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„Onns, es ist der Vater!“ bat Maria, die an jenem schlimmen Tage in Gißra gegen die Mutter ganz ähnlich gesprochen und die des Bruders Tadel doch nun nicht hören konnte.
„Nun ja, ich weiß all' das Brimborium, welches die„kindliche Pietät“ von uns verlangt und bin auch bereit, vor der Welt alle Schonung walten zu lassen;— aber unter uns Beiden können wir uns immer gestehen, daß wir keine Ursache haben, Papa dankbar zu sein.— Hätte ich jetzt nicht die Anwaltschaft auf Tante Lätitias dereinstiges Erbe und von ihr meinen jährlichen Zuschuß, so wäre mir doch nichts übrig geblieben, als die Uniform auszuziehen und Dienstmann oder Portier, oder dergleichen zu werden!“
„Sie ist also sehr gut gegen Dich?“
„Gut?“ Er schüttelte sich lachend.„Sie ist ein wahrer Teufels⸗ braten von einer alten Jungfer, Mia! Ich habe sie gern und mochte ihr aber dennoch zuweilen den mageren Hals umdrehen; jedoch man kann nicht allemal haben, was man wünscht!“
„Du boshafter und undankbarer Bursch, ihre Liebe so zu lohnen!“ rief Maria, amüsirt von seinem Gesichterschneiden. Er hatte, wenn er wollte, eine anziehende Art zu plaudern und durch seine lebhafte Mimik die Phantasie der Hörer für seine Scherze anzuregen, bis diese jede Scene oder Person vor Augen zu haben glaubten, und diese liebenswürdige Eigenschaft trat jetzt hervor.
„Tante Lätitia wünscht Dich noch heute vor dem Diner zu sehen,“ fuhr er fort;„sie selbst hat das Geld zu lieb, um nicht Sympathien für unsere Lage zu haben. So weit ich sie zu berechnen verstehe, wird sie Dich zu verheirathen suchen und, was die Haupttriebfeder ihrer Dir bevorstehenden Liebenswürdigkeit ist, sie verabscheut Gräfin Paula und noch mehr unsere Kousine Elma; es ist da irgend eine böse Feindseligkeit aus ihren Jugendsahren, für welche sie sich mit un⸗ erbitterlicher Ausdauer an einander rächen. Tante Lätitia hat Witz und eine böse Zunge; Onkel Bolko nennt sie nicht anders als den „ungeschwänzten Pfau“ und behauptet, er habe sich von seiner Frau den herrlichen Schweif abschwatzen lassen und sie trägt ihn jetzt statt seiner.“
Die Geschwister lachten herzlich. In Maria's Vorstellungen vom Onkel Zeus paßte diese Idee ganz vortrefflich hinein und doch fühlte sie Reue über ihre Heiterkeit, denn Graf Bolko war in dieser Zeit sehr gut gegen sie gewesen. Freilich ging er immer umher wie in einer Wolke, die ihn hinweghob über das geheime Irdische, aber zuweilen schien es, als schaue sein Antlitz aus derselben hervor und dann hatte es stets einen milden theilnehmenden Blick für Maria gehabt.
„Nun, da höre ich ja zum ersten Male unsere liebe Maria lachen!“ trat Gräfin Paula jetzt in den Salon und begrüßte Onno von Hooglander, der einer der häufigeren Gäste des Hauses war, indem sie Elma noch für einige Minuten entschuldigte.
„Wir hatten uns mit der Wahl unserer Toiletten für den Ball beim Prinzen Friedrich beschäftigt und die Zeit darüber verplaudert,“ gab sie als Grund für das verzögerte Erscheinen an.
„Man erzählt, Prinzeß Friedrich bereite eine ganz besondere Ueberraschung vor,— ich glaube, Sie wissen auch darum, Gräfin Tante?“ sagte Onno. g
„Eine Ueberraschung? Ich weiß nichts! In welcher Art?“ rief die Gräfin ganz erstaunt.
„Es handelt sich um eine Ovation für den von seiner chinesischen Reise heimgekehrten Prinzen;— man flüstert von einer entzückenden Allegorie.“
Professor Rieland soll die Zeichnungen entworfen haben.— Malte von Rockwitz hat es von seiner Schwester, die zur Mitwirkung—“
„Lora Rockwitz?“
„Nun ja, Lora,— sie ist ein auffallend schönes Mädchen, freilich nicht so schöͤn wie Elma,— aber Sie wissen, Tante Paula, Lora hat eine königliche Figur,“— erwiderte der Kürassterlieutenant.
„Und wir erfuhren nichts?“ sagte ganz erschrocken die Gräfin, indem sie die Farbe wechselte; und da Elma eben mit Helo hereintrat, überstürzte sie die Tochter sofort mit dieser unerfreulichen Neuigkeit.
„O, das kann ich mir schon denken! Lora Rockwitz,— die sich bei jeder Gelegenheit vordrängt,“ sagte Elma in scharfem Tone.
Man sprach hin und her;— die Isenreutschen Damen ver leugneten dem Verwandten gegenüber ihre Mißstimmung nicht.—
Maria saß schweigend daneben,— es fiel Onno Hooglander unangenehm auf, daß seine Schwester übersehen zu werden schien.
„Meine arme Maria muß unter Ihrem gütigen Schutze erst
wieder aufleben, sie braucht Zerstreuung!“ sagte er zu der Gräfin
Tante. Und sich an seine Schwester wendend, fragte er: „Du bist hoffentlich mit Toiletten versehen, sonst soll ich Dir von Tante Lätitia sagen, sie würde für das Nöthige sorgen!“ „Himmel! Tante Lätitia? Nun das ist jedenfalls eine ganz un⸗ erhörte Großmuth, da kann man also zu der Gunst der Erbtante gleich gratuliren!“ rief Elma in neuem sichtlich unangenehmsten Erstaunen.
Die Gräfin biß sich auf die Lippen. Sie schien fast erschrocken
von dieser Mittheilung.
„Sagen Sie Lätitia unsern tiefgefühlten Dank für ihre gütige Absicht, lieber Onno, von der wir für Maria indeß in keinem Falle Gebrauch machen können, da mein Mann es übernommen hat, für sie zu sorgen.“
„Ich habe vom vorigen Winter noch Toilette im Ueberfluß“— rief Maria tief erröthend dazwischen. Die Gräfin that, als höre sie nicht und wandte sich wieder an den jungen Offizier, indem sie sich auf ihre Worte zu besinnen schien.—„Uebrigens sind wir der Meinung, Maria's Eintritt in unsern Kreis vorläufig noch nicht stattfinden zu lassen!“—
„Aber wie so? Warum, Gräfin Tante?“
„Weil wir es für passend halten, daß man zuvor all' diese fatalen Gerüchte über Ihre Familienangelegenheiten zum Schweigen kommen lasse, lieber Onno!“
Der junge Mann biß sich auf die Lippen. Wie unwahrscheinlich, daß man hier von Dingen dieser Art redete, die am andern Ende des Landes vorgingen und zu welchen es in der hohen Aristokratie genug Gegenstücke gab. 2
Und dabei sah Gräfin Paula aus, als bedauere sie den Mangel an Takt und Feingefühl, der ihr zumuthete, Maria jetzt schon mit in die Gesellschaft zu nehmen.
Onno von Hooglander war wüthend; aber er sah sich wehrlos gegenüber der Frau, von welcher Maria jetzt abhing.
„Gestatten Sie mir, Maria eine Stunde spazieren zu führen?“ fragte er, um fortzukommen, indem er den Wunsch Tante Lätitias, seine Schwester heute zu sehen, erwähnte.
Die Gräfin lächelte huldreiche Zustimmung.
Maria schnellte ganz erleichtert empor. Da fiel ihr Blick auf Helo, die Keiner beobachtete, und in den Augen derselben lag ein heißes Verlangen, mitgehn zu dürfen. Das arme Kind blieb so viel allein, wenn die Mutter und Elma sich ihrer Geselligkeit oder den Anforderungen des Tages hingaben.
Marias Bitle, Helo mitgehen zu lassen, wurde von der Tante huldreich bewilligt. Sie legte in Alles, auch wenn sie selbst Ge⸗ fälligkeiten annahm, ein Wohlwollen, als sei sie die Spenderin einer Gnade;— im Grunde waren sie und Elma immer froh, von Helo und Maria befreit zu sein. Heute zumal, wo Lora Rockpitz und die Allegorie bei der Prinzeß sie sehr verdrossen.— Onno trieb mit frohem Blick die Schwester und Kousine zur Eile und es dauerte nur Minuten, da standen schon Beide in ihren hübschen Winterkostümen bereit.
Sie gingen in den Park, dessen mit Reif bedeckten Bäume in dem hellen Sonnenschein einen entzückenden Anblick boten.
Die jungen Mädchen sprachen davon, wie sie sich auf das
Schlittschuhlaufen freuten, und Onno sah mit stillem Vergnügen in Helos liebliches Antlitz, in welchem er heute zum ersten Male ihm
ganz überraschende Entdeckungen machte.—
Er hatte den lang aufgeschossenen, blassen Backfisch nie für hübsch gehalten, nicht einmal gedacht, daß Helo es für die Zukunft zu werden verspreche; und das war gestern noch, dünkte ihn, oder
vor kaum einer Woche; thatsächlich war es viel länger, seit er sie
überhaupt betrachtet.
Und nun plötzlich blühte das Mädchen wie ein Röslein im Schnee, ein Bild, woran ihr weißer Filzhut mit der langen weißen Feder und das weiße Pelzwerk, welches sie trug, ihn mahnte.
Zuweilen neckte er sie durch Widerspruch. Dann richteten sich
ihre großen, sanften und heute so strahlenden Augen auf ihn und sie antwortete frisch und treffend und stets mädchenhaft.— „Helo, seit wann hast Du Dich so verändert?“ fragte er ganz verwundert. „Verändert?“ fragte sie erstaunt zurück. Vielleicht sah sie ein Kompliment in seinem lächelnden Blick. Sie erröthete, wandte ihr Gesicht weg und erwiderte dann, als fiele ihr die Erkärung ein:
„Seit Maria da ist! Sie behandelt mich nicht wie ein Kind;—
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