mit ihm geschehen.
zu den e.
Oberhessischen Nachrichten. 55
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Gießen, den 17. April.
1887.
N
Wie süß das Haidekraut in der Mittagssonne duftet; ihr war⸗ mer Strahl weckt in den braun gewordenen Ranken eine Nachblüthe, die mit ihrem röthlich blassen Schimmer fast an die entschwundene Sommerszeit erinnert. Sommerlich warm ist auch die Luft, kaum daß ein leiser Windhauch das Laub der Bäume bewegt. In den Gär⸗ ten blühen neben den steifen, herbstlichen Georginen bunte Sommer⸗ blumen in frischer Kraft, und wenn die Morgen nicht zu kühl und die Abende nicht so lang wären, könnte man meinen, mitten im Juli zu stehen. Dieser freundlichen Täuschung scheint man auch in dem wilden Garten zu Grünau sich hinzugeben. Unter dem weitästigen Apfelbaum, auf dem nur hin und wieder mit welken Blättern leicht bestreuten Rasen ist eine kleine Künstlerwerkstatt etablirt. Staffelei, Malstuhl, Farbenkasten, Alles hat seinen wohl⸗ bedachten Platz, und der junge Graf, den Pinsel in der Hand, lehnt sich zurück, um nach dem jungen Mädchen zu spähen, das emsig suchend zwischen den Beeten hin und her geht. ö
„Fräulein Franziska, Fräulein Franziska!“ Die Stimme, die dieses ruft, klingt garnicht mehr leise und krank, der müde Ausdruck ist von dem schönen Gesicht wie fortgewischt und in dem leichten, schwarzen Sammetrock könnte man ihn für einen jungen, herzens⸗ frohen Maler auf einer Studienreise halten. Sein Blick hängt un⸗ verwandt an der schlanken Gestalt, die, vom goldenen Sonnenlicht umflossen, wie eine Nymphe des Waldes unter den alten Bäumen steht. Noch liegt die rothe Weinranke, die er vorhin scherzend ihr um's Haupt gewunden, ihr im dunkeln Haar und sein Künstlerauge weidet sich an der schönen Harmonie, die die breiten Purpurblätter und der leicht brünette Teint bilden.
Sie ist keine Schönheit; kaum zur Jungfrau erblüht, erscheint sie mit ihren halbentwickelten Formen. Und doch glaubt der von den Genüssen der großen Welt längst übersättigte Mann kaum je⸗ mals etwas Anmuthigeres gesehen zu haben als dieses dunkle Gesicht— chen, dessen größter Reiz wohl einzig in dem lebhaften Mienenspiel besteht, das so treu in jedem Augenblick die Vorgänge des Herzens wiederspiegelt. Ganz wahr, ganz offen ist sie zu jeder Stunde, noch nie hat ein Gedanke, den sie Ursache zu verbergen hätte, hinter dieser klaren Stirn gewohnt, kein leidenschaftlicher Wunsch trübte jemals den Blick dieser braunen Kinderaugen, aus denen nichts als Unschuld und Schelmerei lacht.
Wie ein liebliches Wunder erschien sie dem müden, mit sich und der Welt zerfahrenen Mann, zder, angewidert von dem schalen Boden⸗ satz, den er in dem Becher des Lebens gefunden, die Erfahrungen eines Greises für sich zu haben glaubte. Und ein Wunder war auch Reine Himmelsluft glaubte er zu athmen, die
Im Nebel.
Novelle von H. René. Fortsetzung.)
Duellen findet, wohl an die schattenlose Wüste, die er später doch
Brust weitete sich ihm und auf geheimnißvolle Weise wurde ihm die frische Empfindungsfähigkeit der Seele wieder neu geschenkt. Dankte er ihr dieses schnelle Genesen, oder war es die herbst⸗ liche Szenerie, die mit ihrem süßen Zauber so erheiternd auf ihn wirkte? Oft hatte er in den ersten Tagen sich diese Frage vor⸗ gelegt, um dann niemals die Antwort seines Innern abzuwarten. Warum durch nutzloses Grübeln den Reiz dieser kleinen Idylle stören? Warum im vollen Sonnenglanz die düstern Schatten der Nacht heraufbeschwören? Denkt der verschmachtende Wanderer, der auf seinem heißen Wege plötzlich eine grüne Oase mit rieselnden
durchwandern muß? Eine Wüste war auch durch eigene und remde Schuld sein Leben geworden; überall starrte sie ihm entgegen, die trostlose Leere seines Daseins. Und nun wollte er auch einmal von dem Moment sich glücklich täuschen lassen, spielend nach Blumen haschen, gleichviel ob sie an einem Abgrund wüchsen.
„Fräulein Franziska, lassen Sie das Suchen, Sie finden doch keine Rose mehr, die Zeit ist längst vorüber!“ Vom ersten Augen⸗ blick an hatte er sie nicht so nennen mögen, wie alle die Anderen. Glaubte er vielleicht, durch diesen fremden Namen, dessen Klang sie anfänglich verwundert aufblicken ließ, eine Schranke errichten zu können zwischen ihm und ihr?
Fränzchen richtete sich von dem Rosenstrauch, über den sie sich suchend gebeugt hatte, in die Höhe.
„Eine einzige Rose konnte ich finden und diese, halb verblüht, entblätterte während des Pflückens,“ sagte sie, die welken, kaum far⸗ big angehauchten Blätter langsam durch die Finger rinnen lassend. Dann kam sie näher, setzte sich Julian gegenüber und begann die mitgebrachten Blumen auf ihren Knieen zu ordnen. Ein nackdenk, licher Zug breitete sich wie eine Wolke über ihr sonniges Gesicht und plötzlich blieben die Hände wie müßig im Schooße ruhen.
„Was ist Ihnen? Woran denken Sie?“ fragte der junge Graf, der in ihren Augen zu lesen nur zu rasch gelernt.
„Ich habe schon lange eine Bitte auf dem Herzen,“ meinte sie zögernd.„Ich weiß es ja, es ist bei uns nicht Alles, wie es sein sollte. Der Albrecht vernachlässigt die Wirthschaft, mißbraucht das in ihn gesetzte Vertrauen. Es wäre nur gerecht, wenn ihn endlich die verdiente Strafe träfse. Doch was soll aus der armen Groß⸗ mutter werden? Sie weint Tag und Nacht und es wäre sicher ihr Tod, wenn sie hier hinaus müßte. Darum möchte ich Sie bitten, in ihren Briefen an den Herrn Grafen nichts von des Albrecht's unseligem Treiben einfließen zu lassen.“
Graf Julian blickte sie bestürzt an.„Glauben Sie wirklich, daß ich zum Dank— für die seligen Stunden— wollte er sagen, für die freundlich gewährte Gastfreundschaft, verbesserte er sich hastig,


