Ausgabe 
16.1.1887
 
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Deshalb können Sie ganz außer Sorge sein. Spielen thue ich nicht, aber ich kann nicht leugnen, daß ich lieber gut esse, als schlecht, ich zürne auch, wo es sein muß und verschmähe schlechte Musik; vor allen Dingen aber bin ich verliebt wie Romeo, und in Bezug auf Eifersucht war der böse Mohr ein Knabe gegen mich.

Die junge Wittwe sah ihn zärtlich an.

Wenn man's nur gewiß wüßte, daß Sie diese Fehler haben.

Die schüchterne Frage beantwortete der junge Mann mit einem Kuß. Na, Gott sei Dank! rief Bertha aus;die Tante Generalin hat sich in ihm geirrt!

Schneider stand wie ein betrüber Kranich und sah sich das Küssen eine Weile an, dann seufzte er und ging. Als er am andern Tage wiederkam, war er geheilt und wurde wieder Hausfreund, wie er es schon früher einmal gewesen war.

Eine Konzertreise.

Meinem Freunde Rein und mir war die Aufforderung zuge⸗ gangen, in einem Konzert zu X.. in Schweden mitzuwirken. Bereitwillig ergriff ich die Gelegenheit, nicht nur des pekuniären Gewinnes wegen. Hauptsächlich freute ich mich der Aussicht auf die interessante Reise, deren Auslagen uns reichlich zurückerstattet werden sollten.

Schwieriger war es, meinen Freund zur Theilnahme zu be⸗ wegen. Er selbst war ein Schwede und von seinem Vaterlande aus direkt zu uns an unsere Bühne gekommen, woselbst er als erster Tenorist wohl schon gegen sechs Jahre wirken mochte. All⸗ gemein beliebt wie er bei seinen Kollegen sowohl als auch beim Publikum war, fiel es doch auf, daß er nie selbst während der Theaterferien nicht seine Heimath wieder aufsuchte. Auch lebte Rein meist sehr zurückgezogen in seiner einsamen Junggesellen⸗ wohnung. Führte ihn der Zufall aber einmal unter uns, traf er uns an einem dritten Orte oder entschloß er sich, eine der vielen Ein⸗ ladungen anzunehmen, mit denen er fast überschüttet wurde, so war er der liebenswürdigste, heiterste Gesellschafter. Jeden intimeren Familienumgang mied er jedoch geflissentlich und hatte sich dadurch den Ruf eines Weiberfeindes und Sonderlings zugezogen.

Neckereien, welche in Bezug auf sein zurückhaltendes Wesen nicht ausbleiben konnten, suchte er doch Scherzworte zu pariren. Gelang es ihm jedoch nicht, die lästigen Spötter zum Schweigen zu bringen, so war es auch vorgekommen, daß er aufgestanden war und die Gesellschaft für diesen Abend wenigstens verlassen hatte. Niemand aber büßte die Gegenwart des liebenswürdigen Künstlers gern ein, und so gewöhnte man sich nach und nach daran, seine Eigenthümlichkeiten stillschweigend hinzunehmen.

Ich selbst als erster Violinist an unserer Kapelle angestellt war durch einen Zufall, bei welchem ich dem Sänger einen kleinen Dienst erweisen konnte, enger mit ihm befreundet worden. So war meine Familie auch die einzige, mit welcher er eine Ausnahme betreffs seiner gewöhnlichen Zurückhaltung machte. Häufig suchte er mich in meiner Häuslichkeit auf, und es bedurfte dann kaum großen Zuredens von meiner Seite, um ihn zu bewegen, den Abend bei uns zuzubringen. Das war dann regelmäßig eine Hauptfreude für unsere Kinder, denn ein wie angenehmer Gesellschafter Rein auch war, nie kam die Güte und Liebenswürdigkeit seines Herzens so zum Vorschein, als wenn er mit der kleinen Welt verkehrte. Da wußte er ein jedes Kind nach seiner Eigenthümlichkeit zu be⸗ handeln, bald mit dem einen zu spielen und lärmen, bald dem anderen die lieblichsten Sagen und Märchen zu erzählen. Ja, selbst den kleinen halbjährigen Säugling nahm er aus der Wiege, auch diesem ein Lächeln ablockend. Sein ausgesprochener Liebling aber war meine kleine dreijährige Sophie. Am liebsten zog er das Kind auf sein Knie, strich ihr zärtlich über das blonde Haar, sah in ihre braunen Augen und ließ sich von ihrem rosigen Kindermund die unmöglichsten Dinge vorplaudern. Das Kind hing dafür auch mit schwärmerischer Liebe an ihrem großen Freund, mit einer Liebe, welcher nur diejenige gleich kam, mit welcher sie meine Schwägerin, ihre Tante Elise, überschüttete. Elise verdiente allerdings auch die Liebe nicht nur der kleinen Sophie und der übrigen Kinder, sondern

von uns allen in reichem Maaße. Als die Schwester meiner Frau mit dieser in gleich einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hatte sie es doch möglich gemacht, das Konservatorium zu besuchen und erhielt sich durch Klavierunterricht. Bei uns hatte sie sich in eine Art Pension gegeben, und wenn sie von ihrem anstrengenden Berufe nach Hause zurückkehrte, war die Freude und der Jubel der Kinder groß. Jedes von ihnen hatte einen besonderen Wunsch, dessen Er füllung sie von der Tante erhofften, die in ihrer Güte auch selten eine abschlägige Antwort ertheilte. So hatte ich oft zu wehren, damit die Kleinen die Geduld und die Herzensgüte meiner Schwägerin nicht auf allzu harte Proben stellten. Auch mein Weib und ich liebten und verehrten Elise außerordentlich und hatten im Laufe der Jahre, besonders bei Krankheitsfällen, oft Gelegenheit gehabt, die Selbstlosigkeit zu bewundern, mit welcher sie gern und freudig jedes Opfer brachte. Dabei war sie die angenehmste Hausgenossin. Durchaus anspruchslos im täglichen Verkehr, übte ihr heiteres Wesen, verbunden mit einer anregenden Unterhaltungsgabe und einem sanften, wohlklingenden Organ einen unendlichen Zauber auf Alle aus, welche sie näher kennen lernten.

Freund Rein schien sich gleichfalls von meiner Schwägerin sympathisch berührt zu fühlen. Mit ganz besonderer Genugthuung glaubte ich auch zu bemerken, daß das Wohlgefallen ein gegenseitiges sei, und knüpfte bereits Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft für Beide daran. Bald jedoch kam ich von meiner Ansicht zurück. Ich mußte mich in den Gefühlen der Beiden geirrt haben, denn trotz des häufigen Verkehrs blieben sie in dem gleichen freundschaftlichen Verhältniß zu einander, und nichts verrieth dem aufmerksamen Beobachter heißere Gefühle. meiner Schwägerin, stieg von Tag zu Tag in der Gunst meines Freundes. Sie durfte sich mancherlei gegen ihn herausnehmen, was keinem anderen gestattet war. So war ich einst ungesehen Zeuge, als sie in kindlicher Unschuld ihn fragte, weshalb er seine Kinder nicht mit zu uns bringe?

Eine düstere Wolke lagerte sich auf Reins Stirn.Ich habe keine, mein Liebling.

Warum denn nicht? Möchtest Du nicht gern Papa sein?

Seine Stimme zitterte, aber er versuchte doch zu lächeln und sprach mehr für sich als zu ihr:

Wärest Du älter, mein Kind, könnte ich Dir wohl erzählen, wie es so kam, daß ich einsam durch's Leben wandern muß. Aber auch dann weshalb sollte ich Kummer und Trübsal in Deine junge Seele gießen, weshalb Dich lehren, daß es auch Verrath und Schande auf der schönen Gotteswelt giebt?

Ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und als er aufsah, be gegnete sein Auge dem mit inniger Theilnahme auf ihm ruhenden Blick Elisens. Schnell erhob er sich und öffnete was er sonst nie that das Klavier. Jubelnd umringten die Kinder den Sänger; konnten sie doch nicht ahnen, was ihn bewegte. Er aber begann das ernste, weihevolle Lied von Schubert:Wo ein treues Herze in Liebe vergeht, und trug es mit einer Innigkeit vor, die deutlich fühlen ließ, daß der Gesang nicht dem Vergnügen der Zuhörer gelte, sondern dem Bedürfniß seiner eigenen Brust entquelle. Als er ge⸗ endet hatte, reichte er meiner Schwägerin die Hand, sah ihr tief in die thränenfeuchten Augen und drückte einen warmen Kuß auf ihre zarten Finger. Sie aber erbebte unter der Berührung seiner Lippen ob sie ihn wohl verstanden hatte?

Dann kam Rein durch die offenstehende Thür zu mir auf mein Zimmer, ließ sich jedoch durch kein Zureden bewegen, an diesem Abend unser einfaches Mahl zu theilen.

Elise war seit jenem Tage ernster und stiller als vordem, und ich glaubte zu bemerken, daß sie sich häufig einem trüben Sinnen über⸗ ließ. Es mochte ihr wohl ähnlich ergehen wie mir. Rein's seltsames Benehmen gab auch mir zu denken und gern hätte ich Näheres über seine Vergangenheit gewußt. Dennoch wagte ich nicht, mich in sein Vertrauen zu drängen.

Vielseitigem Zureden gelang es endlich, meinem Freunde die Zustimmung zur Mitwirkung in dem obenerwähnten Konzert ab zulocken, und an einem herrlichen Herbstabend traten wir zusammen unsere Reise nach dem Norden an. Ich für meinen Theil versprach mir viel Vergnügen von der bevorstehenden Fahrt, meinen Freund traf ich aber zur verabredeten Zeit auf dem Bahnhof mit solch düsterer Miene, daß meine freudige Erwartung einigermaßen herabgestimmt

Nur Sophie, das kleine Ebenbild;

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