Ausgabe 
16.1.1887
 
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So verbrennen Sie ihn doch! fuhr Bertha ihn ungeduldig an. Dann nahm sie Lucie den Brief aus der Hand und steckte ihn dem jungen Mann in die Finger.

Nun, wenn Sie es durchaus wollen.

Vor dem Kamin wandte er sich aber noch einmal.

Es ist aber kein Feuer hier.

Die Streichhölzer stehen auf dem Sims.

Merci!

Dann versuchte er eins nach dem andern, vom ersten bis zum letzen, mit derselben unerschütterlichen Gemüthsruhe. Die zuschauenden Damen konnten sich kaum des Lachens dabei enthalten.

Er wird nicht ungeduldig, flüsterte Eine der Anderen zu.

Endlich hatte das Letzte gekratzt, ohne zu fangen, und Lüburg warf die leere Schachtel in den Kamin.

Sie haben sehr schlechte Streichhölzer, sagte er, ein Feuerzeug aus der Tasche ziehend.

Du! er hat ein Feuerzeug, er raucht, flüsterte Bertha.

Der Brief war unterdessen angebrannt und fortgeworfen worden.

Das wird ja langweilig, meinte Bertha; dann fiel ihr das Klavier in die Augen, und sie setzte sich zum Spiel. Die Gelegenheit benutzte der junge Verliebte, um neben seiner Lucie Platz zu nehmen.

Wir hätten wohl beinahe einen kleinen Streit miteinander be⸗ kommen? sagte er,Frau von Armfeld war schuld daran.

Die phantasirte schon und hörte kaum mehr.

Glauben Sie wirklich? gab die Wittwe zurück.

Lüburg ging darüber hinweg.

Wir verstanden einander so gut, fuhr er fort,lebten so friedlich mitsammen; aber seit Frau von Armfeld's Ankunft ist es anders geworden, könnten Sie nicht bewirken, daß sie bald wieder abreist?

Die in Rede stehende Dame ließ es nun schon gewaltiger durch die Saiten rauschen, aber sie hatte eine unglückliche Melodie gewählt und spielte absichtlich falsch. Dem jungen Mann schien es angenehm, Lucie bewegte den Oberkörper hin und her, als wenn sie nervös würde.

Nun sind wir sie wenigstens für einige Minuten los, sagte

Lüburg, etwas näher rückend,o, wenn Sie wüßten, wie ich Sie

liebe! Die hübsche Wittwe wackelte bereits heftiger.

Und Frau von Armfeld lieben Sie nicht?

Ich verzeihe ihr ihre Neckereien, weil sie endlich auf die glückliche Idee gekommen ist, uns nicht mehr zu stören. Wir können nun einmal wieder von unserer Zukunft sprechen, die ich mir so schön, so entzückend denke.

Lucie sah jetzt schon aus, als wenn sie Zahnschmerz hätte.

Was ist Ihnen? fragte der junge Mann besorgt.Sie ant worten mir nicht, fühlen Sie sich unwohl?

Diese entsetzliche Melodie! klagte die Arme,und das unreine Spiel! greift Sie denn das nicht an?

Durchaus nicht! gab Lüburg zurück,unterbrechen Sie nur nicht die gnädige Frau, damit wir in Ruhe bleiben.

Das nennen Sie Ruhe?... ich kann es nicht mehr aushalten.

In demselben Moment begann unten auf der Straße ein Leier kasten zu spielen, noch klagender, falscher und asthmatischer, als oben die gnädige Frau.

Lucie faltete die Hände vor Verzweiflung.

Noch ein Instrument! jammerte sie,nun wird er gleich an⸗ fangen zu singen, oder seine Frau, was ebenso schrecklich ist.

Wir können ja aber den Leiermann fortschicken, tröstete Lüburg, doch die junge Wittwe wollte davon nichts wissen.

Nein! lassen Sie! er hört doch nicht auf, wenn Sie ihm Geld hinabwerfen, spielt er nur um so länger; das Beste ist, wenn man sich garnicht um ihn kümmert. Bertha! rief sie dann plötzlich aus, höre auf! ich bitte Dich! ich bekomme Krämpfe!

Ich auch! sagte diese vor sich hin,nervös ist er auch nicht, das ist zu stark! das gebt über meine Kräfte!

Dann rannte sie, roth und heftig erregt, im Zimmer auf und ab. Die Andere folgte ihrem Beispiel, und so ging es immer hin und her.

Der junge Lüburg sah das eine Weile an und schüttelte den Kopf.

Aber, liebe Lucie, sagte er mit besänftigendem Ton,regen 11 sich doch nicht auf, machen Sie es doch wie ich, und seien Sie ruhig!

Das hieß aber grade Oel in's Feuer gießen. Die Ruhe des

Herrn machte die beiden Damen nur noch gereizter, sie konnten nicht länger an sich halten, der Groll mußte heraus. Da sie nicht zusammen gingen, so begegneten sie einander in der Mitte des Zimmers, und wenn sie an Lüburg vorüberkamen, rief ihm Jede eine Dosis ihrer Mißstimmung zu:

Wir sehen es ja, wie ruhig Sie sind!

Der reine Schneemann!

Zornig können Sie wohl niemals werden?

Und eifersüchtig auch nicht?

Sie sind kein Spieler!

Kein Schlemmer!

Nicht neugierig!

Nicht schwatzhaft!

Noch irgend etwas, das einem Fehler ähnlich sehe!

Mit einem Wort, Sie sind ein vollkommener Mensch!

Der Gang war immer schneller geworden, die Aeußerungen immer leidenschaftlicher, bis Lucie zuletzt noch den Schlußstein der Steigerung brachte:

Ja! es ist ganz schrecklich mit Ihnen! ich bin gedemüthigt! Ich kann so vollkommene Menschen nicht ausstehen! nicht ausstehen! nicht ausstehen!

Dann lief sie zornig hinaus, und Bertha rauschte, nicht minder aufgebracht, hinterdrein.

Herr von Lüburg sah ihnen stilllächelnd nach, dann ging er in den Garten, um eine Zigarre zu rauchen.

Die Damen saßen währenddessen in einem anderen Zimmer und ärgerten sich, als Schneider frohlockend mit der Rückantwort des Telegramms eintrat.

Nun haben wir den Fehler! rief er aus,nun wird er seiner ganzen Tugend entkleidet werden! Die Damen zitterten vor Auf⸗ regung. Schneider öffnete das Telegramm und las:

Mein alter Freund! Ihre zu dunkel gehaltene Depesche habe ich leider nicht verstanden. In zehn Minuten reise ich ab. Generalin Krackwitz. a

Das war ein neuer Schlag. Eben noch frischblühende Hoffnung, jetzt schon wieder ein trostloses Aschenklümpchen. Lucie war gradezu in verzweifelter Stimmung. Die Generalin schrieb, Herr von Lüburg habe einen Fehler, und dieser Fehler war nicht zu entdecken. Wenn sie diesen Fehler nicht kennen lernte, mochte sie lieber den jungen Mann nicht heirathen. In dieser Stimmung traf der Räthselhafte die Unglücklichen.

Herr von Lüburg! rief ihm Bertha gleich entgegen,kommen Sie her! Es handelt sich um das Glück Ihres Lebens, damit hielt sie ihm den Brief der Generalin hin,sehen Sie, hier steht ein WoffFHFRNUoLö

Der junge Mann nickte.

Allerdings! sagte er,aber ein Wort, das man nicht lesen kann.

Es muß aber gelesen werden, fuhr die Dame auf,hören Sie wohl, es muß.

Lüburg nahm den Brief, prüfte die bezeichnete Stelle mit großer Aufmerksamkeit und bat dann um ein Glas Wasser, das Schneider herbeibrachte. Mit diesem Hilfsmittel versehen, setzte er sich an's Fenster, befeuchtete die vom gummirten Papier verklebte Stelle, und rieb sie schließlich mit großer Vorsicht ab. Nun war's gelungen, Lüburg las die Stelle und lächelte; dann reichte er den Brief seiner Angebeteten hinüber.

Lesen Sie selbst, liebe Lucie, ich bin nicht eingeweiht in dies Mysterium. Die Dame las:Mit einem Wort, er ist fehlerlos.

Sie warf das Schreiben unwillig auf den Tisch.

Dachte ich mir's doch! das ist das Schlimmste, was ich er⸗ wartet habe. Herr von Lüburg setzte sich neben seiner Zukünftigen und faßte ihre Hand.

Sie zürnen mir, weil ich keinen Fehler habe, sagte er,ich bin Ihnen zu langweilig und uninteressant ohne jegliches kleine Ge⸗ brechen. Die Tante Generalin hatte mir geschrieben, welches Zeugniß sie mir ausgestellt. Als ich heute hier eintrat, merkte ich sofort, daß eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen, dann sah ich, daß Sie mich auf die Probe stellten, und gab mir Mühe, die Fehler zu verdecken, die mir erb⸗ und eigenthümlich sind.

Lucie wandte sich nach ihm um und ihr Gesicht wurde freundlich.

Sie haben wirklich Fehler? sagte sie.

Der junge Mann nickte.

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