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das thun die Andern Alle, und es machte mich so dumm und linkisch.“ „Ja, das wird es sein!“ antwortete er ruhig. Er hätte um nichts in der Welt die Unschuld und Harmlosigkeit ihres Wesens stören mögen. Die Menschen, welche ihnen begegneten, blickten den beiden schönen jungen Damen nach; sie selbst bemerkten es kaum, aber Onno sah es und es machte ihn ganz stolz. Maria war weitaus die schönere; sie ging wie eine Königin daher in dem schwarzen Sammetanzug mit kostbarem Zobel besetzt, der ein vorjähriges Geschenk ihres Vaters war.—
Heute dachte sie nicht an ihre schlimme Lage; auch sie war so glücklich, daß ihr dunkler Teint sich zum ersten Male seit langer Zeit mitbelebte und eine Wärme und einen Glanz annahm, der überraschte.—
In den vorderen Partien des Parks begegneten ihnen allzu viele Bekannte;— sie aber wollten unter sich bleiben und schlugen auf Helos Rath einen Weg ein, der, wie sie sagte, meist einsam blieb.
So war es auch. Längere Zeit begegnete ihnen Niemand, dann kam ein altes Ehepaar daher gegangen, Leute in bescheidenen, aber ziemlich sauberen Kleidern; Maria sah den alten Herrn flüchtig forschend an.— War das nicht ein bekanntes Gesicht?
Ehe sie indeß ihren Bruder fragen konnte, der eben mit Helo lebhaft stritt, wobei ihn offenbar ihr vorwurfsvoller Blick veranlaßte, ihr immer neue Gründe,— einen noch unhaltbarer als den anderen, entgegen zu stellen,— stieß der alte Herr dicht hinter ihnen einen Schreckensruf aus. Nach ihm zurücksehend, gewahrten sie, wie er mit Anstrengung sich bemühte, seine bewußtlose Frau, die vor einer Minute noch so vergnügt zu plaudern schien, vor dem Hinsinken zu bewahren.
Ohne sich zu besinnen waren die drei jungen Leute neben dem sie kläglich um Hülfe bittenden alten Herrn. 8
„Mein Gott, mein Gott! Sie sprach eben noch mit mir! Minna! Frau! liebe Minna, wir sind so weit von Haus,— wir sind gewiß zu weit gegangen!“ jammerte er, indem er vergeblich die Frau zu ermuntern suchte.
Die beiden jungen Mädchen thaten ihr Bestes, aber es war wenig, was sie vermochten, und zweifellos war die todtbleiche Frau sehr krank, wenn nicht gar sterbend. „Onno,— wenn Du einen Wagen holtest!“ sagte Maria sehr
erschrocken. * Der junge Offizier war bereit und eilte fort, begleitet von den Dankes worten des alten, tief erschütterten Mannes.—
Inzwischen hatte die alte Dame einige Male leise geseufzt;— dann kam sie halb und halb wieder zum Bewußtsein und ihr Mann suchte sie mit den zärtlichsten Bitten zur Wiedergewinnung ihrer Kräfte zu überreden.—
Es war ein rührender Anblick, den die beiden alten Leute boten; — das Erste, was die Frau that, als ihre Gedanken sich etwas klärten, war, daß sie zärtlich des Mannes Hand küßte und leise bat:„Armer Heinrich! Vergieb mir nur!“
Ach, der Gatte wußte nichts von Zorn, sondern wiederholte immer nur jubelnd:„Es war nur eine Ohnmacht, liebe Frau, nur eine Ohnmacht!“
Inzwischen kam von der Stadt her ein eleganter Spaziergänger, der, Helo erkennend, erstaunt und lebhaft zu der Gruppe trat.
„Meine gnädigste Komtesse— ist etwas geschehen? Ein Unfall? Kann ich helfen? Bitte, verfügen Sie über mich.“
Helo klärte ihn auf. Maria erinnerte sich, daß sie diesen Herrn am Abend ihrer Ankunft im Salon ihrer Tante gesehen.
„Die Dame wurde ohnmächtig, mein Vetter holt einen Wagen, Herr von Lornow.“ 5
„Sie sind ganz erschöpft, lassen Sie mich Ihnen helfen!“ wandte sich der Herr resolut an den Gatten der Kranken, und nahm ihm, dem die Kräfte in der That versagten und der jetzt blasser aussah wie seine Frau, dieselbe aus den Armen. g
„Wie gut Sie sind, Herr von Lornow!“ rief Helo mit warmem Blick.
Dann stellte sie Maria, die eben die Hutbänder der noch sehr schwachen und schwindelnden alten Dame wieder zuknöpfte, und Lornow einander vor.— Beide erinnerten sich jener flüchtigen Be⸗ gegnung. b 5 Verbeugen konnte Lornow sich nicht, die alte Frau hing schwer I in seinen Armen, aber er sagte sofort, daß er auf die nähere Be⸗ 1 N 4
kanntschaft von Baronesse Hooglander durch Fräulein von Goostädt vorbereitet sei und sich glücklich schätze, durch diese Begegnung den Damen beistehen zu können.
Maria sah, daß der alte Herr bei dem Namen Hooglander lebhaft aufblickte.
Sie hatte sich vorhin dunkel seines Gesichts erinnert, jetzt wußte sie plötzlich, wer er war; ihre und seine Augen begegneten sich.
„Herr Mantink! Sind Sie es wirklich?“ rief sie überrascht
„Ach, und sind Sie das kleine, gnädige Fräulein?“ Ein be⸗ wundernder Blick des alten Mannes sagte ihr, daß er sie sehr schön finde. Sie wurde glühendroth und wagte die Augen nicht auf— zuschlagen.
Erstaunt sahen der Legationsassessor von Lornow und Helo auf diese Erkennungsszene, welche Maria dann, sich zusammennehmend, erklärte, indem sie dem alten Manne die Hand gab.
„Herr Mantink stand in Papas Diensten und ich spielte als kleines Mädchen bei ihm in der Schreibstube! Er zeichnete mir so schöne Bilder!“
„Ach, mein Gott, ja, gnädige Baronesse hatten so viel Freude an meinen Männchen und Häusern! Das war damals, als der Herr Baron noch in Ehrstein wohnten!“ Es klang wie ein schmerzliches Bedauern aus des alten Mannes Mund.
Seine Frau hatte trotz ihrer Schwäche mit mühsam folgenden
Blicken die Reden der Beiden verstanden;— jetzt kam die Ohn⸗ machtsanwandlung oder Beklemmung wieder zurück,— sie schlug mit den Armen um sich, der Alte hatte nur noch Augen für sie, — ein Glück, daß jetzt die von Onno geholte Droschke in raschem Trabe heran kam.—
Die jungen Männer, die sich als Bekannte begrüßten, hoben die wieder bewußtlose Frau hinein, was ein mühseliges Stück Arbeit war; dann halfen sie auch dem Alten, der sich in Danksagungen erschöpfte, aber offenbar in verzweifelter Sorge um seine Frau nicht recht wußte, was er sagte.
„Soll ich mitfahren?“ fragte Onno von Hooglander gutmüthig.
Der Alte dankte aber, indem er erklärte, er wohne parterre in einem Hause der Vorstadt und halte eine Magd, die ihm helfen werde.—
So fuhr der Wagen ab, und jetzt erst sahen sich die vier jungen Leute im Stande, sich um einander zu kümmern.
Herr von Lornow bat um die Erlaubniß, die Geschwister und Helo heim zu begleiten und erhielt dieselbe gern.
Er war ein hagerer, schlanker Mann, mit feinem Kopf und breiter fester Stirn.— Sein Gesicht war nicht schön, aber der Ausdruck seiner Augen ein sympathischer— kurz und offen, vor Allem aber energisch. Sein Wesen hatte die Glätte und stete Zu⸗ stimmungsbereitschaft eines Mannes, der sich hütet, anzustoßen durch Widerspruch. Man fühlte, er lebte lange in der nächsten Umgebung gekrönter Häupter.
Sie sprachen erst alle vier zusammen, erzählten Lornow, wie das Zusammentreffen gekommen und dann berichtete Maria ihrem Bruder, daß der alte Herr jener Mantink sei, der zur Zeit des Ehrsteiner Prozesses ihres Vaters Sekretär gewesen.
Onno blickte überrascht auf.
„Daß ich ihn nicht erkannte! Ich hatte eine dunkle Vorstellung, daß ich den Mann schon gesehen! Er gab sich damals so unendliche Mühe, die Verkaufsurkunde wieder zu finden! Weißt Du noch? Er schwor, daß er sie in Papa's Besitz gesehen!“—
Nein, Maria wußte das nicht, sie war ja noch so klein gewesen, als Herr Mantink beim Papa arbeitete.—
Darüber sagte der Assessor, er habe die Ehrsteiner Jagden letzten Winter mitgemacht, und Onno erzählte flüchtig, daß sein Vater einen Prozeß gegen den Fiskus um ein ausgedehntes Waldgebiet und das Schloß verloren, weil er den rechtlichen Erwerb nicht habe nachweisen können. Jener Wald war dem Bankhause Hoog— lander im Jahre 1848 für eine große Summe von Seiten der Herzoglich S.schen Regierung verpfändet worden; später theilweise eingelöst, anderntheils dem Bankier Hooglander, dem Großvater Onno's und Maria's, verkauft worden; jedoch wurde, als die herzogliche Familie ausstarb und das Vermögen an eine regierende Seiten⸗ linie kam, dieser Verkauf, als nicht zu Recht bestehend, angegriffen und ein einziges verlorenes oder verlegtes Aktenstück entschied ihn gegen den Baron Hooglander. 9
Ersichtlich waren diese Erinnerungen für Onno von Hooglander
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