Ausgabe 
14.8.1887
 
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sein In.

259.

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lebt.

ging vortrefflich.

Kastanien in den Salon. Ein Sonnenstrahl durchdrang die dichte Baumgruppe und fiel leuchtend auf zwei silberweiße Häupter und umgab sie mit einem Glorienschein. War es ein Traum? Ich sprang auf, rieb mir die Augen und starrte bald die grauen, wie

in Verklärung leuchtenden Augen an, bald in die dunkelblickenden,

die ich in Berlin nur umschleiert gekannt, und die nun jugendlich klar mit warmer Verehrung in das zart angehauchte Antlitz der Gräfin blickten. Der General führte langsam und innig ihre Hand an seine Lippen und drückte einen langen Kuß darauf, und sie saßen Hand in Hand und hatten sich so viel zu erzählen. Der Anblick war unbeschreiblich schön und doch so traurig. Wie deutlich stand es geschrieben auf diesen beiden lichtumstrahlten königlichen Häuptern: Behüt Dich Gott, es wär' zu schön gewesen, behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Genereux ließ mächtig die Glocke zum Diner ertönen und die Gräfin erhob sich langsam. Der General bot ihr den Arm und ste traten in den Salon. Nie im Leben habe ich ein junges Paar so ergreifend schön gefunden, wie jenes Silberpaar. Ich stand vor ihnen, bewundernd hingerissen und vergaß, sie zu begrüßen.

Der General blieb nur noch wenige Tage, und ehe er ging, überreichte er mir ein Regierungsreskript, in welchem meine Er nennung zum ordentlichen Lehrer und zum Religionslehrer am Gymnasium meiner Heimathstadt enthalten war.

Ist's möglich, Excellenz? rief ich, ganz verwirrt von einem so unbegreiflichen Glück,eine Anstellung, zu der sich nie meine kühnsten Wünsche wagten?

So haben wir uns gegenseitig unsere liebsten Wünsche erfüllt, mein lieber junger Freund, antwortete er und drückte mir die Hand.

Als er schied, sah sie ihm nach, wie er hochaufgerichtet, lang sam unter den blühenden Kastanien daher schritt. Ihr Gesicht wurde sehr bleich und Thränen verdunkelten die grauen Augen.

Seit einem halben Jahre war ich in Amt und Würden, Alles Ich lebte mit den Eltern und Geschwistern in einem Hause und Abends war es nicht unser kleinster Genuß, in der Zukunft der Geschwister zu leben. Es war der Neujahrsmorgen, mein Studirzimmer wurde nicht leer von glückwünschenden Gym⸗ nasiasten. Ich warf mehr wie einen Seitenblick auf ein Packet, das den Poststempel Pincy und die Handschrift des Pfarrers von Pincy trug, und sehnte mich danach, es endlich öffnen zu können. Ich riß den Umschlag ab und sah vor mir die Prachtausgabe von Lafontaine's Fabeln mit den herrlichen Illustrationen von Grandville. Von der Gräfin Hand geschrieben:A Monsieur Lieber, Affec- tucux souvenir d'Evote de St. Villefranc. Von ihrer nervös bewegten Hand, die ihre Schrift etwas undeutlich machte, stand weiter geschrieben:Le sort fait les parents, le choix fait les amis.

Mit dankbarer Rührung schaute ich auf dieseEtrennes und griff nach dem beiliegenden Briefe. Der Pfarrer von Piney schrieb: In der Frühe des Weihnachtsmorgens fand Geneéreux die Frau Gräfin bei verglimmender Lampe vor dem Schreibtisch in der Bibliothek, anscheinend schlafend. Ihr Kopf war auf den Schreib tisch gesunken, sie hielt die Feder noch in der herunterhängenden Hand. Vor der Frau Gräfin lag ein Blatt Papier, auf welchem das, was ich Ihnen hier wörtlich niederschreibe, von ihrer Hand aufgezeichnet stand:Es ist Mitternacht, die Glocken läuten Frieden, Frieden! Endlich ist Weihnachten auch für die alte Frau mit dem vereinsamten Herzen gekommen, sie ist kein langverhallender Mißton mehr im hehren Feste der Versöhnung, sie darf endlich einstimmen in den Jubel der Christnacht, sie hat Thränen, endlich Thränen gefunden! Freund meines Frühlings, Freund meiner Seele Hier hat der durch einen Herzschlag erfolgte Tod ihre Hand gelähmt, die letzten Worte sind kaum lesbar. Beifolgendes Buch lag neben ihr, und ich sende es hiermit an seine Adresse.

Seit jener Weihnacht sind vierundzwanzig Jahre vergangen. General von R hat Gräfin Dutillier kaum ein Jahr über⸗ In meiner dankbaren Erinnerung leben die beiden außer⸗ gewöhnlichen Menschen fort und fort.

Es ist auch stille um mich geworden; die Geschwister sind aus⸗ gezogen, sind glückliche Familienväter und Mütter geworden, und die Eltern sind hochbetagt in meinen Armen gestorben. In dem beglückenden Bestreben, das mir verliehene bescheidene Talent denen zukommen zu lassen, unter die der Herr mich gesetzt hat, läuten die Glocken auch meinem Alter Frieden, Frieden!.

Inge Baulsen. Von Eva Treu.

Meine Inge ist das klügste Kind in der Schule, sagte Frau Juliane Paulsen, von ihren Freundinnen und Gevatterinnen zu ihrem nie versiegenden Verdruß schlankweg Jule genannt. Sie wohnte in einem der kümmerlichen Häuser, die dicht an dem so genannten Hafen des kleinen Seeortes standen und betrieb einen durchaus nicht sehr schwunghaften Handel mit gekochten Krabben, lebenden und geräucherten Fischen und ähnlichen Dingen.

Nicht, daß Frau Juliane Paulsen wie Andere mit ihren Waaren hausirend von Haus zu Haus gegangen wäre, Gott behüte, das hätte sich für sie durchaus nicht geschickt. Denn sie hatte früher sozusagen eine Stellung in der Welt eingenommen und in ihrem Kreise eine Rolle gespielt. Ihr Mann war Untersteuermann auf einem zwischen China und Hamburg fahrenden Schiff gewesen, und ein stattlicher, schmucker Mann war er, das mußte man ihm lassen, aber auf der zweiten Reise, welche er nach seiner Hochzeit machte, geschah derIngeborg, mit welcher Jens Paulsen fuhr, ein Un⸗ glück. Sie ging unter fast mit Mann und Maus, und in die Heimath zurück gelangten nur die bekümmernden Nachrichten von diesem traurigen Unfall, gerade an dem Tage, wo der Prediger das kleine braunäugige Geschöpf taufte, welches der ferne Vater noch nie erblickt hatte und auch nie sehen sollte, weil die bösen Wasser des Weltmeers über seinem bleichen Antlitz rauschten.

Ingeborg hatten sie das winzig kleine Ding bereits getauft, als die Unglücksbotschaft eintraf, nach dem Schiff, das des Vaters Leben zum Verderben geworden war.Inge sagte die Mutter für gewöhnlich schlechtweg, aber wenn es galt, besonders würdevoll aufzutreten, so vergaß sie es nie, dem Namen seinen voll austönenden Klang zu geben, wie sie sich denn auch für sich selbst mit dem land läufigenJule nicht mehr begnügen wollte, das ihr bis dahin vollauf genügt hatte. Denn wunderlich genug, die Frau, die früher schlecht und recht hingelebt hatte, wie andere auch, bekam nach ihrem Unglück, in ihrer ganzen Art aufzutreten, etwas Hochtrabendes. Viel⸗ leicht hatte sie gerade jetzt doppelt das Bedürfniß, hervorzuheben, daß sie mehr wäre, wie eine Matrosenfrau, denn sie war von nun an auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, wenn sie leben wollte, und was das saubere kleine Haus früher etwa an Luxusgegenständen mochte enthalten haben, das wanderte nach und nach unter den Hammer des Auktionators, der es gelegentlich, wenn er andere größere Verkäufe zu leiten hatte, mit fortgab.

Sauber war das Häuschen auch fernerhin gehalten, blank und rein, wie aus dem Ei geschält, anders hätte Frau Juliane es nicht gethan, und auf dem Flur, gegenüber der Hausthür, prangte noch

heute das Modell zurIngeborg, ganz aufgetakelt und schön lackirt, wie es Jens Paulsen vor Jahren aufgestellt hatte, als er mit seiner jungen Frau hier einzog. Und daß das ganze Haus nach Fischen roch, wäre auch weiter keine Schande gewesen, denn man gewöhnte sich daran, wenn nur das Geschäft ein Bischen besser ge gangen wäre. Aber mochte nun der Frau der richtige Erwerbsgeist fehlen, mochte es am ersten Einlagekapital gemangelt haben, genug, sie gewann immer nur gerade soviel, um auf eigenen Füßen stehen bleiben zu können, trotzdem sie rührig genug war.

Nein, ein wenig mehr verdiente sie dennoch: genug nämlich, um das niedliche kleine Geschöpf, das neben ihr spielte, auf ihre Weise auf das zierlichste herausputzen zu können.

So ein Kind gab es garnicht mehr. Bürgermeisters Kleine, die eben so alt war und manchmal im buntbebänderten, gestickten Kleidchen vorübergeführt wurde, was war die gegen ihre Inge! So krause, blonde Haare und lachende, braune Augen hatte Jens auch gehabt, aber das behende, flinke Figürchen, die wunderkleinen Füße, den lieblichen Mund, all' das hatte das Kind ganz für sich allein. Solch ein kluges Kind konnte man außerdem nirgends sehen. Was die schwatzen konnte mit vier Jahren, was die für Fragen that, über die sich die klügsten Menschen hätten wundern können, davon konnte die Mutter den Nachbarinnen nicht genug erzählen. Und sie schleppte das hübsche kleine Geschöpf mit sich umher den lieben, langen Tag und ließ sich's nicht verdrießen, wenn es sie bei der Arbeit störte. Sie strich ihm das Brod doppelt, erst mit Butter und dann mit Syrup, wenn es auch für sie selbst zufällig gerade nur zu einem trockenen Knust reichte, und sie hielt es nicht für