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hinterlistig den Angeber spielen könnte? Sehe ich wie ein Ver⸗ räther aus?“
„Nein, ich habe es nie geglaubt,“ meinte sie, treuherzig ihn ansehend.„Aber die Großmutter würde vielleicht aufhören zu weinen, wenn ich sie darüber ganz beruhigen könnte. Nicht wahr, Sie sagen nichts?“
„Schon daß Sie hierüber ein Versprechen von mir fordern, könnte mich beleidigen. Wir sind doch diese ganze Zeit hindurch gute Kameraden gewesen und gute Kameraden—“
„Können zu jeder Zeit auf einander bauen,“ vollendete sie lachend die oft von ihm gehörte Redensart.
Auch er lachte. Sie klangen hell ineinander die jungen Stimmen, aber die alte Großmutter, die stickend am offenen Wohnstubenfenster saß, überschlich es bei diesem Ton wie in leiser Unruhe.„Ob der Schulmeister heute nicht endlich kommen wird,“ dachte sie, den Dorf⸗ weg hinunterblickend.„Die ganze letzte Woche war er nicht hier.“
Auf dem Rasenplatz war das Lachen verstummt. Julian hatte sich wieder der Staffelei zugewandt und begann mit flüchtigen Pinsel⸗ strichen die von Fränzchen sorgsam geordneten Blumen zu skizziren.
„Wir wollen eine kleine Komödie, ein holdes Zaubermärchen zu leben versuchen,“ meinte er, eifrig malend.„Wer kann mich hin⸗ dern, mir einzubilden, ich sei ein armer Maler, der den letzten Strahl des scheidenden Tageslichts ängstlich für bezahlte Arbeit be⸗ nutzen muß. Welche Lust, mit dem Erlös des glücklich verkauften Bildes jubelnd nach Hause stürmen zu können, un—“ a
„um?“ fragte Fränzchen, deren sprechender Blick das Interesse an seinen Worten deutlich verrieth.
Er deckte die Augen mit der Hand. Ein Bild hatte er gesehen, so schön, so wonnevoll. Und er durfte die Hand nicht ausstrecken danach, es nicht halten wollen. Die Kette klirrte leise.
„Wenn Sie mitten im Erzählen abbrechen, will ich niemals mit Ihnen Komödie spielen,“ rief sie schmollend.„Und zur Strafe dürfen Sie heute nicht mehr arbeiten. Ich nehme die Blumen fort; ihr Anblick hat Sie traurig gemacht.“
Muthwillig wollte sie die Ranken und Blüthen durcheinander werfen, doch er hielt ihre beiden Hände fest.
„Hier giebt es nichts, das mich traurig stimmen könnte,“ rief er leidenschaftlich,„hier ist nur eitel Glück und Sonnenschein. Jeder Grashalm, jedes leise sich schaukelnde Blatt erzählt mir eine wundersame Mär, der vorüberziehende Lufthauch lispelt mir zu, daß es eine Seligkeit auf Erden giebt, von der allein ich aus⸗ geschlossen bin. Hier ist mein Eden und die düstern Schatten der Erinnerung will ich gewaltsam bannen!“
Mit einem leisen Aufschrei hatte Fränzchen ihre Hände befreit. Zitternd, wie eine vom Wind bewegte Blume, stand sie vor ihm.
„Ich habe Sie erschreckt,“ sagte Julian wieder in seinem alten sanften Ton.„Verzeihen Sie dem guten Kameraden, den die Qual der Erinnerung in Ihrer Nähe nicht mehr überkommen soll.“
Sie lächelte, während die Gluth auf ihren Wangen immer dunkler wurde. Zum ersten Mal seit ihrem Zusammensein vermied sie seinen Blick, senkte scheu die langen Wimpern, und durch sein Herz fuhr wie ein Dolchstoß die furchtbare Gewißheit, daß er ein Unrecht begangen, ihr die glückliche Unbefangenheit zu rauben. Warum konnte er sie nicht in seine Arme ziehen? Warum durfte er nicht das erste Liebeswort in ihr lauschendes Ohr flüstern? Warum? Leise knirschte er mit den Zähnen, während die geballte Hand sich hob, als wolle sie unsichtbare Fesseln brechen.
Unbemerkt hatte sich auf dem weichen Wiesenpfad der junge Inspektor der Gartenmauer genähert. Bei den lauten Worten des Grafen war er aufhorchend stehen geblieben und nun flog ein höhnisches Lächeln über sein gedunsenes Gesicht.
„Das ist eine kostbare Entdeckung für mich,“ meinte er, be— friedigt mit dem Kopfe nickend.„Wenn er sich aus Langeweile in ihr Lärvchen vergafft, brauche ich nichts mehr von ihm zu fürchten, habe ihn, dem stolzen Onkel gegenüber, so gut wie in der Tasche. Ha! ha! Hätte nicht gedacht, daß die Fränze, das widerspenstige Ding, mir solch' einen Dienst leisten würde. Glück muß man haben, das ist die Hauptsache. Ich sagte es immer. Aber kommt dort nicht der tugendhafte Schulmeister Heinrich Fürchtegott Dober⸗ stein über die Felder daher? Nun, da will ich ihm doch entgegen— gehen. Die zärtlichen Blicke dort im Garten bleiben vorläufig mein Geheimniß. Betrachte sie als Kapital, aus dem ich Zinsen zu schla⸗ gen hoffe.“
Als wenige Minuten später Graf Julian und Fränzchen das Wohnzimmer betraten, fanden sie den jungen Lehrer im freundlichen Abendsonnenschein neben der Großmutter am Fenster. Auf dem runden Eichentisch dampfte in einem Kreis blaugeränderter Henkel; tassen die mächtige Kaffeekanne. Einzelne verspätete Fliegen um⸗ schwärmten summend die Zuckerschale und ein leiser Duft von frisch gepflückten Geranienblättern durchzog den sonnenwarmen Raum.
Noch nach vielen Jahren gab es Augenblicke, wo dieses Bild lebhaft vor Julian's innerem Auge stand, wo er in nie ermüdender Qual jeder Einzelheit desselben gedachte. Heute, zögernd auf der Schwelle verweilend, überließ er sich willenlos dem holden Zauber dieses früher nie gekannten Stilllebens. Als sei die Vergangenheit, das ganze Leben mit seinen unerbittlichen Anforderungen auf ewig hinter ihm versunken, als sei er nach langer, heißer Pilgerfahrt endlich glücklich in die Heimath zurückgekehrt, so war ihm zu Muth.
„Wie bleich der Herr Graf heute wieder aussehen. Sie dürfen auf keinen Fall mehr so lange im Garten verweilen. Solch' ein schöner Herbsttag ist trügerisch, hat allerlei böse Krankheiten im Gefolge,“ meinte die Greisin, die eilig den ledernen Polsterstuhl als Ehrenplatz ihm an den Tisch geschoben.
Ihr demüthiger Sinn hatte sich lange dagegen gesträubt, den jungen Grafen wie ihresgleichen an dem Familientisch zu sehen, doch seiner anspruchslosen Freundlichkeit gelang es täglich mehr, sie den trennenden Standesunterschied vergessen zu lassen. Dankbar hatte er sich in der ersten Zeit von ihr pflegen lassen; nie war ein Wunsch anders als in der Form einer bescheidenen Bitte laut ge⸗ worden und der gestreuge Richter, vor dessen Ankunft sie gezittert, hatte sich bald in einen lieben Hausgenossen verwandelt.
„Keine Spur von Hochmuth kennt seine Seele; wie mit seines⸗ gleichen verkehrt er im Hause. Möchte wohl wissen, ob alle vor⸗ nehmen Leute so sind wie er?“ hatte sie eben wieder den Schul⸗ meister gefragt.
Dieser zuckte die Schultern. Obgleich die Liebenswürdigkeit des jungen Grafen sich unverdienter Weise auch bis auf ihn erstreckte, mochte er doch nicht gern über diesen sprechen. Ein Gefühl, als sei Unheil mit ihm zugleich über die theure Schwelle geschritten, überkam ihn in seiner Nähe. Niemals stimmte er in das begeisterte Lob der alten Frau ein und auch heute athmete er erleichtert auf, als Julian's Eintritt ihn der Antwort überhob. 0
Fränzchen schenkte den Kaffee ein. Zum ersten Mal vergaß sie die altgewohnte Neckerei, dem Schullehrer die Tasse halbvoll zu gießen, die Zuckerdose ihm in unerreichbare Ferne zu rücken und durch allerlei Kunstgriffe Sultan zu veranlassen, sich unter seinen Stuhl zu plaziren. Den Kopf in die Hand gestützt, blieb sie mit zerstreutem Lächeln vor ihrer leeren Tasse sitzen.
„Wo Du nur wieder mit Deinen Gedanken bist, Fränzchen!“ mahnte mit leisem Vorwurf die Großmutter.
Sie fuhr zusammen. Wie aus einer anderen Welt zurückkehrend, richtete sie ihren Blick auf die Umgebung; als er Julian streifte, leuchtete es in den braunen Augen, die plötzlich einen eigenthümlich sinmnenden Ausdruck gewonnen hatten.
„Ich dachte nur daran, warum mir die Welt noch niemals so schön erschienen ist, wie heute,“ sagte sie, durch das offene Fenster in den wie mit Gold und Purpur durchflammten Abendhimmel hineinblickend.
„Schön jetzt? Wo die Natur langsam ihr Sterbekleid anlegt und mit den fallenden Blättern der Mensch auch manche liebe Hoff- nung einsargen muß,“ weinte der junge Lehrer.
„Es stirbt nichts in der Natur, noch im Menschenherzen,“ rief Fränzchen bestimmt.„Für die schlummernde Erde kommt der Früh- ling mit neuem Grün und die Wärme des Herzens schmilzt alles Eis und allen Schnee hinweg.“
„Das war ein gutes Wort zur rechten Zeit,“ rief der junge Graf, von dessen finsterer Stirn wieder frischer Muth strahlte. „Warme Herzen dürfen den drohenden Winter nicht scheuen; sie halten Sturm und Frost muthig Stand.“
In der Erregung des Augenblicks war er aufgesprungen. Jetzt, wo er, hocherhobenen Hauptes, den letzten Rest körperlicher Schwäche abzuschütteln schien, fiel es zum ersten Mal so recht in's Auge, wie schön er eigentlich war. Die hohe Figur, die vornehm geschnittenen Züge konnten sich kaum vortheilhafter präsentiren, als in der dunklen Künstlertracht, der er, wie so vielen anderen Jugendidealen, längst
hatte entsagen müssen. Heute jedoch sprach nichts weniger als Re-


