Ausgabe 
15.5.1887
 
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154.

gehenden Sylvestersonne plötzlich alles in solch einem veränderten Lichte?

Sie schreit auf, als ihr Blick das kaltlächelnde Gesicht der ge⸗ malten Ahnfrau streift.

Sie weiß jetzt alles, sie sieht auf einmal klar. Alles, was man ihr gesagt, was sie geglaubt, war Lug und Trug, eine abgekartete Sache, ersonnen, um zwei Herzen auf ewig zu scheiden. Nicht die aufgedrungene Gattin hat er je geliebt, nur sie, sie allein, die nicht den Muth gehabt, gleich ihm der ganzen Welt zu trotzen. Sie ruft sich seine Worte, seine Blicke in's Gedächtniß zurück, sie hört seine Stimme in den zärtlichsten Tönen dicht an ihrem Ohr und mit gerungenen Händen irrt sie allein durch die leeren Zimmer.

Am Fenster bleibt sie endlich stehen. Weite Schneeflächen breiten sich vor ihren Blicken aus, und ein pfeifender Wind schlägt die nackten Baumzweige gegen die Scheiben; es ist der Thauwind, er bringt warmes Wetter plötzlich in's Land und jagt schwarze Regen- wolken über den rothglühenden Abendhimmel.

Die verschlungenen Hände lösen sich langsam und sinken auf das Fensterbrett; sie ist zur Klarheit mit sich selbst gekommen. Hier, wo überall die Erinnerung ihr sein Bild vor die Seele zaubert, fühlt sie ganz bestimmt, daß sie mit dieser unseligen Liebe im Herzen niemals das Weib eines Anderen werden kann. Das wäre eine Schmach, die sie sich selbst, ein Verrath, den sie dem braven Mann anthun müßte.

Sie hat des Schulmeisters Nähe, seine Liebkosung schweigend ertragen; nun weiß sie, daß sie fortan seinen Kuß nicht mehr dulden darf. Als ob eine Last von ihr genommen, als ob sie wieder freier athmen könne, ist ihr zu Muth, und doch, was soll nun aus ihr, vor allem aus der Großmutter werden!

Eine tiefe Falte grub sich ihr zwischen die feinen Brauen und gab dem lieben Kindergesicht einen neuen finsteren Ausdruck.

Da schallt donnerähnliches Krachen zu ihr herüber; wieder heult Sultan auf. Es ist der See, dessen Eisdecke unter den wilden Stößen des Thauwindes barst.

In Fränzchens Augen leuchtet es plötzlich unheimlich auf; scheu senkt sich der Blick, der sich unwillkürlich zum Himmel erhoben, zum Himmel, der ihr bis jetzt den verzeihenden und strafenden Gott geborgen. Unten wurde die Hausthür geöffnet, loser Schnee von den Stiefeln gestampst die Großmutter und der Bräutigam sind wohl beide heimgekehrt.

Sie steht auf der Schwelle; ein langer Blick umfaßt noch ein⸗ mal den Raum, dann drückt sie die Thür in's Schloß und geht langsam hinunter.

In der tief gelegenen Wohnstube herrscht halbe Dämmerung, auf den weißen Dielen zittern breite rothe Streifen, der grelle Widerschein des Ofenfeuers, und in diesem schwankenden Licht tritt freundlich mit ausgestreckter Hand ihr der Schulmeister entgegen.

Grüß Gott, sagte er herzlich,das ist ja ein Wetter draußen, daß einem die warme Stube wie ein Paradies erscheint. Der Süd⸗ wind heult und Nebel versperren überall den Weg, daß man kaum die Hand vor Augen sieht.

Wo bleibt denn die Großmutter? fragt sie hastig.

Sie braut wohl heimlich in der Küche den Sylvesterpunsch; feierlich und glücklich will sie im alten Hause diesen Abend noch begehen. Ach, wie gut sie doch ist! Mit welcher Freude sie uns drüben unser Nest baut!

Hast Du sie auch wirklich lieb, Heinrich? immer willig bei Dir dulden?

Welche Frage! Gewiß ist sie mir lieb, fast wie die eigene Mutter, die ich früh verloren, und dann gehört sie ja auch zu Dir, mein Fränzchen.

Und wirst Du sie nie von Dir lassen? Die Stimme klingt gepreßt, während das Mädchen sich vorbeugt, um in der Dämmerung seine Gesichtszüge besser zu unterscheiden.

Nein, niemals!

Auch nicht, wenn ich nicht mehr sein sollte?

Wie kommst Du darauf? fragt er betroffen. gedanken kurz vor der Hochzeit?

Es sterben Viele in der Jugend, wer kann es wissen! sagte sie hastig.Vielleicht ist es nur eine Idee, die der Sylvester mit sich bringt. Aber nicht wahr, die alte Frau wird immer einen Platz an Deinem Herd finden? Immer! Aber was soll das alles?

Wirst Du sie

Wie, Todes

Versprich es mir, bat sie dringend, ihm die Hand hinhaltend.

Ich verspreche es!.

Die dunkeln Augen, die bisher flehend zu ihm aufgeblickt, ver⸗ loren auch jetzt ihren angstvollen Ausdruck nicht. Wohl weiß sie, daß er sein ehrliches Wort hochhält, niemals ein Versprechen ge⸗ brochen hat, aber ihr sorgendes Herz verlangt nach größerer Sicherheit.

Kannst Du mir schwören, daß Du sie niemals verlassen wirst? fragte sie, mit krampfhaftem Druck seine Hand umspannend.

Natürlich! Welch' sonderbares Verlangen! Bist Du krank, Fränzchen?

Sie schüttelte den Kopf.Nein, nein, nur schwören sollst Du mir, warum ich Dich bat, drängte sie.Dann ist Alles gut.

Nun denn, ich schwöre es Dir, Du weißt, ich kann Alles Dir gewähren, nichts Dir versagen.

Mit einem Aufathmen der Erleichterung gab sie seine um⸗ klammerte Hand frei. Dankbar will sich ihr Auge nach oben richten, doch hastig blickt sie wieder fort; die Verbindung mit dort oben ist auch für sie verloren.

Es ist ganz still, ganz finster geworden im Zimmer. Der Schul⸗ meister ist zu ihr an's Fenster getreten, zärtlich will er sie in seine Arme ziehen.

Sie weicht ihm aus; wie ein Schauer rieselt's durch ihre Glieder. Lieber den Tod, als diesen Kuß.

Wohin willst Du, Fränzchen? fragt er erstaunt.

Vielleicht braucht die Großmutter mich draußen, stammelt sie und gleitet aus dem Zimmer.

Im Flur bleibt sie, beide Hände auf's Herz gepreßt, stehen. Horch! ruft Julian sie nicht? Nein, es ist der Großmutter Stimme. Wie sie in der Küche geschäftig mit Gläsern und Schüsseln hantirt, wie glücklich sie heute gerade ist.

Fränzchen ist es, als stehe ihr Schutzengel mit ausgebreiteten Armen vor der Thür, als vertrete er ihr den Weg nach draußen. Doch nein, nein, das sind Phantasien ihres glühenden Hirns, jetzt sieht sie wieder ganz deutlich das spöttische Lächeln des alten Grafen, eine weiße Hand mit funkelndem Trauring. Sie winkt, winkt, zeigt gebieterisch nach jener Richtung, von wo wieder das dumpfe Krachen kommt. Mit einem Sprung ist sie an der Thür, nur mühsam läßt sie sich öffnen. Ist es vielleicht der gute Engel, der seine Hand darauf hält? Nein, nein, nur der Sturm stemmt sich von Außen dagegen.

Nun tritt sie hinaus, dichter, weißlich grauer Nebel füllt den Hof, steigt brodelnd und wogend überall herauf, läßt den Weg kaum schrittweise erkenne

Flüchtigen Fußes eilt sie vorwärts, obgleich der wässerig gewordene Schnee sich unter ihren Sohlen ballt. Nun liegt in undeutlich dunkeln Umrissen die Thorpforte vor ihr, da rasselt dicht neben ihr eine schwere Kette, und freudig winselnd begrüßt sie Sultan.

Mitten im nassen Schnee kniet sie neben ihm, die wuchtigen Tatzen hat er ihr auf die Schultern gelegt, und seine warme Zunge leckt ihre kalten Hände.

Kommst Du mit? fragte sie leise. den wir zusammen machen.

Freudig bellt er auf; er hat nur das eine wohlbekannte Wort mitgehen verstanden.

Ihre Hand drückt am Schloß, nun ist er frei und eilt in großen, ausgelassenen Sprüngen ihr voraus. Eilig, fast laufend, folgt sie ihm, und das Nebelmeer schlägt hinter ihnen zusammen.

Drinnen, im Zimmer deckt Großmutter indessen sorgsam den Tisch, sie zündet die Kerzen auf den silbernen Leuchtern an und trägt geschäftig die duftende Punschterrine auf.

Dem Schulmeister ist es allein in der Dämmerung beklommen zu Muth geworden, nun tritt er zu der alten Frau und läßt sich das Glas füllen.War Fränzchen nicht bei Ihnen? fragt er endlich.

Nein, sie wird auf ihr Stübchen gegangen sein, um ihr Sonntagskleid anzuziehen, heute ist ja ein halber Festtag, ant⸗ wortete diese, dann schweigen wieder beide.

Wo sie nur bleibt! meint endlich berunruhigt auch die Greisin. Ich will gehen nachsehen, wo sie steckt.

Sie kommt allein zurück. Fränzchen ist nicht in ihrem Stübchen, nicht in der Küche, überhaupt im ganzen Haus nicht zu finden.

Vielleicht ist sie doch hinunter in's Dorf zur Kirche gegangen? Beide stehen am Fenster und starren in die Dunkelheit hinaus, bis

Es ist der letzte Gang,