Ausgabe 
16.10.1887
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. l

Ur. 42. Gießen, den 16. Oktober. 1837.

Ich meinte aber doch, liebe Paula, Du könntest Maria jetzt immerhin an Euren Zirkeln theilnehmen lassen; sie sieht, Gottlob, sehr frisch wieder aus, und ich wüßte nicht, was sonst ihrer Ein führung noch im Wege stände! sagte Graf Bolko in einem Tone, der an Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig ließ, einige Wochen später. öNicht das Mindeste, ich habe es Maria schon zweimal vor⸗ gestellt, lieber Mann! erwiderte mit sanftester Freundlichkeit die Gräfin. 0Dann sehe ich aber wirklich nicht ein, weshalb sie Abend für Abend mit Helo im Hause sitzt! Die Kleine ist ja ganz guten Muthes dabei, aber ich habe mit Maria meine bestimmten Absichten. 0Natürlich und wahrhaftig, ich möchte wissen, wie ein Mensch edler handeln kann als Du!

Nun, also, dann triff Anstalten, sie mit theilnehmen zu lassen an Elmas Amüsements!

Wenn Du sie nur einmal bereden wolltest, Bolko! Das Mädchen ist eine Sensitive; sie hat alle diese Zustände dort nun einmal erlebt und ist tiefer davon verwundet, wie man ihr anmerkt. Sowie ich nur davon rede, sie mitnehmen zu wollen, so füllen sich die armen traurigen Augen mit Thränen, und sie bittet flehentlich, sie noch zu verschonen.Onkel Bolko ist so edelmüthig gewesen, er ist sicher auch im Stande, mir nachzufühlen, daß ich jetzt noch nicht froh sein kann! sagt sie jedes Mal.

Jugendlust wird schon wieder erwachen, entschied beruhigt Graf Bolko. Wie lang waren diese Wochen Maria geworden. Ihr Bruder, auf den sie so sehr gehofft, befand sich mit seinem Chef auf einer dienstlichen Tour; sie schrieb ihm, aber er antwortete ihr nur flüchtig, und so mußte sie wohl oder übel sich gewöhnen, allein zu stehen.

Endlich meldete man ihr eines Tages den Heißersehnten.

Der Herr Baron sei im Salon, setzte der Diener hinzu. Sie würde Onno am liebsten allein gesprochen haben, aber es de⸗ müthigte sie, ihn ihr trübseliges Kämmerchen sehen zu lassen.

Eilig huschte sie hinab, und da stand er, mit Helo plaudernd, am Fenster. Beide schauten hinaus und lachten heiter; noch nie klang Helo's Stimme so freudig wie heute.

1 Sie lag in den Armen ihres Bruders, und niedergeschlagen und heimwehkrank wie sie war, schwammen ihre Augen in Thränen, als er sie dann von sich wegschob und sie ansah.

Onno von Hooglander galt für einen Liebling der Damen; seine kräftige, große Gestalt war elegant und ebenmäßig gebaut; er glich seiner Mutter, aber die klaren, blaugrauen Augen hatten weder die Farbe, noch den Blick Baronin Valeria's, sondern einen kühlen nachdenklichen Ausdruck.

Wie Du Dich verändert hast! riefen beide Geschwister zugleich und dann lachten sie, denn in dem Klang, der Worte lag die freudige

Eine gute Vartie. Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

Nun, quälen wollen wir sie nicht. So laß sie gewähren, die

Bewunderung des Anderen nur zu hörbar. Sehr bald kam Onno von Hooglander auf das, was ihnen Beiden am meisten am Herzen lag. Du bist ganz geknickt, Kleine, von dem Unglück zu Haus! Ja, weißt Du, wir beiden sind jetzt das Hänsel und Gretel, unsere Eltern haben uns in dem großen Wald allein gelassen und wenn wir nun nicht selbst sorgen, das Zuckerhäuschen zu finden, so werden wir nie Süßes zu essen bekommen! sagte er mit dem Versuch, einen leichten Ton anzunehmen, indem er ihr freundlich das Haar aus der Stirne strich und ernst und bekümmert in ihre Augen sah. Helo verschwand zartfühlend.Ich bin noch im Morgen anzug! telegraphirte sie während Onno's Worten ihrer neuen Freundin. Wenn man nur wüßte, nach welcher Richtung es liegt? sagte sie, auf seine Art und Weise eingehend, mit dem Versuch zu scherzen. Es ist sehr anerkennenswerth von Bolko, daß er Deine Zukunft in's Auge faßte und Dich nicht auf Gißra im Elende stecken ließ. Du bist eine Erscheinung, Maria! Wir müssen auf eine glückliche Chance für Dich hoffen! Einstweilen sei klug, lerne Deine Situation und Deine Mittel in's Auge fassen und mache Dir klar, welches Deine Lebensbedingungen sind und welche davon Dir fehlen. O, Gott, Onno, flammte sie auf,fängst Du auch gleich so an? Ich weiß es freilich, eine reiche Heirath bleibt meine einzige Rettung, aber obwohl ich mir das selbst ganz klar mache, so nüchtern und geschäftsmäßig kann ich Dich nicht darüber sprechen hören! Man redet auch ferner nicht mehr von dieser Nothwendigkeit, sondern nimmt an und erwartet von Dir, Kleine, daß Du davon vollständig durchdrungen bist und keine Dummheiten machst, sagte er beruhigend, indem er mit zufriedenen Mienen ihre Wangen streichelte. Es war ihm offenbar sehr lieb, sie so zu finden, wie sie war. Dann setzte er mit seiner kühlen Bestimmtheit hinzu:Ich bin ein recht nüchterner, prosaischer Mensch, der gern jedes Ding beim rechten Namen nennt, daran mußt Du Dich möglichst gewöhnen.

Sie gab sich zufrieden, und er lenkte ab auf die Ereignisse in Gißra.

Ich war wie aus den Wolken gefallen, Maria! Gott verzeihe es Papa, daß er so das schöne Geld zum Fenster hinausgeworfen hat. Mir ist unbegreiflich, wie der Mann, der seine Kinder und sein Weib muthwillig und ohne jede Beschönigung an den Bettelstab bringt, jetzt noch an mich schreiben kann:Habe Deinen armen Papa noch ein wenig mehr lieb, in seinem Unglück hat er nichts als die Seinen!Hat man eine Vorstellung von solch einer Logik? aber freilich, logischer Weise konnte man von ihm nichts Anderes er⸗ warten, nachdem die Mama ihn während ihrer ganzen Ehe so gründlich verzogen hat. Die arme Mama! Denk ich an sie, so bin ich unserm Vater bitter gram. a