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wurde. Trotz aller Bemühungen ihn aufzuheitern und seinen Ge— danken eine freundliche Richtung zu geben, gelang mir meine gut gemeinte Absicht doch nur halb, und je näher wir seinem Vaterlande kamen, desto finsterer und einsilbiger wurde er. So hielt ich es denn am gerathensten, ihn seinen Gedanken zu überlassen, und schweig— sam saßen wir nebeneinander in dem Gefährt, welches uns von der
letzten Bahnstation die noch übrigen fünf Stunden nach X bringen
sollte. Dort hofften wir gegen elf Uhr Abends einzutreffen, um am anderen Morgen noch eine Probe vor dem am Abend stattfindenden Konzert abhalten zu können.
Jedoch das Schicksal hatte es anders bestimmt.
Langsam hatte der alte Schimmel unseren Wagen einen ziemlich steilen, steinigen Berg hinangezogen. Der Himmel begann sich zu umwölken und die Dunkelheit brach unerwartet schnell herein. Der Weg bergab wurde immer schlechter, und wir wurden auf der holprigen Straße in unserem Gefährt un⸗ barmherzig hin und her ge— worfen. Umsonst rief ich dem Kutscher zu, die Pferde nicht so anzutreiben, es könne sonst noch ein Mal— heur passiren. Der Tölpel verstand mich nicht oder wollte mich nicht verstehen, und nur um so schneller ging die Fahrt den steilen Berg hinab. Endlich glaubte ich Lichter schimmern zu sehen und athmete erleich— tert auf. Mußte ja nun die tolle Fahrt ein Ende und wir das ebene Thal erreicht haben. In dem⸗ selben Moment aber krachte es, das Rad war auf einen Stein aufgefahren und der Wagen legte sich auf die Seite— zum Glück nicht mit solcher Heftigkeit, daß uns nicht Zeit geblieben wäre, zum entgegengesetzten Wagenschlage hinauszu— springen. Da standen wir nun in einem fremden Lande in tiefer Dunkelheit auf schmutziger Landstraße in Regen und Wind, und fast bereute ich jetzt, auf das Konzertengagement ein— gegangen zu sein und auch meinen Freund zu dessen Annahme veranlaßt zu haben. erste Sorge galt meinem Violinkasten; der aber stand wenigstens noch heil und geborgen im Innern des Wagens.
Der Kutscher hatte unterdessen den Schaden untersucht und ge—
kommen mit dem Wagen nicht zu decken sei. So sahen wir uns denn gezwungen, unser Gepäck auf's Pferd zu binden und sorgfältig mit Decken vor dem Regen zu schützen. Eine halbstündige Fuß—
wanderung brachte uns dann nebst Kutscher, Gaul und Gepäck glücklich Kummer gewichen war.
in's nächste Dorf, während wir den zerbrochenen Wagen einstweilen
auf offener Straße zurücklassen mußten.
In dem kleinen Dorfe gab es leider nur eine einzige Schänke, in welcher wir Unterkunft finden konnten, und nichts weniger als
einladend war der Eindruck, den das Gastzimmer auf uns machte, als unser Führer die Thüre öffnete und dicker Tabacksqualm uns entgegenströmte. Was aber blieb uns übrig? Es war doch immerhin
ein Obdach. Hinaus in den Regen konnten wir nicht wieder, und vielleicht ließ sich durch den Wirth ein Wagen auftreiben, der uns Diese Hoffnung sollte sich
noch heute bis nach X bringen konnte. nun freilich nicht erfüllen, und wir mußten suchen, uns so gut als möglich hier einzurichten. Das machte sich schließlich auch besser als
Der Afrikareisende Dr. Karl Jühlke, f kürzlich in Kismaju(Ostafrika).
Meine
es im Anfang den Anschein hatte. Die Zimmer, welche uns für die Nacht angewiesen wurden, waren nett und sauber, nur mußte erst geheizt werden, und bis sie durchwärmt waren, sahen wir uns genöthigt, in das qualmige Gastzimmer zurückzukehren. Aber selbst mit diesem söhnte uns die wohlthuende Wärme einigermaßen aus, und als wir ein gutes Abendbrod und einen heißen Punsch vor uns hatten, begannen sich unsere gedrückten Lebensgeister wieder zu heben.
Jetzt erst fiel mir ein, den Wirth nach dem Namen des Ortes
zu fragen, wo wir uns befanden. Er nannte den Namen G...
und hob zugleich alle Vorzüge und Reize desselben hervor, von
denen wir freilich nicht in der glücklichen Lage waren, etwas zu
bemerken. Ganz besonders aber rühmte er uns die Vortrefflichkeit
einer Schauspielertruppe, die in wenigen Minuten drüben im Tanz⸗
saale ihre Vorstellung beginnen würde, und bot uns Billets für die ersten Plätze an. In seiner Redseligkeit bemerkte der Wirth nicht, wie Rein bei Nennung des Dorfes zusammenzuckte, die Farbe wechselte und düsteren Blickes vor sich hinstarrte, und obgleich auch ich mir die Bewegung meines Freundes nicht recht erklä— ren konnte, glaubte ich ihn doch aus dieser plötzlichen Verstimmung am besten herausreißen zu können, wenn ich die beiden Plätze für uns annahm. Unter⸗ dessen— so hoffte ich— würden unsere Zimmer be⸗ haglich durchwärmt sein, und ein guter Thee nach der Vorstellung uns den Abend noch recht gemüth— lich gestalten.
Ohne Einrede folgte mir Rein nach dem Zuschauer⸗ raum, und fanden wir in der ersten Reihe noch einige Stühle unbesetzt. Die Vor⸗
stellung sollte eben beginnen, und kaum hatten wir uns niedergelassen, als der Vor⸗ hang in die Höhe ging.
Welch eine Art von Lust— spiel es gewesen, welches uns der Zettel ankündigte, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, daß die Dekorationen
hͤchst primitiver Natur waren und die ersten Scenen so interesselos verliefen, daß Rein mir eben zu verstehen gab, daß er sich leise
zurückzuziehen beabsichtige, als ein Weib, welches die einfache Bühne betrat, uns wieder fesselte. funden, daß das eine Rad gebrochen war und an ein weiteres Fort-
Eine zarte, abgezehrte Gestalt mit eingefallenen Zügen, konnte man deutlich die Spuren ehemaliger Schönheit erkennen, einer Schönheit, die weniger den Jahren— denn das Weib konnte deren kaum mehr denn dreißig zählen— als der Sorge und dem In den großen Augen glühte ein un— heimliches Feuer, und die Röthe der Wangen schien weniger von der Schminke, als von Fiebergluth herzustammen. Matt und schleppend waren die Bewegungen und nur die Stimme hatte einen selten lieblichen Klang. Tiefes Mitleid beschlich mich mit diesem Wesen, welches trotz Krankheit und Elend sich dazu hergeben sollte, die Dorfbewohner mit den eingelernten Scherzen zu erheitern.
Jedoch bald wurde meine Aufmerksamkeit von dieser Unglücklichen ab auf den Freund an meiner Seite gelenkt. Beim ersten Laut der süßen Stimme sank er wieder auf den Stuhl zurück, von dem er sich eben erheben wollte, um den Saal zu verlassen. Mit bleichem, gespanntem Antlitz blickte er nach der Bühne, das unglückliche Weib mit den Augen verfolgend. Da unsere Plätze sich in der ersten
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