Ausgabe 
16.1.1887
 
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zu den

Obherhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschelft wird strafrechtlich verfolgt werben.

Gießen, den 16. Jauuar.

Er hat einen Fehler.

Humoreske von A. v. Winterfeld. (Schluß.)

Luciens Augen glühten förmlich auf den jungen Mann.

O, viel! viel! klang es von dem brennenden Munde.

Sehr viel! sehr viel! rief die Freundin mit komischem Ueberbieten des Tons zwischen zwei Walzern zum Beispiel, wenn Du von einem glücklichen Tänzer an's Büffet geführt wirst, dann kann der beglückende Blick leicht vergessen werden; denn es giebt bei dem sonst so banalen Vergnügen doch auch Leute von Geist, deren Unterhaltung so fesselnd ist, so bestrickend, man hat Beispiele genug, daß manche Treue dabei in's Wanken gekommen...

Lucie fuhr zusammen; denn ihr beobachtender Blick schien an dem Mann ihrer Liebe etwas Verdächtiges gefunden zu haben.

Sollten Sie eifersüchtig sein? brachte die Dame schnell hervor.

Herr von Lüburg schüttelte ruhig das Haupt.

Ich eifersüchtig? sagte er.O nein! Die Eifersucht hängt von drei Sachen ab, erstens von dem Charakter, den uns die Natur gegeben, zweitens von dem Grad des Vertrauens, den wir für die Frau empfinden, der unsere Liebe gehört, und drittens, mehr oder minder, von der Furcht, die uns Leute einflößen, von denen jene Frau in der Regel umgeben ist. Mit einem Wort, wir leben in einer Epoche, wo die Leute, welche mir Unruhe einfließen könnten, sich wohl hüten würden, eine Frau zu umdrängen, die mein eigen ist. Das ist meine kleine Theorie, die ich für sehr sinnreich halte. Die Damen scheinen mich nicht ganz verstanden zu haben; ich will mich also etwas klarer ausdrücken: Glauben Sie in der That, daß es so sinnlose junge Leute giebt, die sich erdreisten könnten, einer verheiratheten Frau den Hof zu machen? Sie bejahen die Frage, während meine Wenigkeit ganz entgegengesetzter Meinung ist. Die jungen Leute ziehen die schlechte Gesellschaft, in der sie Vergnügen und leichte Eroberungen finden, dem guten Umgang vor, der ihnen diese Vortheile nicht bieten kann.

Hier wurde die Thür geöffnet, und der alte Johann trat ein.

Ein Brief für die gnädige Frau!

Von wem? fragte Lucie, das Schreiben in die Hand nehmend und indem sie ihren Anbeter scharf beobachtete.

Bertha that dasselbe.

Der Kammerdiener des Grafen Busow hat ihn soeben gebracht.

Es ist gut!

Die eine Freundin neigte sich zur andern.

Er hat gezittert, hauchte sie ihr in's Ohr.

Er ist blaß geworden, tönte es ebenso zurück.

Nun, was sagen Sie dazu? wandte sich dann Bertha laut an den jungen Mann;scheint Ihnen der Name Busow nicht genügend? Lucie brannte; das Verfahren der Freundin war ihr viel zu lang; sie mußte zu dem abgekürzten übergehen.

Sie sind eifersüchtig, drängte sie ihren Anbeter;nicht wahr, Sie sind eifersüchtig?

Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu sagen, daß die Eifer sucht von dem Grade des Vertrauens abhängt, entgegnete Lüburg mit gut gespielter Unbefangenheit,bei einer andern Frau hätte der Brief allerdings beunruhigen können, aber bei Ihnen ist das nicht der Fall; in Sie setze ich das unbedingteste Vertrauen, ich weiß, daß jede Koketterie Ihnen fremd ist.

Bertha kniff der Freundin in den Arm, damit sie sich nicht da bei beruhigen sollte. Auf einen Punkt mußte doch die feindliche Stellung durchbrochen werden, und dieser schien ihr am geeignetsten dazu. Lucie verstand auch sofort und führte ihre bereits wankenden Truppen von Neuem in's Gefecht.

O, glauben Sie das nicht! im Gegentheil! Ich liebe die Huldigungen im Allgemeinen, bin auch durchaus nicht unempfindlich gegen die des Grafen Busow, ich verdiene es wirklich nicht, daß Sie ein so unbedingtes Vertrauen in mich setzen.

Lucie! meinte zweifelnd der junge Mann.

Gewiß nicht, Herr von Lüburg!

Ja, wenn Sie das mit solchem Ernst sagen.

Der scheinbare Sieg wurde aber von Lucie nicht ausgenutzt, sie brach zu früh aus ihrem Hinterhalt hervor.

Sie sind also eifersüchtig? fragte sie mit fliegender Brust.

Doch der junge Mann schüttelte ruhig lächelnd den Kopf.

Nein! sagte er,ich kann mir nicht helfen, ich bin es nicht.

Lucie machte kurz Kehrt bei der Antwort und wandte sich zu ihrer Freundin um. f

Ich gebe es auf! flüsterte sie,der Mann ist von Stein.

Nur nicht die Flinte vor der Zeit in's Korn geworfen, tuschelte die Andere zurück.Da die großen Mittel nicht anschlagen, versuchen wir es einmal mit den kleinen.

Dabei warf sie einen bezeichnenden Blick auf die Streichhölzer, die sie vorhin naß gemacht. Lucie hatte verstanden und nahm den Kampf wieder auf.

Verbrennen Sie den Brief, Herr von Lüburg, sagte sie mit fingirter Erregtheit, indem sie ihm das Schreiben hinhielt,bitte, bitte, verbrennen Sie ihn; denn ich will ihn nicht lesen.

Aber, weshalb denn nicht, liebe Lucie?

Nun mischte sich auch die Freundin hinein.

Aber errathen Sie denn nicht? sagte sie mit vertrauen erweckendem Ton,sehen Sie denn nicht die innere Bewegung des armen Kindes? Graf Busow hat ihr stark den Hof gemacht, und sie fürchtet...

Verbrennen Sie ihn! flehte die schöne Wittwe.

Herr von Lüburg stand noch immer unbeweglich.