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Verschwendung, bunte Seidenbänder durch die feinen, blonden, krausen Härchen zu flechten, die sich so widerspenstig um das holdselige, rosige Gesicht ringelten, und den kleinen Hals mit bunten Glasperlen zu schmücken.
Klein Inge konnte kaum mit dem Gesichtchen über den Tisch gucken, da kletterte sie schon auf den Stuhl und lachte sich selbst im Spiegel an. Und sie konnte noch nicht die ersten Buchstaben in der Fibel lesen, da wußte sie schon ganz genau, daß sie hübsch wäre. Ja, sie hatte noch nicht das Einmaleins sicher im Kopf, da hatte sie schon einen treuen Verehrer gefunden, der ihr nicht nur alle besonders schönen Muscheln und alle gefundenen Vogeleier pünktlich ablieferte, sondern auch alles Andere, wonach ihr eben die Laune stand, unweigerlich erfüllte, sobald es in seiner kindischen Macht lag.
Er war ein Seemannskind, wie sie, nur hatte ihm das Schick— sal noch ein wenig ärger mitgespielt, als ihr, denn Peter Ohlsen hatte beide Eltern verloren, und ihm war nur eine alte, halb blinde und halb taube Großmutter geblieben. Uebrigens hinderte ihn das keineswegs, der lustigste und tollkühnste Junge am ganzen Hafen und der Anstifter einer Unzahl von dummen Streichen zu sein. Es war daher kein geringer Ruhm für die kleine Inge Paulsen, daß der um ein paar Jahre ältere Junge ihr ganz erklärter Freund und Gönner, oder vielmehr Sklave war, um welchen sie von den übrigen Mädchen— auch weit größeren— lebhaft beneidet wurde. Ueber⸗ haupt vertrug sie sich mit den Knaben besser, wie mit den Mädchen.
„Meine Inge,“ sagte ein wenig später Frau Juliane mit Stolz, „sitzt in der Schule oben auf der ersten Bank, über Bürgermeisters ihrer, die drei Monate älter ist. Und ich weiß wirklich nicht, ob ich sie nicht auch französisch lernen lasse, bei so guten Gaben.“
Aus dem französischen Unterricht wurde nun freilich zum Glück nichts, aber im Uebrigen hatte die entzückte Mutter auch diesmal nicht so ganz unrecht. Das Kind, die Inge, war wirklich ein pfiffiges kleines Ding, das sich mit seinem holdseligen Gesicht und silbernen Lachen gradeswegs in die Herzen der Lehrer stahl.
Ja, wie konnte sie lachen! Alles lachte mit; der feine kleine Kopf, der sich so übermüthig in den Nacken warf, die braunen Augen, aus denen der Schalk blitzte, all die niedlichen Grübchen in Kinn und Wangen, und sogar die goldenen Härchen im Nacken, die von der Bewegung des Kopfes bebten. Wer es hörte und sah, lachte auch, und hätte sie ihm selbst vorher irgend ein Leid angethan.
Vielleicht wär's aber noch schöner gewesen, wenn Ingeborg nicht so ganz genau gewußt hätte, daß ihre Augen groß und ihre Füße klein, daß krauses, goldenes Haar hübsch und ein zierliches Figürchen keineswegs häßlich wäre. Sie dachte natürlich nicht immer daran, aber sie vergaß es doch auch eigentlich nur dann ganz, wenn sie mit Peter Ohlsen weit draußen am Wasser entlang lief, um Möveneier zu suchen, oder wenn sie ganz allein irgendwo saß, wo Niemand sie sah und mit ihrer lieblichen kleinen Stimme Lieder über das Meer hinsang. Unendlich viele Lieder wußte sie. Sie blieben ihr im Gedächtniß haften, sie wußte selbst nicht wie, und Töne und Worte, die sie vergaß, ersetzte sie unbewußt selbst. Nie war sie lieb— licher als in solchen Augenblicken, aber dann wußte sie eben selbst nicht darum.
„Meine Inge muß tanzen lernen, das gehört zur Bildung,“ sagte Frau Juliane. Hatte doch das Kind, als es kaum gehen konnte, zierlich sein Röckchen gefaßt und sich im Takte gedreht, wenn eine Drehorgel einen Tanz aufspielte.
„Sie ist rein vernarrt in das Ding,“ sagten die Nachbarinnen, denen es nicht geglückt war, ihre Männer zu einer gleichen Ausgabe zu bewegen.
Und als im nächsten Sommer der alte Tanzmeister, Herr Piek, der alljährlich einen Kursus für Knaben und Mädchen eröffnete und für sehr comme il faut galt, wieder in das Städtchen kam, da zog Frau Juliane ihre baumwollenen Handschuhe an und meldete Inge als Schülerin an.
Kleine Schuhe mit Lackspitzen mußte sie haben und ein neues Kleid mit einer Tunika, wie es die Kinder aus guten Häusern trugen, und feine Strümpfe, wie Frau Juliane sie selbst in ihrer besten Zeit nicht getragen hatte. So gehörte es sich, wenn man tanzen lernte. Und an den Mittwochnachmittagen, an denen der Unterricht statt- fand, setzte die Wittwe jedesmal ihren neuen Hut auf, den Jens ihr noch geschenkt hatte, band das Umschlagetuch über das Sonntags- kleid und saß in der Seitenloge des kleinen Tanzlokals, um zuzusehen.
Das waren wahrhaft genußreiche Stunden für sie. mit Respekt und Ehrfurcht, den dicken Herrn Piek den Unterricht leiten und je zuweilen mit einer für seine Körperfülle erstaunlichen Grazie die Pas vortanzen zu sehen. Er fiedelte dabei oder sang, wie es eben paßte.
Ingeborg flog wie ein Vögelchen unter den Anderen umher, so leicht und mühelos, so zierlich und anmuthig, daß sie in kürzester Frist Herrn Piek's erkorener Liebling war und als glänzendes Beispiel schneller Fassungskraft den großen, ungelenken Mädchen hingestellt wurde, die immer den linken Fuß einwärts setzten, die Schultern empor zogen, den Kopf schief hielten, oder den Tänzern schwer wie Blei in den Armen hingen.
Und das war eben der Hauptgrund, weshalb Frau Jaliane nie einen Mittwochnachmittag versäumte, obgleich das Geschäft eben keinen Vortheil davon hatte.
Peter Ohlsen besuchte diese Tanzstunden natürlich nie. Selbst wenn seine Großmutter das Geld dafür hätte hergeben wollen oder können, wozu hätte er tanzen lernen sollen? Er hatte, so lange er zurückdenken konnte, Schiffer werden wollen, wie sein Vater ge⸗ wesen war. Zudem war er Palmarum eingesegnet und sollte nächstens als Schiffsjunge fortgehen. Er war ein hübscher, treuherziger, kräftiger
Junge geworden mit lustigen, ehrlichen Augen und geschmeidigen
Gliedern, und die Freundschaft mit Inge war sogar durch die Tanz— schule nicht in's Wanken gekommen, obgleich das krause, blonde Köpfchen noch ein wenig selbstbewußter geworden war, als vorher. Der große, fröhliche Junge war dem halbwüchsigen Ding doch viel
lieber, als alle, die in Herrn Piek's Kursus mit ihr tanzten und die ihre Quartaner- und Tertianermützen auf der Straße so tief
vor ihr zogen, als wenn sie eine Dame, oder doch wenigstens ein Honoratioren-Backfisch wäre. „Meine Inge muß zum Abtanzball ein weißes Kleid haben,“
überlegte Frau Jule, als der Schlußball vor der Thür stand,„ein
weißes Mullkleid und Handschuhe, dies haben sie alle, und zurück— stehen soll meine Inge nicht.“
noch eine seidene Schärpe hinzuzufügen, als es an ihre Thür klopfte.
Sie öffnete, und vor ihr stand Herr Piek, so verbindlich lächelnd, so höflich und freundlich, als wäre es ganz unmöglich, daß er jemals
beim Kommandiren der Francaise sänge:„Ein, zwei, drei— Du Esel! Ein, zwei, drei— Du Schafskopf!“ während der Fiedelbogen
die Füße der Schuldigen in nicht immer zärtlicher Weise berührte.
Er war nur gekommen einer Bitte, einer ganz kleinen Bitte wegen. die fähigsten Schüler kleine Kostümtänze aufführen zu lassen. Die Eltern hatten nie etwas dagegen einzuwenden, im Gegentheil, es war ein Vorzug, um den eifrig nachgesucht wurde, so daß er sich zuweilen genöthigt sah, um der guten Kundschaft willen, auch un⸗ geschicktere Kinder heranzuziehen.
Frau Jule horchte auf. Ja, sie hatte dergleichen schon gesehen, sie wußte, daß Bürgermeisters Jüngste und die Zwillinge vom reichen Möller, der die große Schnittwaarenhandlung am Markt hatte, mit dabei sein würden. Inge hatte schon mit kleinen, sehnsüchtigen Seufzern davon erzählt, und in ihr selbst waren bereits ehrgeizige Wünsche erwacht, die nur gedämpft wurden durch die Ueberlegung, daß zu einem Kostümtanz auch Kostüme zu gehören pflegen.
Es wäre nicht so schlimm damit, meinte Herr Piek, ein kurzes, rothes Röckchen mit Goldborten, ein schwarzes Sammetmieder mit Flittern benäht, ein Hütchen mit Blumen und Bändern, das wäre ja auch nicht alle Welt.
„Gott bewahre, wie sollte es wohl, Herr Piek,“ sagte Jule Paulsen abwehrend.„Dazu kann ja wohl mit Gottes Hülfe noch Rath werden.“ Und sie überlegte schnell, daß sie sich diesen Winter wohl noch ohne das neue Kleid behelfen könnte, welches sie eigent⸗ lich schon vor einem Jahre hatte anschaffen wollen und dessen An: kauf immer wieder anderer Ausgaben wegen hinausgeschoben wurde. Das sollten die Leute nicht sagen, nein, das sollten sie nicht sagen, daß Jule Paulsens Inge nicht mittanzen könnte, weil sie nichts anzuziehen hätte.
Freudestrahlend stand sie vor der Hausthür und wartete, daß das Kind heimkommen sollte. wurde, kam Inge langsam und nachdenklich dahergeschlendert. Eben hatte Peter Ohlsen von ihr Abschied genommen. Morgen, ehe die
Sonne aufging, reiste er ab. Sein Schiff lag in Hamburg und 1
Es erfüllte sie
Und sie überzählte den nicht allzu reichen Kassenbestand, ob er ihr wohl gestatten würde, dem Ballstaat
Er hatte die Gewohnheit, beim jedesmaligen Schlußball
Endlich, als es schon dämmerig


