Ausgabe 
17.4.1887
 
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bannt gingen ihre Augen gradeaus, nicht dem Manne nach, der zur Thür hinausgegangen war, nicht nach der Stube hin, in der das Kind leise zu wimmern begann, sondern zu dem Korbe, aus dem sie das Brod genommen. Ein Gefühl setzte sich unverrückbar in ihr fest, ein Gefühl, das alle weiteren Erwägungen vertrieb, das Gefühl des Hungers! Ein Brödchen fehlte aus dem gezählten Haufen, eins fehlte. Sie konnte nichts denken, sie sah nur immer das eine! Etwas anderes konnte sie nicht mehr denken. Es hungerte sie. Die Ver⸗ suchung war groß. Der Schlaf hatte sie sinnlos gemacht, begehrlich, verlangend und kindlich gereizt. Warum war die Frau da drin so hart? Warum gab sie ihr nicht das, was Andere erhielten, was sie zu verlangen ein Recht hatte ja, ein Recht! Hochroth war ihr das Blut in die Schläfen gestiegen, heiß klopfte es in ihren Wangen, wie eine plötzlich durchbrechende, nicht zu besiegende Gier war das Verlangen über sie gekommen. Ein Brödchen fehlte, eins weniger war es schon und wenn eins fehlte, so konnten auch zwei.

Sie allein mußte den Korb austragen, sie allein hatte die Ver⸗ antwortung. Zwei Semmeln zu wenig! Eine Sekunde des Besinnens! Wie sollte sie sich helfen? Die Noth macht erfinderisch. Der Ausweg flog ihr wie von Geisterstimme getragen zu. Ein Haus mußte auf ihrem Wege ausfallen. Ja, so ging's! Und wenn's auch nicht ging. Zurück von ihrem Vorhaben konnte sie nicht. Das kleine, heiße Herz klopfte gewaltig an die Brust, ihre Augen brannten, die Lippen zuckten und die Hände, die kleinen braunen Haͤnde hielten nicht an sich. Eins fehlte ja schon, eins verrieth so sehr wie zwei, eins war so schlimm wie zwei, eins so strafbar wie zwei und gesehen wurde sie nicht, und wenn sie es auch wurde, was half's. Die lang bewahrte Wider standekraft war dahin, wie ein gieriger kleiner Raubvogel that das Kind einen Sprung vor, wie ein gieriges, lang gefangenes Wild griff sie in den Korb. Sie schloß die Augen, als sie das Brod hielt. Sie riß es mechanisch in Stücke und kam erst zum Bewußt⸗ sein ihrer That, nachdem sie es verschlungen hatte.

Es war geschehen! Das Kind lehnte mit dem Rücken gegen die Ladenwand und hielt den Kopf gesenkt. Eine seltsame Ruhe war über sie gekommen, eine Ruhe, die sie nicht verstand und nicht deutete. Sie hob eine Sekunde lang die kleine Hand und strich sich damit wie erlöst die Haarmassen aus der Stirne. Der erste Kampf ihres Innern war überwunden; nach vielen langen, heißen Kämpfen hatte sie überstanden und der zweite wurde ihr leichter. Eine unrechte That verliert bei der Wiederholung schon seine Schrecknisse.

Als der Morgen kam, erschien dem Kinde die That nicht mehr so schlimm. Sie versteckte mit klopfendem Herzen wiederum eine Semmel und verzehrte sie heimlich und ungesehen, und Tags darauf kämpfte sie nicht erst mit sich, sondern nahm ohne zu schwanken ihr nun gewohntes Brödchen.

Es war seltsam. Nora zwang mit Beharrlichkeit die innere Stimme nieder, sobald sie warnend an ihr Ohr schlug. Wußte das Kind, daß sich ihr Vergehen herausstellen mußte? Ja sie wußte es, aber sie kämpfte ihre Unruhe von Stund' zu Stund' nieder und übergab sich zitternd dem Zufall. Einmal würde es

herauskommen. Die Kundschaft, der die Frühsemmel ausblieben würde sich melden früher oder später und dann ja was dann?

Es kamen Tage und Stunden, in denen das Kind erschreckt zusammen fuhr, wenn die Ladenthür ging jedes Mal vor Angst erbleichend, wenn ein Kunde eintrat.

VI.

Was sich in der Nacht in der lauten und erregten Szene im Laden der Bäckerin Schollmeyer nach der Entdeckung zutrug, das hatte man in der Nachbarschaft nicht genau erfahren. Die Putz- waarenhändlerin von links wollte behaupten, daß es von Schlägen gedröhnt habe, der Seifenhändler aus dem Keller glaubte ein un sanftes Poltern gehört zu haben. Ein vorübergehender Müßig⸗ gänger, welcher in der kleinen Gaststube neben der scharfen Ecke sein Glas Grogk trank, gab eine Schilderung von einem heftigen Kampf, den die Schollmeyer mit ihrem Zögling dem Gnadenkind Nora gehabt habe.

Sie stand vor ihr wie ein junger Wärwolf, erzählte der Mann.Die mußte seit lange schon einen Haß in sich getragen haben, der wohl zum ersten Male durchbrach. Sie parirte die Angriffe, welche die Frau machte, mit kralligen Händen und gesperrten

Zähnen. In dem Mädchen steckt' was! Die Bäckerin stand zuletzt ganz starr und zischte nur noch vor Wuth.

Was war denn vorgefallen? Was war geschehen? Ja das wußte man nicht. Nach dem Kampf, den es gesetzt, war es im Laden ganz still geworden. Nur der Säugling habe die Nacht hindurch gewimmert das hatte die Putzhändlerin auch noch gehört. Und Nora, das aus Barmherzigkeit aufgenommene Kind! Was war mit ihr geschehen?

Auch das wußte man nicht. Nach der lauten Begebenheit im Laden war es Nacht geworden und die Frau hatte beim Vorlegen der Schaukastenbretter vor dem Zuschließen des Ladens selbst Hand angelegt; eine Arbeit, die sonst von dem Kinde verrichtet worden war.

Das Kind mußte davon gegangen sein. Aber in der Nacht? Und allein? Und wohin? Zu wem?

Ja wohin?

Das Kind selbst hatte vor der Frage rathlos gestanden. Mit dem winzigen, grauen Tuch, dem einzigen, das sie besaß, um die Schultern geschlungen, war sie nach dem schrecklichen Auftritt im Laden auf die Straße gehetzt. Ihr ganzer Körper zuckte und bebte in der Nachwirkung der Erregung, die sie durchgemacht. Was war nur in sie gefahren? Woher war ihr, der stillen, duldenden, scheuen Aengstlichen, der Muth gekommen zu der Haltung, die sie trotz der Schuld, die sie belastete, angenomnen? Wie war es geschehen, daß das sonst so zage Kind bei den ersten Angriffen der Frau, ihrer Brodherrin, in solch selbstvergessenen Jähzorn gerieth? Wie hatte sie es zu Wege gebracht, der Frau, die sie fürchtete, Worte zu sagen, die solchen Sturm nach sich ziehen mußten, Worte, wie sie sie seit lange in ihrem Herzen hatte, die anklägerisch waren und bitter rügten, was an ihr geschehen war, Worte, die ohne ihr Wollen ja fast ohne rechtes Besinnen ihrem Herzen entquollen, und die, als sie heraus waren, solch' endlose Erleichterung gewährten? Und dann, als die Frau sie berührte, als sie thätlich rügen wollte, was geschehen war, da hatte sie sich gewehrt, voll Haß und Zorn sich zur Wehr gesetzt, mit Zähnen und Nägeln, und endlich nach all' den wilden Ausbrüchen stand sie auf der Straße in der Nacht allein! Die Läden der Nachbarschaft wurden geschlossen, die Lichter in den Wohnhäusern wurden gelöscht. Ein kalter Wind fegte die Straße entlang. Das Kind zog sein Tuch eng um die Schultern und sah sich fröstelnd nach allen Seiten um. Drüben, in der Bel⸗Etage war noch Alles hell. Dort oben wohnte das blonde Kind, das vornehme, gehätschelte, umgeben von Sorgfalt und Liebe; in den Räumen dort oben war es sicherlich warm und behaglich und fröhlich, und das Kind lachte vielleicht und war heiter, während sie? Sie fror und war heimathlos. Sie hatte Niemanden, an den sie sich wenden konnie, Niemanden, der sie aufnahm, wenn auch nur für diese eine Nacht. Da drüben sah es wohnlich aus, das strahlende Licht glimmte durch schneeweiße Gardinen hervor, und der Kandelaber aus glitzerndem Krystall leuchtete so voll und an⸗ heimelnd über den erhellten Raum.

Ob das blonde Kind wohl schlief? Ob sie Mitleid haben würde,

wenn sie ihre Noth kannte? Ob sie gar freundlich wäre, wenn sie erführe, daß sie kein Heim hatte und kein Obdach? Ob man sie dort aufnehmen würde? Mitt kindlichem Vertrauen sog dies verlassene Geschöpfchen die Hoffnung in sich auf. Mit raschen Gedanken reihten sich Aus- sichten und Möglichkeiten an einander und wob sich ein sicherer Glaube an den Bildern, die vor ihr aufstiegen. Einstmals, so entsann sie sich, hatte sich ein heimathloses Hündchen in die Kammer verirrt, wo sie mit der weißen Mutter bei der kleinen Lampe saß, das Hündchen war beschmutzt wie von langem Umherirren, und an der Schnauze hatte es Blutflecken, die auf eine Verwundung hinwiesen.

Sie hatte sich gefürchtet vor dem wild schnuppernden fremden Thierchen, sie war sogar bange auf das Bett gesprungen, aber die Mutter die Gute o, die Liebe sie hatte das herrenlose zitternde Thierchen aufgenommen, es auf ihrem Schooße gewärmt und mit ihren weichen warmen Händen ruhig gestreichelt. Später, als es schön gesäubert war und sein Hunger gestillt, war es von seinem Herrn gesucht und fortgetragen worden, und als es gegangen war, hatte sie in der Mutter Arm geweint und das hübsche Spiel⸗ zeug wieder verlangt.

Jetzt stand sie heimathlos wie jenes Hündchen vor der Pforte eines fremden Hauses, und ihr Herz klopfte bang, und ihr zarter

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