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„Warte, ich hole Dir.“—
Die kleine Stimme hielt sie auf.
„Da vor meinem Bett— steht die Kanne— sie ist wieder leer.“— Nora füllte ihr den Krug und hielt ihn ihr hin.
Das Kind trank gierig und sank dann hustend in die Kissen. Der Husten erschütterte den ganzen schwachen Körper, und sein hohler hackiger Ton hallte traurig und öde in die Nacht hinein.
Der Anfall dauerte lange, und als er vorüber war, lag das weiße Kind mit dem spitzen Gesicht ganz still und reglos.
Nora rührte sich nicht. Sie wagte nicht, sich zu rühren; und doch schreckte sie das Alleinsein mit dem kranken Kinde.
Ob es schlief?
Ob ihm besser war?
Wenn doch das Gesicht nicht so erschreckend dünn aussehen wollte, und der Mund weniger eingefallen.
Ob sie wohl fortgehen sollte! Ob die Kleine nun Ruhe finden würde! Sie wälzte die Frage in ihrem Kopfe umher und plötzlich kam die Antwort und zwar von dem Kinde selbst. Es öffnete un— vermuthet die Augen und sah zu der weißen Gestalt am Bette auf.
„Jetzt ist mir ganz wohl“ sagte sie leise.
Nora sah etwas mystifizirt auf das Kind.
„Warst Du heute unten?“ fragte sie.
Die Kleine schüttelte ein wenig den Kopf und lächelte matt.
„Heute nicht und schon lange nicht,“ sagte sie leise.
„Liegst Du alle Tage hier?“
Ueber des kranken Kindes weißes Gesichtchen kam ein Ausdruck des Sehnens.
„Viele Tage,“ sagte sie, und wie in Bildern der Vergangenheit suchend, lächelte sie und sprach leise und geheimnißvoll.
„Viele Tage schon, aber bald steh' ich wieder auf und geh nach Hause.
„Weißt Du was? Ich gehe zu ihr! Ich thu's doch! Sie haben mir gesagt, ich dürfte nicht bei ihr sein— weil sie nicht gut ist. Sie ist gut. Ich will bei ihr sein. Sie hat mich lieb und ich sie auch!“
„Meinst Du Deine Mutter?“
„Nein, die ist fortgereist. Ich weiß nicht wohin. Ich wohne bei Helene. Helene ist meine große Schwester. Bei uns zu Hause ist es schön, und viele Leute kommen Abends, und dann spielen sie mit Geld. Ich mußte immer zu Bett gehen— wegen des Hustens— Helene schickte mich, aber ich hab einmal so sehr lachen gehört und durch's Schlüsselloch geguckt.
„So viele schöne Menschen alle beisammen, aber Helene war die Schönste. Auf dem Tische lag viel Geld. Ich habe sie nachher gefragt, wem es Alles gehört und da hatte sie so traurige Augen gemacht und gesagt, sie wäre mir böse, weil ich aus meinem Bette gestiegen war, und die Vorgänge unten gingen mich nichts an, ich dürfte Abends nie aus dem Bette steigen, mein Husten wäre auch viel schlimmer geworden. Nachher schloß sie mich Abends immer ein, daß ich nicht mehr zu ihr herunter konnte. Sie hatte ganz recht gehabt. Mein Husten wurde viel schlimmer, und weil es so kalt in der Stadt wurde, packte mich Helene eines Morgens ein, und fuhr mit mir fort in eine andere Stadt, wo's ganz anders war, so warm, so sonnig, so grün!
„O, das war schön! Ganze Tage lang durfte ich in den Wiesen liegen und wenn der böse Husten kam, that er fast gar nicht mehr weh, und Helene war auch lange nicht mehr so traurig wie vordem. Ganze Tage lang lag sie mit mir im Freien und horchte mit mir auf das Rauschen, das der Wind in den Zweigen der Bäume machte, und dazu erzählte sie mir von Prinzessinnen und von Elfen und Elfenkindern, bis es Abend wurde und dann hüllte sie mich so dicht in Mäntel ein, daß ich mich nicht los zappeln konnte und trug mich selbst in mein Zimmer und bettete mich mit ihren weichen Armen ein und betete mit mir.
„Sie ist gut, ich weiß es. Und sie hat mich auch nicht ver— lassen, ich glaub's nicht! Es sind Abends Männer gekommen, die alles Geld von den Tischen nahmen und Helene mußte mit ihnen fortgehen.
„Sie kommt wieder, ich weiß es. Ich wollte hier nicht her⸗ kommen, ich hab' geweint, wie sie mich hergebracht haben. Einmal wollte ich auch fortlaufen, und meine Helene suchen, aber da kamen die Schmerzen so arg, daß ich im Bett bleiben mußte. Jetzt ist
mir besser und morgen— wenn alles still ist im Hause— Abends, weißt Du—“ „Horch— hörst Du— es läutet—“
„Ich höre nichts!“ Des kranken Kindes Augen gingen geradeaus
ins Leere, in die Dunkelheit hinein.
Nora erschauerte. Es war ein Fremdes in dem Blick des weißen Gesichtchens.
„Morgen gehe ich. Ganz leise stehe ich auf und gehe fort— nach Hause. Es thut nicht mehr weh hier— gar nicht mehr weh — Helene wird froh sein— Helene—“
„Du bist so heiß, soll ich Jemand rufen?“ Nora fragte es ge⸗ ängstigt. Es zog eigen beklemmend in ihr Inneres ein.
Es war still— es war Nacht— es war finster und nur der Mond sandte gespenstisches Licht über den öden Raum.
Urplötzlich stieg vor dem Geiste des blassen kleinen Mädchens, das fast reglos in seinem Nachtgewande am Bette der Patientin stand, eine Erinnerung auf an eine schlimme Nacht im vergangenen Frühjahr— an eine stille Nacht, auch mondbeglänzt wie diese, an ein Zimmerchen, das klein und einsam war und aus dem ein Wesen lautlos und ohne Klage hinüber schied in's Jenseits. Eine schaurige Angst überkam sie, eine thörichte, beklommene Angst vor dem Alleinsein mit dem selig lächelnden, still vor sich hin flüsternden kranken Kinde mit den großen überirdischen Augen. Sie verließ das Bett und näherte sich vorsichtig, die Wand entlang tappend, dem eigenen Lager und faßte bebend die Schulter der festschlafenden Kameradin.
„Hulda!“
Ein kleines, gähnendes Schnarchen gab ihr Antwort.
„Hulda!“
Sie rüttelte sie auf.
„Ein kleines Mädchen, da— in dem Bette hinter uns— Hulda, höre doch— sie ist sehr krank— wen soll ich rufen?“
„Die Tine wohl? ach— geh' nur schlafen! die weint immer — laß sie!“
Die Tine! Nora horchte auf. Die Tine! Wo hatte sie den Namen doch schon gehört. Ja— doch— am Morgen war's gewesen, und ein Mädchen hatte ihn genannt und auf die Lehrerin gedeutet. Und dann hatte eine Andere gleichgültig geantwortet: „hohe Zeit!“
Was bedeutete das Alles? Hieß es, daß das kleine bleiche Ding
da vor ihr krank war zum Sterben? Und sie war allein mit ihr.
Nein— nein! Was sollte sie aber thun? Sie wußte sich keinen Rath. Wenn doch die Lehrerin— sicherlich kam sie heute von dem Kinde, als sie das Theebrett trug— wenn sie doch wüßte, wo sie zu finden wäre. nicht mehr. Nora sah auf sie nieder. gewühlt in die Kissen.
Sie war allein.
Eine zaghafte Scheu vor der Nähe des andern Bettes erfaßte sie, eine Angst, die ihr die Schritte lähmte. Sie horte noch immer die flüsternde kranke Stimme der wachsbleichen Kleinen, horte den Namen Helene, hörte sie bittend nach ihr verlangen und endlich— begann das Kindchen zu singen. Nora hob die Hände und deckte furchtsam das Gesicht. Ein Schauer der Ergriffenheit durch— schüttelte sie.
Ihr blonder Kopf lag ein-
„Lieber Frühling komm doch wieder „Lieber Frühling komm doch bald—
Die Stimme schwieg. Nora hörte nur noch einen kleinen er— lösenden Seufzer, dann nochmals den Namen Helene— und im Saal war es todtenstill. Ohne zu wissen, was sie trieb, war sie fast willenlos, fast ohne Kenntniß ihres Thuns an das Bettchen geeilt. Starren Auges blickte sie auf das Kindchen nieder, das mit still gefalteten Händen und mit großen, ruhenden Augen aufwärts sah. Die Augen schienen das Kind zu erkennen, denn die mageren kleinen Hände zuckten ein wenig, wie um sich auszustrecken, und der eingefallene Mund öffnete sich langsam.
„Gute Nacht!“ sagte das Kind leise, dann mit einem Anflug von Lächeln.
„Gute Nacht— gutes kleines Mädchen.“ ö
Nora's Aufschrei hallte wild durch den Todtenraum und hinaus⸗ stürzend wurde ihr ohnmächtiger Leib von den Armen der Lehrerin sanft umfangen.
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dee eee eee eee eee eee eee eee————
Hulda wußte es gewiß, aber sie antwortete ja


