Ausgabe 
16.1.1887
 
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Reihe der Stühle zunächst der Bühne befanden, so konnte es denn

auch nicht allzu lange währen, bis ihre Blicke sich begegneten. Fast schien es erst, als wolle das Auge der Schauspielerin mit demselben matten und gleichgültigen Ausdruck über Rein hinweggleiten da plötzlich kehrte ihr Blick zu ihm zurück, bleiches Entsetzen malte sich in ihren Zügen und vergeblich suchte sie nach Worten, die begonnene Rolle weiter fortzuführen. Nicht eine Silbe brachte sie über die zuckenden Lippen, mit einem leisen Schrei brach sie zusammen und ein heller Blutstrom entquoll ihrem Munde. Ihr Schrei aber hatte bei meinem Freunde ein Echo gefunden. Im Nu war er auf der Bühne und beugte sich über die bewußtlose Kranke. Noch war Leben in ihr, und sanft hob er sie in seinen Armen empor, um sie hin⸗ weg zu tragen. Man ließ verwundert den Fremden über dessen auffallende Theilnahme die verstörten Mitglieder der Truppe wohl ebenso erstaunt sein moch⸗ ten als ich selbst ge⸗ währen, und wies uns auf meine Frage nach einem ärmlichen Zimmer, das mehr einem bloßen Brettver⸗ schlage glich. Dort schlum⸗ merte auf einem elenden Strohlager bereits ein Knabe. Nach einem Blick über die trostlose Armselig⸗ keit dieses Aufenthaltsortes, wandte sich Rein ohne weitere Bemerkung mit sei⸗ ner Bürde um und schritt nach dem für ihn selbst bereiteten Zimmer, wo er die Kranke sanft auf sein eigenes Lager bettete. Es wurde schleunigst nach dem alten Arzt des Dorfes ge sandt, und dessen menschen⸗ freundlichen Bemühungen gelang es denn auch, das Bewußtsein der Kranken zurückzurufen. Auf Wunsch des Arztes verließ ich das Zimmer, Rein aber flüsterte dem alten Herrn einige Worte in's Ohr und winkte mir zu, zu gehen, er werde nachfolgen.

In tiefen Gedanken schritt ich eine Zeitlang in meinem Zimmer auf und ab, ver⸗ geblichen Vermuthungen mich hingebend über das seltsame Gebahren meines Freundes, von seinem baldigen Erscheinen indeß eine Lösung des Räthsels erhoffend. Lange Zeit harrte ich jedoch vergebens, und

so warf ich mich endlich auf mein Lager, und erschöpft von den

mancherlei Anstrengungen und Aufregungen des Tages, schlief ich ein.

Der Tag begann bereits zu grauen, als ich durch ein Geräusch erwachte.

Rein war in mein Zimmer getreten und stand neben meinem Bett, schweren Ernst in seinen bleichen Zügen.

Wie steht's um die Kranke? fragte ich, vom Lager aufspringend.

Sie hat ausgelitten sie ist nicht mehr. Bei diesen Worten sank er auf das Sopha und bedeckte sein Antlitz mit den Händen.

Sie schlummere in Frieden, sagte ich bewegt und legte leise meine Hand auf seine Schulter.Aber darf ich fragen, was die Fremde Ihnen gewesen?

Sie war mein Weib, mein armes, unglückliches Weib! stöhnte

er, und ein heftiges Schluchzen erschütterte seine Gestalt. Ihr Weib? Ich verstummte, und Manches, was mir bisher elhaft an ihm erschienen, das einsame, zurückgezogene Leben, zes er geführt, seine Zurückhaltung im Umgang mit dem weib⸗ n Geschlecht, Alles, was ich nur der Laune eines Sonderlings schrieben, erschien mir plötzlich in ganz anderem Lichte. Auch

e Wilhelm Junker.

jene halb an Sophie gerichteten, wohl aber meiner Schwägerin geltenden Worte:daß ich einsam durch's Leben gehen muß er⸗ hielten in meinen Augen jetzt erst die richtige Bedeutung.

Ja, mein Weib, nahm Rein nach Fassung ringend wieder das Wort,mein Weib war es, das in solchem Elend verschmachten mußte. Aber, fügte er sich aufrichtend hinzu,ich erzähle Ihnen wohl später einmal, wie das Alles kam. Jetzt lassen Sie uns hin unter gehen und etwas Warmes genießen; in einer halben Stunde müssen wir aufbrechen. Wegen des Begräbnisses habe ich mit dem Wirth und Arzt Rücksprache genommen. Die Beiden wollen es in meinem Auftrage einfach aber anständig besorgen, und wenn wir übermorgen zurückkehren, soll das Leichenbegräbniß stattfinden. Sie haben doch die Güte, lieber Freund, mich nochmals hierher zu be gleiten?

Zustimmend drückte ich ihm die Hand und folgte ihm hinab in's Gastzimmer.

Das ausgebesserte Ge⸗ fährt brachte uns schnell nach X..., unser Konzert ging gut von statten, und Rein sang, trotz der ge habten Aufregung, mit sol⸗ cher Tonschönheit und Wärme des Gefühls, daß ihm der ungetheilte Beifall seiner Landsleute zu Theil wurde. Auch ich konnte mit meinen Erfolgen zu⸗ frieden sein, obgleich wir Beide weniger, als sonst wohl der Fall war, an den lauten Beifallsbezeugungen Vergnügen fanden.

Am festgesetzten Tage be⸗ gruben wir in G... die Gattin meines Freundes, und wenige Stunden nach⸗ dem wir diese traurige Pflicht erfüllt, befanden wir uns, in Gesellschaft des klei⸗ nen Sohnes der Verstorbe⸗ nen, auf dem Heimwege.

Der kleine Gustav war ein zutrauliches Kind und hatte sich schnell an Rein angeschlossen, der ja, wie ich es schon aus meiner eigenen Häuslichkeit kannte, eine seltsame Liebe zu Kin⸗ dern und ein außerordent⸗ liches Geschick, dieselben an sich zu fesseln, besaß. Trotz seines bleichen, fast kränklichen Aussehens war der kleine Gustav ein aufgeweckter Bursche und sein kindliches Geplauder, seine neugierigen Fragen zerstreuten und erheiterten zu gleich meinen Freund.

Als wir dann aber im Eisenbahnwagen saßen und der Kleine er müdet auf den Knieen seines nunmehrigen Beschützers eingeschlummert war, wendete sich Rein zu mir:

Ich bin Ihnen noch die Aufklärung der seltsamen Erlebnisse schuldig, welche jetzt hinter uns liegen, und nicht leicht könnte sich wieder solch eine günstige Gelegenheit bieten. Nein, lassen Sie mich reden, fügte er, eine Einwendung, die ich erheben wollte, abschneidend, hinzu,es ist auch mir Bedürfniß mich auszusprechen, und lieb ist mir's, es ist vorüber, bevor wir in die alten Verhältnisse zurück⸗ kehren. Uebrigens werde ich mich obwohl ich etwas weit aus holen muß doch möglichst kurz zu fassen suchen.

Mein Vater war Geistlicher in der kleinen, schwedischen Stadt T.. und da es dort keine besonders guten Schulen gab, die Eltern aber den einzigen Sohn nur ungern aus dem Hause geben wollten, so unterrichtete er mich bis zu meinem siebzehnten Jahre selbst. Um aber in die Unterrichtsstunden elwas mehr Feuer und Eifer zu bringen, zog er zu mehreren derselben Sophie, die um eirca fünf Jahre jüngere