123 D
signation aus seinem Gesicht; der feste Entschluß, an Stelle des zer⸗ trümmert hinter ihm liegenden ein neues Leben durch eigene Kraft aufzubauen, lag deutlich darauf geschrieben. f
Ob die drei Genossen am schlichten Kaffeetisch wohl die Kämpfe seiner Seele ahnten?
Die Großmutter erkundigte sich bei dem Lehrer eben angelegent— lich nach dem Ausfall seiner diesjährigen Kartoffelernte, während Fränzchen einen plötzlich ausgebrochenen Zwist zwischen Sultan und der fauchenden Hauskatze lachend schlichtete.
Julian dachte daran, daß sie, trotz des beständigen Zusammen— seins, niemals eine Frage nach seinem früheren Leben gethan hatte. In ihrer süßen Herzensunschuld fürchtete sie wohl kaum, einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit zu finden, nahm ohne Mißtrauen ihn, als den er sich gegeben. 0
Er seufzte und Fränzchen, die Sultan noch immer mit festem Griff am Halsband hielt, trat zu ihm heran.
„Mimi hat ihn durch eine hinterlistige Ohrfeige gereizt, sonst ist er ein Lamm,“ versicherte sie.„Er kann nur nichts Falsches, Heimtückisches leiden.“
„Wie seine Herrin,“ sagte er, den Blick in ihre Augen, aus denen es ihn wie ein frischer Waldquell anmuthete, versenkend. „Auch sie haßt das Unwahre.“
Erstaunt sah sie ihn an.„Wer liebt wohl die Lüge, verstrickt sich gern in sie?“
„Vielleicht Viele, vielleicht Niemand. Wer vermag bis auf den Grund der Seele zu sehen? Sicherlich giebt es aber manchen, der wider seinen Willen eine Lüge leben muß,“ flüsterte er, nur ihr verständlich..
„Schon wieder niedergeschlagen?“ fragte sie zutraulich.„Ich dachte, Sie wollten auf dem Lande lernen, gesund und glücklich zu werden?“
„In diesem Augenblick bin ich ganz glücklich,“ rief er, indem gewaltsam niedergehaltene Leidenschaft aus seiner Stimme brach.
Fränzchen wandte sich ab. Zum zweiten Mal erschreckte sie heute sein Ton. Etwas Neues, Unfaßbares war zwischen sie und ihn ge⸗ treten, hatte der guten Kameradschaft plötzlich ein Ende gemacht.
Mit elastischen Schritten, die Brust von unbestimmten Hoff- nungen geschwellt, den heißen Kopf voller tausend Pläne, betrat Julian heute seine Wohnung. Dem sonnigen Herbsttag war eine frühe, nebelgraue Dämmerung gefolgt. In tiefem Dunkel lagen die Zimmer und nur auf dem Bild der längst gestorbenen Ahnfrau zitterte noch schwacher Lichtschein.
Die grauen Augen schienen, spöttisch blickend, ihm zu folgen, ihm, dem Träumer, dem Enthusiasten, der sich so lange in ohn⸗ mächtigem Groll vergeblich gegen das auferlegte Joch gesträubt und nun plötzlich meinte, der ganzen Welt gegenüber den Titanen spielen zu können.
„Du reißt nichts Bestehendes ein, bauest nichts Neues wieder auf; Du bist nicht die Kraft dazu,“ stand deutlich darin geschrieben. Und Julian erwartete fast, daß der gemalte Mund sich öffne, um mit scharfer, wohlbekannter Stimme diesem verächtlichen Ausspruch Nachdruck zu geben.
Die kalten Augen, die harte Stimme waren das Elend seines Lebens geworden. Ein ruheloses Wandern hatte er vorgezogen der Rast am heimischen Herd. Tolles Wagen, wilde Aufregungen brachen wohl seine Gesundheit, betäubten jedoch nur auf kurze Zeit die Sehn⸗ sucht seines Herzens, das noch immer nicht verlernt, stürmisch nach Glück zu rufen. Und nun er es endlich, fast an der Grenze der Jugend, gefunden, dieses Glück, als es über ihn gekommen war wie eine Mahnung der ewigen Himmelsseligkeit selber, da erhob sich war⸗ nend eine weiße Hand, die den schmalen Goldreif trug, der ihn unauflöslich an sie band.
Unauflöslich! Der junge Graf schauderte und trat zum Fenster. Nein, unauflöslich konnte ein Band nicht sein, das nur nach Außen hin zwei Menschen locker zusammenhielt. Vor seinem Gewissen brach er kein heilges Gelübde, wenn er die aufgezwungenen Bande endlich von sich schüttelte, als freier Mann Herz und Hand nach eigener Liebeswahl verschenkte. 5
Er lehnte die Stirn gegen die Scheiben. Der Himmel war düster, kein Sternlein wollte verheißungsvoll winken und die Nebel, die dem sumpfigen Boden entquollen, begannen wieder ihren un⸗ heimlichen Schattentanz.(Fortsetzung folgt.)
Nora.
Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)
V
Sie konnte nicht lange geschlummert haben. Als sie emporfuhr, fühlte sie ein empfindliches Zerren im Magen und einen Anflug von wüstem Schmerz im Kopf. Auch schienen Stimmen um sie her zu sprechen, Stimmen, von denen sie nicht genau wußte, ob sie aus der Nähe oder aus der Ferne kamen. Sie mußte sich erst langsam besinnen auf das, was um sie her stand. Die Kuchenteller, der Brodkorb neben dem Ladentisch, der Holzstuhl, auf dem sie saß; drüben die Thür, vor der Jemand stand. Das Kind sah auf. An der Thür stand ein Mann, und der Mann sagte etwas, was sie in ihrer schlaftrunkenen Verwirrtheit nicht sogleich verstand. Sie mochte ihn aus verschleierten Augen angesehen haben, denn der Fremde trat näher in den Laden ein und wiederholte sein Verlangen in leisem Ton.
Nora schüttelte mit Willenskraft die Müdigkeit von sich ab und trat hinter dem Ladentisch hervor.
„Was wünschen Sie?“ Sie fragte es noch ganz benommen; und ein kleines Gähnen drohte ihr den Mund zu sperren; sie kämpfte es mit einer erzwungenen Muskelverzerrung nieder, und jetzt erst, da des Mannes stammelnde Antwort an ihr Ohr fiel, erwachte sie ganz und voll. Sie hatte verstanden. Der Mann bettelte, bettelte um ein Stück altes Brod. Das hatte das Kind verstanden, besser als alles Andere auf Erden wußte sie heute, was es bedeutete, des Essens bedürftig zu sein. Ihr ganzes Herz schlug dem Manne entgegen. Sie machte eine rasche hilfsbereite Bewegung nach dem Semmelkorbe hin, und plötzlich blieb sie, zögernd stehen. Mit ihrem blassen Gesichte stand sie da, Hülflosigkeit, Rathlosigkeit in allen Zügen. Sie durfte ja nicht— die Bäckersfrau litt es nicht. Der Mann war alt, und seine Haltung gebückt. Nora blickte in das abgehärmte Gesicht auf, und eine heftige innere Unruhe überkam sie. Was sollte sie thun? Um sie her standen die Teller mit der Back⸗ waare, die Körbe mit den Semmeln, von der eine einzige genügen würde, um zu helfen; aber sie durfte nicht; die Frau da drinnen gab nichts an Arme. In des Kindes Auge blitzte es auf. Ein kühner Gedanke begann sich in ihrem Geiste zu formen. Wie, wenn sie es dennoch that? Wenn sie trotz des Verbotes dem Manne dennoch— aber die Frau könnte es merken, und dann— Was würde geschehen? Was würde man ihr thun? Es war anvertrautes Gut; und solches angreifen— das war unredlich.
Sie selbst hatte oft Noth gelitten. So manches Mal hatte sie mit sich im Kampf gelegen um eine Semmel. So oft hatte ihr redlicher Instinkt— nein, ihre Erinnerung an Jemand— an eine gute, heilige Todte— sie davor bewahrt.
„Fremdes Gut! Rühre nicht an fremdes Gut— nie!“ Des Gewissens Stimme hatte sie zurückgetragen in jene Zeit, an der ihr Herz so sehnsüchtig hing, eine Stimme, die ihr so lieb war, rief ihr kosende Worte zu. Und das Kind neigte sich der mahnenden Stimme zu, und warf den Vorsatz der Unredlichkeit weit von sich.
Sie trat dem alten Manne entschlossen näher und sah mit großen treuherzigen braunen Augen zu ihm auf. Sie begann zu sprechen. Sie wollte ihm erklären, daß sie nichts geben dürfe, daß ihr nichts gehöre— und dann, wie sie so vor ihm stand mit ihrem vollen warmen Herzen, versagte ihr plötzlich die Sprache. Ein heißes Mitgefühl durchzog ihr Inneres, ein tiefer Jammer mit dem gebückten Greis, der um ein Stückchen Brod zu betteln gezwungen war. Es sprach plötzlich in ihr eine andere Stimme, eine, die sie zu einer Gewaltthat anspornte, eine, die vom eigenen Leid getrieben, die Schranken allen Denkens durchriß, und sie das Geben nur als eine Gutthat sehen ließ. Ohne weiter zu bedenken, was sie that, nur den warmen Impulsen ihres Herzens folgend, huschte das kleine Bäckermädchen an den Korb hinter dem Ladentisch, griff eines der Brödchen heraus und drückte es dem Manne in die Hand. Ihre zitternde, kleine Stimme ging flüsternd durch den Raum.
„Nehmen Sie und gehen Sie rasch!“ Verstand er sie? Begriff
er ihre Lage? Nora wußt' es nicht. Sie hatte gesehen, wie er hineinbiß in das Brod; und das Hineinbeißen hatte etwas in ihr geweckt, was ihr heiß und kalt über den Rücken rieselte. Wie ge


