren Gärtchen vorüber nach dem von ihr bewohnten Hause führte, als plötzlich ein seltsamer Ton ihr Ohr berührte. Sie hielt ihren Schritt an und lauschte. Da konnte unmöglich ein Irrthum obwalten, sie vernahm deutlich ein klägliches Aufschluchzen und Weinen. Die Dame, die ein mitleidiges Herz hatte, sah forschend um sich.
Sie stand gerade vor dem Gärtchen, das zu dem neben ihrer Wohnung gelegenen Krämerhause gehörte, und aus einer kleinen
Die Freude
7 5 dichten, nahe der Straße befindlichen Laube mußte der beunruhigende Ton hervorkommen. Ueber diese Thatsache im Reinen, verlor Frau Helmich keinen Augenblick mehr. Sie trat in den Garten und stand in der nächsten Minute am Eingange der Laube. N
„Christine, Sie sind es!“ Der erstaunte Ausruf entfuhr ihren Lippen, denn in der That, das junge Mädchen, welches sie niemals anders als ausgelassen vergnügt gesehen hatte, saß auf der niedrigen in der Laube angebrachten Bank. Ihre beiden Ellbogen hatte sie auf die Knie gestützt, das Gesicht in ihre Hände vergraben und schluchzte herzbrechend, als sei jede Hoffnung ihres Lebens auf immer dahin und begraben. Kaum wurde sie der Dame ansichtig, als sie mit einem Schreckensruf empor sprang und an ihr vorüber ent⸗ fliehen wollte; aber Frau Helmich hielt sie zurück und nöthigte sie, ihren Platz wieder einzunehmen.
„Kind, was fehlt Ihnen denn?“ fragte sie theilnehmend und setzte sich neben das aufgeregte Mädchen.
„O, ich bin so unglücklich,“ schluchzte dieses auf,„so furchtbar unglücklich!“
„Aber worüber denn? Ihren Eltern kann doch nichts geschehen sein; ich sah soeben noch Ihren Vater wohlgemuth abfahren. Wo fehlt es denn?“
Stinchen versuchte ihre Thränen zu trocknen, aber immer auf's Neue stürzten sie aus den sonst so klaren Augen hervor, und das einzige, was sie über die Lippen brachte, war die wiederholte Ver⸗ sicherung:„Ich kann es nicht sagen, ich kann es nicht!“
Frau Helmich bedurfte sehr vieler Geduld, sehr vieler vorsichtiger Fragen, um ganz allmählich einige Aufklärung über des Mädchens Verhältniß zu Jan, über ihre Zusammenkunft mit ihm am Strande zu erhalten und endlich auch über seine Entzweiung mit dem Fischer Geerts und deren Veranlassung.
„Aber, mein Kind,“ sagte sie ernst,„ich hatte wohl einen Augen blick, weil Ihr heiteres anstelliges Wesen mir gefiel, den Gedanken, Sie an Mariannen's Stelle in meinen Dienst zu nehmen; nachdem ich aber merkte, daß es Ihnen doch an der rechten Neigung dazu fehlte, nachdem Sie mir einmal gesagt, daß Sie sich von den Ihrigen, von der See und Ihrer Heimath nicht trennen möchten, dachte ich ja gar nicht mehr daran.“
Stinchen wurde dunkelroth. Sie schlug die von Weinen ge— trübten Augen nieder, preßte in peinlicher Verlegenheit die Hände zusammen und nickte zustimmend.„Ich auch nicht,“ kam es zögernd über ihre Lippen.„Aber als wir uns den Spaß mit der Ver⸗ kleidung gemacht hatten, als ich das erschrockene, verdutzte Gesicht von Jan sah,— da konnte ich nicht lassen, ihn zu necken.“
Die Dame machte ein noch weit strengeres Gesicht.„Haben Sie nie bedacht, Christine,“ fragte sie in strafendem Tone,„daß es eine sehr bedenkliche Sache ist, in übermüthiger Laune mit den Gefühlen Anderer Scherz zu treiben???
Ein neuer Thränenstrom aus Stinchen's Augen war die Ant⸗ wort.„O, daß es so kommen sollte, war ia auch nicht meine Ab⸗ sicht,“ schluchzte sie.„Es war sonst immer so spaßig, Jan zu necken; aber ich will es gewiß und wahrhaftig nicht wieder thun,“ und dann die Hände ringend in hülfloser Verzweiflung, sah sie Frau Helmich an.
„Dann ist das noch nicht Alles. Als Jan sich mit Vater er⸗ zürnt hatte, muß er wohl ganz außer sich gewesen sein. Er, der sonst nie eine Schenke besuchte, der keinen Pfennig unnütz ausgab, ist in's Wirthshaus gegangen. Er hat getrunken mehr, als ihm gut war und—“ die Worte schienen ihr nicht über die Lippen zu wollen, wieder mußte ihre theilnehmende Zuhörerin durch freund⸗ liches Zureden sie zum Fortfahren ermuthigen.„Da hat er Streit bekommen. Die Andern haben ihn wohl zum Besten gehabt, und er, der sonst keinem lebenden Wesen etwas zu Leide thut, hat einen der Knechte mit seinem Bierseidel auf den Kopf geschlagen und— Jan hat so furchtbare Kräfte— der ist gleich niedergefallen und wird vielleicht sterben; o, und—“ Stinchen brach in erneutes lautes Weinen aus bei den Worten,„der Landjäger ist gekommen, hat ihn mitgenommen nach Tr. und jetzt sitzt er, und nun ist alles, alles aus; denn von einem Menschen, der im Gefängniß gesessen hat, von dem wird Vater nie wieder etwas wissen wollen. Das vergißt er ihm nicht.“
Die Sache war allerdings so bedenklich, daß sich nicht viel Troͤst⸗ liches dazu sagen ließ. Eine Schlägerei mit vielleicht tödtlichem Ausgange! Frau Helmich schauderte vor solcher Rohhcit, und ihre
————


