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Beschuldigungen in Betreff meiner und des Vicomte hat,— ehe der Abend kommt muß das Haus geräumt sein, das Bedientenvolk wird ausgetrieben, ob schuldig oder nicht schuldig, ein Schuldiger ist darunter. Hier, nehmen Sie Geld, zahlen Sie die Leute aus, sogleich,— daß Keiner mehr morgen hier sichtbar sei,— meine Kammerfrau bleibt, selbstverständlich.“—
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen, sondern bewegte un⸗ geduldig die Hand und ging mit kurzen Schritten, vernehmlich auf⸗ tretend, in dem kleinen Raum auf und ab und stieß abgebrochene Worte zwischen den kleinen Zähnen hervor:„Die neuen Bedienten sollen ihren Herrn fühlen,“ sagte und stand vor mir stille. Sie nahm plötzlich meinen Arm mit beiden Händen und drückte ihn heftig:„Ich bin um meinen Frühling betrogen worden,— wissen Sie, was es heißt, mit jedem Blutstropfen nach dem Glück verlangen und unter eisernen Fesseln zu schmachten? Die besten Jahre sind versäumt, aber es ist noch nicht zu spät; ich werde in wenigen Tagen die Frau des Mannes sein, den ich abgöttisch liebe. Ich bin frei, bin unabhängig und werde geliebt. Helfen Sie mir, Alles aus dem Wege zu räumen, was dem spät gefundenen Glück eine trübe Wolke zuführen könnte.“—
„Wohin soll ich mit Guy gehen?“ unterbrach ich die leiden- schaftlich erregte Frau.
„Zu seinem Vormund, zu meiner Mutter, wohin Sie wollen,“ warf sie zerstreut hin. Da meldete ein Diener den Vicomte d'Avricourt und dieser folgte auf dem Fuße. Ehe ich mich aus dem Boudoir winden konnte, sah ich, wie die Marquise stürmisch die beiden Arme um des Vicomte Hals warf und ihm voll und glückselig ins Gesicht sah.
Es gab in dem Schlosse eine Art von Revolution, als Henri geisterbleich aus dem Boudoir der Marquise gekommen war und der Dienerschaft verkündet hatte, sie seien sämmtlich vor Abend ent— lassen. Ich saß im Arbeitskabinet der Marquise, an ihrem Schreib- tisch und wußte nicht, wo mir der Kopf stand. Die armen Menschen kamen erschreckt, verschüchtert herein und vermochten so wenig ihr Guthaben auszurechnen, wie ich selbst.
Als ich niedergedrückt und verwirrt endlich hinauf zu Guy ging, fand ich ihn mit Einpacken beschäftigt.„Wir gehen einstweilen zu meinem Vormund,“ sagte er zu mir,„er soll über meine nächste Zukunft beschließen, denn er ist der Bruder meines Vaters. Der Reitknecht und Henri gehen in meine Dienste über, Henri kehrt später wieder mit mir ins Schloß von Kerval zurück, er hat meinen armen Vater so sehr geliebt.“— Guy war bleich und sehr nieder— geschlagen, und als alle Dienstboten, männliche wie weibliche, in den Salon kamen, ihm schluchzend die Hand zum Abschied zu reichen, da liefen auch ihm die Thränen die Wangen herunter. Es war unheimlich stille im Schlosse geworden, wir saßen schweigend uns gegenüber im Salon, Henri und der Reitknecht schleppten die Koffer durch die verödeten Gänge und luden sie auf einen Wagen, dann regte sich nichts mehr. Ich tastete mich durch die dunkeln Korridore nach der Frau Marquise Boudoir, um Abschied von ihr zu nehmen.
In dem Vorzimmer saß bei einem trüben Licht ihre Kammer— frau, sie erhob sich rasch bei meiner Annäherung und rieb sich die
Augen. In dem Boudoir hörte ich des Vicomte und der Marquise Stimmen.„Die Frau Marquise lassen dem Herrn Precepteur
gute Reise wünschen, sie sind eben im Augenblick verhindert Sie noch einmal zu sehen,“ beschied mich die Kammerfrau kurz. Die Thüre nach dem Perron stand weit offen. Der Reisewagen hielt und die Laternen am Wagen erleuchteten spärlich die große Freitreppe. a„Der Herr Marquis schläft,“ flüsterte mir Henri zu;„ich habe ihm gemeldet, daß der Wagen ihn erwartet, er scheint mich aber nicht gehört zu haben.“
Ich ging in den Salon; Guy saß, die Ellbogen auf den Knieen und das Gesicht in die Hände gestützt.„Guy, es ist Alles bereit, kommen Sie,“ sagte ich, indem ich meine Hand auf seine Schulter legte. Ein gewaltsames Schluchzen hob seine Brust, er stand rasch auf und stürzte in den Wagen, ohne sich noch einmal umzusehen.
In der Frühe langten wir bei dem bescheidenen Besitzthum des Herrn Jean de Boisville an. Er war ein ernster gediegener Mann, strikte Ordnung und Sparsamkeit herrschten in dem kinderreichen Hause. Guy war wie gebrochen, sein Vormund behandelte ihn mit großer Güte. Nach acht Tagen war Guy entschlossen, im Hause seines Onkels zu bleiben und sich am Unterricht seiner Vettern zu betheiligen. Die jungen Leute hatten ihren Hauslehrer; ich merkte,
daß ich nur der Gast des Herrn Jean de Boisville war, mein Jahr. aber lief erst im Oktober ab. Die Situation wurde mir peinlich in dem Hause, wo Alles arbeitete, und ich wußte nicht, ob ich eine Entscheidung von der Marquise abzuwarten hatte, oder ob es an. mir war, mit Guy's Vormund darüber zu sprechen. Da kam mir eine Einladung von einer Seite, von der ich sie gewiß nicht er. wartete, und die mich innigst rührte. g
„Monsieur,“ lautete das Schreiben der Gräfin Dutillier.„Die Situation in Kerval hat sich verändert. Hat meine Tochter recht, hat sie unrecht, zu einer zweiten Ehe zu schreiten? Mich hat sie nicht zu Rathe darüber gezogen, ich hätte ihr freilich nur mit den Worten des bon hommeè Lafontaine geantwortet:„J'ai vu beau— coup d'hymens, aucuns d'eux ne me tentent.“ Man mag über diesen Punkt denken, wie man will, ohne Zweifel ist es eine gewagte Sache, einen weit jüngeren Mann zu heirathen. Doch das war es nicht, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte! Ich kenne Guy's Vorhaben, kenne Herrn Jean de Boisville und sein Haus und möchte darum wetten, daß Vieles zu Ihrem Behagen fehlt. Mein kleines Heim hat eben seinen besten Moment, ich möchte den Ein. druck vom Winter her bei Ihnen verwischt sehen, und ich bin sicher, ö daß der Sommer in der Champagne dies zu Stande bringt. Ich erwarte Sie, mein Herr, je eher desto lieber.“
Auf dieses Schreiben gab es keine andere Antwort, als:„Herz lichen Dank, ich komme in diesen Tagen,“ und um der Gräfin Freude zu machen und ihr den Beweis zu geben, wie ernstlich ich mich mit Lafontaine beschäftigte, fügte ich hinzu:
„Je trouve de la sorte mon compte, Et ferai très-sagement de changer de logis.“ 1
Der Abschied von Guy wurde mir nicht schwer; er seinerseits fühlte sich, wie ich ihn kannte, erleichtert, einen Zeugen los zu werden, der um eine Scene zwischen Mutter und Sohn wußte, die weder vortheilhaft für die Eine noch für den Andern war.— Ich hatte keine Ursache, fröhlich und guter Dinge zu sein, denn ich wünschte, noch einige Jahre, bis zu meiner Anstellung zu Hause, in Frankreich zu bleiben, und sah gar keine Aussicht dazu. Gräfin Dutillier, die seit langen Jahren der großen Welt den Rücken gekehrt, war die wenigst geeignete Person, um meinen Wünschen Rechnung zu tragen. Trotzdem fuhr ich mit einem Gefühl der Er ⸗ leichterung, ja einer fröhlichen Sorglosigkeit in die sommerliche Welt hinein, kein banger Gedanke an das zentnerschwere„Was nun?“ streifte mir die Oberfläche meiner in einer Feststimmung schwimmenden Seele. Je näher ich Piney kam, desto mehr hob dieses Hochgefühl meine Brust. Wie lieblich lag das Städtchen von den grünen Weinbergen umgeben! Der Gräfin weiß angestrichenes Haus war kaum sichtbar zwischen den hohen Kastanienbäumen, die es umgaben und deren weiße, emporstrebende Blüthen mir aus der Ferne zu-“ leuchteten, wie soviel Wachskerzen, die, an dem Weihnachtsbaum N prangend, ein hohes herrliches Fest verkünden. Es lag eine feierliche Stille um das einsame Haus. In dem Korridor prangten mächtige Blumensträuße und zwischen ihnen lachte mich das breite Gesicht Genereur's an. Das war nicht mehr der gedrückte Küchenjunge, der täglich unter der Herrschaft der diktatorischen Köchin mehr ein⸗ zuschrumpfen schien, das war ein ganz lustiger Gnom geworden, der freudestrahlend mir in den Weg sprang. Er empfing mich höͤchst kordial, reichte mir seine kurze breite Patschhand und sagte:“ „Die Frau Gräfin hat mich schon gestern Abend an den Zug geschickt, den Herrn Precepteur abzuholen.“ 6
„Bist Du avancirt, Genereur?“ fragt, ich lächelnd den kleinen Mann.
„Ich bin Bedienter und stehe nun direkt unter dem Befehl der Frau Gräfin,“ antwortete er und warf sich gar komisch in die Brust. Ich errieth seine Absicht, als er geschäftig vor mir her lief.
„Melde mich nicht der Frau Gräfin, Genereux“, sagte ich und griff, ihn zurückhaltend, nach seinem Kopf.„Ich werde im Salon auf sie warten, es ist eben fünf Uhr, um sechs ist ja das Diner, wir werden uns dann schon begegnen.“ 0
Er war damit einverstanden. Ich trat in den kühlen Salon ein, die Jalousien waren gegen die Nachmittagssonne geschlossen; ich ließ mich, erschöpft von der Fahrt in der heißen Mittagssonne, in dem Dämmerlichte in einer behaglichen Ecke nieder und schloß die Augen. Es tönten wie aus weiter Ferne flüsternde Stimmen in meinen Halbtraum. Durch die weiten Flügelthüren, die nach dem Garten hin geöffnet waren, drang der Duft der blühenden


