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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 17. Juli.
Es herrschte ein recht schwüler, unbehaglicher Zustand in dem Stübchen, da, nach wenigen Minuten, öffnete fich wieder die Thüre, und herein trat Peter Geerts' Schwiegervater, der alte Harms. „Was ist denn geschehen?“ fragte er in sichtbarer Spannung,„soeben in der Hausthüre ist Jan mir begegnet und wie rasend an mir vor⸗ über gestürzt.“
Peter Geerts, ohne seine ungestüme Wanderung zu unterbrechen, antwortete kurz:„Ich habe ihn fortgejagt.“
„Fortgejagt! Jan?“ Es lag Unglauben und Schreck in dem Ausruf des Alten. Er sah erstaunt den Schwiegersohn und dann wieder seine Tochter an, bis Letztere versuchte, mit leisen Worten ihm den Stand der Dinge klar zu machen, und da begab es sich, daß auch der Vater in die Worte ausbrach:„Das hättest Du aber nicht thun sollen, Peter, das wird Dich noch reuen.“
„Himmel Donnerwetter!“ Wieder stampfte Peter Geerts mit dem Fuße und stand vor dem Alten still.„Ich weiß, was ich thue,“ sagte er mit zornbebender Stimme,„und es wird mich nicht reuen. Aber Ihr, Vater, Ihr waret immer für Jan über die Maßen ein⸗ genommen.“
Der Alte schüttelte seinen grauen Kopf.„Und warum sollte ich nicht? Einen besseren Gehülfen, einen so zuverlässigen, nüchternen Menschen findest Du gar nicht wieder, den kannst Du zumal jetzt nicht einen Tag lang entbehren.“
„Nicht?“ Der Fischer lachte grimmig auf,„das wollen wir doch sehen, wenn ich meine Hand ausstrecke, ob ich nicht an allen zehn Fingern einen habe.“
„Aber keinen, wie Jan.“ Der Vater und die Frau versuchten beide, immer von neuem, den aufgeregten Mann mit glimpflichen Worten zu beruhigen, ja, der Erstere wollte Jan nachgehen und einen Ausgleich zu vermitteln suchen, aber mit dem Vorschlage kam er übel an. Sein Schwiegersohn vertrat ihm den Weg und verbat sich in nicht allzu gewählten Ausdrücken entschieden seine Einmischung, da, von allem andern abgesehen, schon Christinen's wegen Jan nicht im Hause bleiben könne.
„Und warum, Peter, warum willst Du ihm das Mädchen nicht geben?“ fragte der Großvater, während die Frau ihm beistimmend und ermunternd zunickte.„Einen Menschen, den Du so lange und nur von der besten Seite kennst, als nüchtern und unermüdlich fleißig.“
„Weil er ein armer Schlucker ist,“ brummte Geerts unwirsch, schob seine Hände in die Tasche und begann wieder die nämliche ruhelose Wanderung. Sein Benehmen war vollkommen dasjenige eines Menschen, der im tiefsten Innern sich wohl bewußt ist, daß die Gründe seines Handelns Gott und den Menschen nicht wohl⸗ gefällig sind, und der darum auch ein polterndes Wesen zur Schau trug, wie es im Uebrigen ihm keineswegs eigenthümlich war.
Jan, der Jischer.
Erzählung von Emilie Tegtmeyer. (Fortsetzung.)
Ueber Vater Harms' wettergefurchtes Antlitz glitt ein Zug tief— gefühlter Mißbilligung.„Peter,“ hub er nochmals wieder an,„Du bist doch sonst ein verständiger Mensch, hast Du denn ganz und gar die Zeit vergessen, da Du in demselben Falle warst, als jetzt Jan? Hast Du vergessen, daß, als Du meine Anna zum Weibe bezehrtest, Du auf Deine zwei kräftigen Arme wiesest mit den Worten:„So lange ich die noch habe, bin ich nicht arm.“ Da— mals dachte ich: Die Beiden sind jung und gesund, der liebe Gott wird helfen, und er hat geholfen, hat Euch selbst Sturm und Un⸗ glück zum Heil ausschlagen lassen. Hättest Du je zu Deinem jetzigen Wohlstande gelangen können, wenn nicht anno zweiundsiebenzig im November die große Fluth gekommen wäre, die Alles fortriß, und in Folge deren aus dem ganzen Reich so viel Hülfsgelder hierher flossen, daß Du für Deinen Antheil Dir das schmucke Haus hier erbauen konntest? Daran denke und—“
Bis hierher hatte Geerts, am Fenster stehend und mit grim— migen Blicken in's Weite starrend, die Rede des Alten über sich ergehen lassen, jetzt, da deren Nutzanwendung kommen sollte, drehte er sich hastig um und unterbrach ihn mit den Worten:„Gerade, weil ich weiß, wie das Quälen thut, soll meine Tochter es besser haben. Wie ich nun einmal gestellt bin, kann ich mir einen Schwiegersohn unter wohlhabender Leute Kindern suchen, und das werde ich, anstatt sie dem Hungerleider von Knecht zu geben; das ist mein letztes Wort und dabei bleibt es.“
Er ließ seine gewichtige Faust so kräftig auf den Tisch fallen, daß Vater und Tochter zusammenfuhren.„So thu', was Du nicht lassen kannst,“ sagte der Erstere,„aber trag' auch die Folgen.“
Er wendete sich damit zur Thüre und verließ das Zimmer, während die Frau sich tief über ihre Näharbeit beugte, so tief, daß die Thränen, die aus ihren Augen darauf niedertropften, nicht sicht— bar werden konnten.
Peter Geerts behauptete also siegreich den Kampfplatz, aber innere Zufriedenheit verrieth seine Miene doch nicht, und dabei lag ihm jetzt ob, an alles das zu denken, was selbstverständlicher Weise sonst Jan besorgt hatte und— an einen Ersatz für diesen. Das Behagen des so angenehmer Weise begonnenen Sonntagnachmittags war total in die Brüche gegangen.
IV.
Das Wetter schien beständig bleiben zu wollen. Der folgende Tag war schön, warm und sonnig. Unter den Badegästen herrschte ein ganz neues Leben, und für die nächste Zeit wurden Pläne zu allen möglichen Vergnügungen und Ausflügen entworfen. Frau Helmich war es gelungen, während der jüngst verflossenen Tage


