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es ihnen endlich zur Gewißheit wird, daß der kurze Gottesdienst längst zu Ende sein muß. Der Pendel der großen Gehäuseuhr geht in gleichmäßigem Tiktak
weiter, die Sekunden werden zu Minuten, diese wieder zu Stunden.
Die Kerzen sind herabgebrannt, der Punsch ist kalt geworden, und die beiden Wartenden sitzen sich stumm gegenüber.
Wie unheimlich diese tiefe, von keinem Laut unterbrochene Stille ist. Selbst der Sturm hat ausgetobt, und die Kastanien stehen unbeweglich. Jetzt hebt die Uhr aus, und zwölf feierliche Schläge ziehen langsam durch das stille Gemach. Der Schulmeister stöhnt auf, während die Greisin leise vor sich hin schluchzt.
Wird draußen die Hausthür nicht plötzlich aufgestoßen? Mit angehaltenem Athem lauschen Beide.
Kein Schritt kommt näher, aber leises Winseln und Kratzen wird an der Zimmerthür laut.
„Das ist der Sultan!“ entfährt es den todtenblassen Lippen der alten Frau. Und richtig, da schleppt er sich matt und triefend herein, 0 riesige Hund und bleibt wie zum Tode erschöpft zu ihren Füßen iegen.
Bäche rieseln von ihm zur Erde, und kleine Eisstücke hängen in seinem zottigen Pelz.
Die Beiden, die so lange gewartet, verstehen sich ohne Wort, sie wissen, von wo er kommt, und daß er um das Leben der jungen Herrin vergeblich gerungen hat.
Neben ihn auf die Erde hat sich die Großmutter geworfen.
„Fränzchen, wo ist sie?“ fragt sie mit fast irrem Blick.
Da richtet schwankend der Hund sich auf, und sein Klagegeheul durchgellt schauerlich die stille Neujahrsnacht.
Wenige Tage später hat man zwischen treibenden Eisschollen die Leiche des Mädchens gefunden. Aus dem Dorfe heimkehrend, sei sie auf dem See im Nebel verunglückt, hieß es allgemein. Man be⸗ dauerte die junge, glückliche Braut, lobte den Schulmeister, der die alte, halbstumpffinnige Frau in treuer Pflege hielt, und kurze Zeit nachher sprach man garnicht mehr davon.
Erst viele Wochen später, nach einer wilddurchtobten Nacht, nach einem wüsten Gelage, bei dem er wie immer vergebens Betäubung gesucht, erfährt Graf Julian aus des Onkels Munde die erschütternden Einzelheiten jener Sylvesternacht.
Am langsam erlöschenden Kaminfeuer sitzen sie sich gegenüber, und Graf Steinfeld bemerkt zum ersten Mal, welche bedenkliche Spuren der letzte tolle Winter in des Neffen schönem Gesicht zurück— gelassen hat. i
Dieser starrt finster in die zusammensinkende Gluth. Ihm ist's, als fahre er wieder im Nebel dahin, als hasche seine Hand nach goldbraunen Zöpfen.„Ach hätte sie mich nie gesehen, meine Liebe hat sie in den Tod getrieben!“ ruft er schmerzlich.
„Nein, ich bin ihr Mörder,“ murmelt der Graf, aber so leise, daß es selbst der neben ihm sitzende Neffe nicht versteht.
Nor d.
Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)
Ueber die Mädchen übte Luise eine gewisse Herrschaft aus. Eine gewisse kluge Ueberlegenheit, eine Verschlossenheit ihres Wesens im⸗ ponirte den an offene Bosheiten nicht ungewohnten Zöglingen. Luise bestimmte ihre Geschmacksrichtungen und beeinflußte ihre Urtheile. Sie äußerte keine offenen Gehässigkeiten, aber sie warf den zündenden Funken zu etwaigen Demonstrationen aus, und ließ sie aufflackern. Das alles erfuhr Nora in jener ersten Nacht in kindlicher Form von der schwatzhaften kleinen Hulda, und in der großen Müdigkeit, die sie bei der ersten Berührung des warmen Bettes überkam, hörte sie die Dinge alle mit halbem Ohre nur. Einzelnes war ihr in der Erinnerung geblieben, einzelnes, was sie unangenehm berührte, aber in ihrem dumpfen, wohligen Schlafbedürfniß, in ihrem Ruhe⸗ begehr drang das Gehörte so unklar zu ihr, daß sie die Augen schloß und„sich von der kleinen Schwätzerin in den Halbtraum
reden ließ.
„Die Sache mit dem Zettel heute war auch so hinterlistig,“ erzählte das plappersüchtige Geschöpf weiter.„Ich hörte, wie sie's nachher der großen Adele mit der Brille sagte. Sie wollte es nur ausprobiren, ob Du es mit ihnen oder mit der Lehrerin haͤltst; Du wärst eine Schlaue, hat sie gesagt; Du müßtest gezähmt werden.
Die große Adele ist ihre Schlafgenossin; die beiden sind bös und häßlich. Nimm Dich vor denen in Acht. Ich bin Deine Freundin. Von mir kannst Du alles haben. Was willst Du werden, wenn Du groß bist? Ich— Wäscherin. Da geht man auf Tagelohn. Ich kenne eine Wäscherin— Du, rück doch ein Bischen! Schläfst wohl?“
Ja— sie schlief! Oder nein, sie schlief eigentlich noch nicht. Sie duselte gerade in's Schlafland hinüber, und sie hörte mit halbem Herzen das feine Geplapper der Kleinen, deren Stimme so niedlich kippte.
Nora rückte ein wenig und warf den Kopf herum. das that, in einem Bett zu liegen!
Wie sanft ruhte sich's auf einem Kissen, nachdem man eine Nacht auf Steinen gelegen.
Und so warm war's und still— jetzt ganz still— sogar die geschwätzige kleine Zunge neben ihr ruhte. Ihre Athemzüge kamen so regelmäßig tief. Nora fühlte im Halbschlummer den warmen Hauch der Nachbarin.
Der Schlaf legte sich verlangend auf ihre Sinne. Sie seufzte in wohligem Behagen tief auf. In den schwirrenden Halbgedanken, die ihr traumartig vorschwebten, hörte sie leise Stimmen, die ihr beruhigend zusprachen. Von einem Bett und Wärme flüsterte man, von einem Obdach und Ruhe und Schutz, und eine Reihe gelblicher Knabenzähne schien zu lachen; ein rother, aufgeworfener Knabenmund wollte sie necken— dazwischen tönte sanfte Rede von einem freundlich gütigen, lieben Frauenmunde.
„Brav sein und etwas lernen,“ sprachen die Stimmen. „Besser als auf den kalten Straßen— warme Stuben, weiches Bett.
Und satt werden!“
Wie sie flüsterte, die Stimme des guten Zeitungsburschen und die der Plätterin, seiner Mutter! Wie sie nickten und ihr Gutes wünschten! Wie sie dann beim Abschied Thränen— leise Thränen— ganz leise— kaum hörbar— kaum deutlich— doch nicht richtiges Weinen— oder doch?
War das nicht Weinen, das sie höfte? Weinen— weinen wie das Kindchen im Bäckerladen weinte? Wimmern sogar? Es hörte sich doch so an— ja doch— das Kind im Nebenzimmer, das sie wiegen mußte.
„Ja, ja ich komme!“ Es weinte fort das kleine Ding.
„Nicht weinen, Kleines— nicht!“ Doch weinen? Und so jammernd, war es nicht das Kind der Bäckersfrau— war es gar kein Weinen, nur ein Husten, ein hartes, schmerzliches Husten unter Thränen?
Und woher? Wer konnte so dicht an ihr Bett?—
Horch— eine Stimme, die rief— eine kleine gereizte, kranke, Stimme.
Und so verlangend, so hilflos! Nora saß im Bette aufrecht und blickte im finstern Schlafsaal umher. Es weinte Jemand. Sie hörte es deutlich. Von welcher Seite nur? Dort? Hinter ihr?
Kam das zitternde hüstelnde Weinen von dort?
Ja— daher! Das Kind sprang aus dem Bett und folgte dem Stimmchen.
„Wo bist Du?“
Aus einem schmalen Einzelnbett hart an der Wand tönte ihr Antwort entgegen.
„So weh— ach es thut so weh und ich bin durstig!“
Mit nackten Füßen trippelte Nora dem Tone nach und stand vor dem kleinen Bette. Der Mond stand hell am nächtlichen Himmel und warf sein Licht auf die schlummernden Mädchen ringsum und auf das Bett, über das Nora sich beugte. Aus dem Kissen hob sich ein Gesichtchen, so weiß und spitz und hohl, daß Nora erschrak. Zwei große tiefe Augen blickten gespenstisch zu ihr auf.
„Kannst Du nicht schlafen?“ fragte sie und das blasse Ge— schöpfchen mit den spitzen Zügen gab bitterlich klagend Antwort.
„Ich schlafe nie. Ich huste immer und weine!“
„Bist Du denn krank?“
„Ich weiß nicht! Ich bin durstig!“— Nora wandte sich suchend.
Wenn sie doch irgendwo ein Glas oder einen Napf finden könnte! Wasser war ja in den Krügen der Toiletten.
Wie wohl
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