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zu den
Oberhessischen Unchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 15. Mai.
WII
Die Weihnachtsglocken sind längst verklungen, die funkelnden Lichterbäume alle erloschen, und das alte Jahr zählt nur noch nach Stunden. In Grünau liegt der Hof voll tiefen, hartgefrorenen Schnee's, über welchen hungrige Dohlen melancholisch hüpfen, während am Dachrand, über den Fenstern, lange Eiszapfen in der kalten Wintersonne glitzern. Das ist heute solch ein rechter Tag für dampfende Punschbowlen, fröhliche Sylvesterscherze und lustig klingelndes Schlittengeläute. Dort weit in der großen Stadt wird das neue Jahr wohl aller Orten mit Jubel und Becherklang be— grüßt, während hier auf dem Lande die Mitternachtsschläge nur dumpf über verschneiete Felder dröhnen.
Im Wohnzimmer am Fenster steht Fränzchen, die Arme fröstelnd in ihr rothes Tuch gewickelt, die Stirn dicht an die kalten Scheiben gelehnt. Draußen hat sich ein leises Schneegestöber erhoben, und mit großen, weitgeöffneten, wie rückwärtsblickenden Augen starrt sie hinein. Ihr ist's, als erschaue sie mitten in den durcheinander⸗ wirbelnden Flocken jene sonnige Herbstlandschaft wieder, in der ihr kurzer Glückstraum begonnen und so jäh geendet.
Schnell deckt sie die Augen mit der Hand und wendet sich dem Zimmer zu. Hier innen ist noch alles unverändert, obgleich der neue Verwalter in wenigen Tagen seinen Einzug hält, und die Großmutter hinunter ins Dorf gegangen ist, um im Schulhause Vorkehrungen für die bevorstehende Uebersiedelung zu treffen. Sie schauert zusammen, obgleich im Ofenschlund ein lustiges Feuer flackert und in der Röhre die dampfende Kaffeekanne leise, gemüth— liche Melodien summt.
Fast unbewußt gleiten ihre Blicke durchs Zimmer. Dort in der Ecke steht auf weißgedeckter Tafel noch der kleine Christbaum, den die Großmutter darauf bestanden für sie zu schmücken, und unter dessen brennenden Lichtern sie des Schulmeisters Braut ge— worden ist. Eine ganze Woche schon. Sieben lange Tage der Qual waren vergangen, ohne daß ihr einer das ersehnte, ruhige Glücksgefühl, das doch jeder strengen Pflichterfüllung folgen soll, gebracht hat. Der Schulmeister strahlt voller Seligkeit, die alte Großmutter weint Freudenthränen, und nur sie allein geht wie eine Nachtwandlerin umher, obgleich sie doch ihr armes, zuckendes Herz besiegt, das Rechte gethan hat.
War es auch wirklich das Rechte gewesen? Warum fragte sie es sich auf einmal? Gewiß, sie handelte nur, wie es die Pflicht, Religion und schuldige Kindesliebe ihr gebot. Hatte sie nicht Julians Brief ungelesen verbrannt, mit zitternder Hand ihm Lebe⸗ wohl geschrieben, in wenigen Zeilen ihm gesagt, auf ihrer Liebe müsse ja ein Fluch ruhen, da diese von Anfang an ein Frevel ge⸗
wesen. Gewiß, sie war im Recht— und doch, warum lehnte sich
Im Nebel. 5 Novelle von H. Nené. 2 (Schluß.)
an diesem wundersamen Tage, wo die Gedanken unaufgefordert kommen und gehen, ihr Inneres plötzlich auf gegen das, was sie gethan. Gab sie durch das Wort, das ihr zu sprechen so schwer geworden war, der alten Frau nicht ein warmes, liebes Obdach und sich selbst die Möglichkeit, dem Bann, der auf ihr lag, zu entfliehen?
Entfliehen? Nimmermehr; den schleppte sie mit sich fort, der wich erst von ihr, wenn dieses hämmernde Herz nicht mehr schlug. Der Bann, der Zauberbann! Trieb er sie nicht wider ihren Willen in diesem Augenblicke etwas zu thun, was sie bisher streng vermieden! 5
Scheu sieht sie sich um. Das Feuer prasselt, der Kaffee kocht über, die Katze schnurrt behaglich im ledernen Polsterstuhl; es sieht sie Niemand.
Nun steht sie neben der Thür vor dem Schlüsselbrett. Die Hand streckt sich aus und zieht sich wieder zurück. Sie weiß, daß sie Unrecht thut, die kaum entschlummerten Geister der Vergangen⸗ heit wieder wachzurufen. Noch ein kurzes Zögern, dann liegt der Schlüssel in ihrer Hand und langsam steigt sie die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf.
Ein kurzes, heiseres Aufbellen, fast ein Geheul, schallt zu ihr herüber; es ist Sultan, der an der Kette den einsamen Hof bewacht.
Wieder zaudert sie an der verschlossenen Thür, sie ist seit Julians fluchtähnlicher Abreise nicht mehr geöffnet und scheu, wie an einer Todtenkammer, ist sie stets daran vorübergehuscht. Jetzt dreht sich der Schlüssel im Schloß, eisige Luft weht ihr entgegen und die Sonne, die das Schneegewölk noch einmal durchbrochen, liegt flammend auf den hohen Bogenfenstern.
Leise schleicht sie näher; ihr ist's, als erwecke sie durch jeden lauten Schritt ein Etwas, das doch auf ewig begraben worden ist. Alles ist hier so geblieben, wie er es damals bei seiner hastigen Abreise zurückgelassen, alles trägt noch Spuren des ehemaligen Be— wohntseins. Hier, das fühlt sie, ist sie mitten darin im alten Zauber.
Dort steht noch das kleine, silberne Schreibzeug, das sie am Tage seiner Ankunft ihm selbst dort hingestellt. Die Dinte ist eingetrocknet, aber der Federhalter liegt gewiß noch so, wie er ihn hingeworfen. Sie berührt ihn leise, und wie ein Feuerstrom rinnt es ihr durch die eisigen Fingerspitzen.
Dort am Boden das Papier, sie hebt es auf; es ist nur ein zerrissenes Briefcouvert, aber sie erkennt die Schriftzüge darauf, dieselben Schriftzüge, die ihr seine glühende Liebe hatten betheuern sollen und die die Pflicht ihr verboten, zu lesen.
Pflicht! Warum zeigt ihr der Schein der düster zur Rüste
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