Ausgabe 
14.8.1887
 
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zu den

Ouherhessischen Muchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Zuhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werben.

Gießen, den 14. August.

Ein Jichtenbaum steht einsam. Novelle von M. Elton. (Schluß.)

Es war ein trauriger langweisiger Aufenthalt auf dem hoch gelegenen Schlosse an der Küste der Bretagne. Die eisige Kälte in den weiten Räumen, der Sturm, der Tag und Nacht mit un 7 heimlichen Stimmen mein Schlafzimmer umheulte, das Wüthen und Brüllen der Fluth in den Nächten des Monats März, das mich M, aus dem Schlaf aufschreckte, Alles dies zusammen hat mir ein 1 geheimes Grauen vor dem Meere eingepflanzt, das ich nie mehr ganz zu besiegen im Stande gewesen bin. Guy hatte sich in vor⸗ nehme Schweigsamkeit gehüllt; er bereute wahrscheinlich die wenigen Aeußerungen, die er betreffs der Heirath seiner Mutter mir gegen⸗ über gethan. Es war mir auch lieber so, denn somit fiel die diplomatische Mission, mit der mich die Marquise beauftragt, von selbst hinweg. Der junge Marquis aber trat in dem Schlosse von Kerval als unumschränkter Gebieter auf und äußerte nachdrücklich, sowohl gegen den Pfarrer wie gegen den Maire, daß er versuchen werde, sich mit achtzehn Jahren emanzipiren zu lassen; sollte dies ihm aber vereitelt werden, so werde er seine Mündigkeit abwarten und in drei Jahren von seinem Recht Gebrauch machen und den Besitz von Kerval antreten. Die beiden alten Männer hörten ihm verlegen zu, und er hob den Kopf nur noch höher. Der Code Napoléon mußte ihn über Vieles belehrt haben, er studirte ihn fleißig und nach Guy's triumphirendem Gesicht zu urtheilen, mußte der Stiefvater arg zu Kreuz vor dem Stiefsohn kriechen. Einmal nur äußerte er sich gegen mich folgender Maßen:Sollte die Frau Marquise mit Ihnen über einen Entschluß, an dessen Ausführung ich nicht mehr zweifle, sprechen, so machen Sie sie doch darauf auf⸗ merksam, wie sehr es in ihrem Interesse liegt, mir meine gute Laune nicht zu verderben. Sie hat laut Ehekontrakt Ansprüche auf die Hälfte des Vermögens, gut; Kerval aber mit seinem weiten Güter⸗ komplex ist mein. Die Frau Marquise wird obdachlos sein, car ce pauvre petit d' Avricourt ist arm wie eine Kirchenmaus. Mein lieber Guy, es will mir scheinen, als würde dies die geringste Sorge der Frau Marquise sein, sich ein Obdach zu ver⸗ schaffen, antwortete ich ihm.Große Schlösser mit anspruchsvollen Gärten und Parkanlagen erfordern ungeheure Summen, und Ihre Mama wird sich nicht darüber kränken, einer Last enthoben zu sein. Uebrigens seien Sie vernünftig, mäßigen Sie Ihr Herrschergefühl, und in Anbetracht der Sie erwartenden Vortheile bringen Sie % Ihrem Vormund und Ihrer Mama ein wenig guten Willen ent⸗ 11 gegen, das würde die Situation gar sehr erleichtern. Gewiß, mein weiser Herr Rathgeber, antwortete er mir mit vor Zorn geröthetem Gesicht,ich werde Herrn Vicomte d' Avricourt mit Thränen der Rührung umarmen und ihm schluchzend versichern: Glücklich, daß die Frau Marquise Ihre Schulden bezahlen darf; sollte es nicht reichen, so bin ich da, Ihr ergebenster Diener, Ihnen

die Summen zu Füßen zu legen, die Ihre Tänzerin an der großen Oper Sie jährlich kostet.

Guy! rief ich entrüstet aus,sind dies Verdächtigungen, die ein Mensch von Ihrem Alter kennen und wagen darf!

O, mein lieber Mentor! rief er laut lachend;ich weiß noch mehr, Dinge, von welchen Eure Schulweisheit sich nicht träumen läßt; aber ich behalte Alles für mich.

Ich blickte so verblüfft und rathlos ihm in's Gesicht, daß er anfing, wie ein Besessener zu lachen. 8

Es war endlich der Frühling gekommen, zwar nicht vor Ende Mai, aber er war doch endlich da. Erst im Juni erschien die Frau Marquise, schöner und jugendlicher wie je. Sie trug den Kopf hoch und begrüßte den Sohn fast herausfordernd, nichtsdesto⸗ weniger folgte er ihr, als sie sich in ihre Zimmer zurückzog. Ich war in den englischen Garten gegangen und kehrte nach einigen Minuten in das Schloß zurück, mir eine Zeitung zu holen. Da stürzte Guy bleich und entstellt an mir vorüber; als er an die Treppe im Korridor kam, tastete er mit unsichern Händen nach dem Geländer. Ich schritt rasch zu ihm und fing ihn in meinen Armen auf. Mit sterbendem Blick sah er mich an und sagte kaum ver⸗ ständlich:Es ist Alles aus zwischen ihr und mir, wir verlassen vor Nacht das Schloß. Ich begleitete ihn auf sein Zimmer, er ließ sich willenlos auf die Chaise longue legen und fing wie ein Verzweifelter an zu weinen. Ich ließ ihn allein, ich wußte, daß es ihm unangenehm war, einen Zeugen dieser Stunde zu haben. Der arme Junge mochte es wohl tief genug fühlen, wie ganz allein er auf der Welt stand, seine Sicherheit, sein Hochmuth hatten ihn im Stich gelassen; vielleicht hatte er auch diese Mutter, die mit ganzer Seele an den Genüssen des Daseins hing, mehr geliebt, wie ich vermuthete. Als ich über den Platz ging, der mich vom Schlosse in eine der Alleen führte, sah ich das bleiche Gesicht der Marquise an einem der Fenster ebener Erde. Sie hatte eine kaum merkliche Bewegung gemacht, aus der ich zu verstehen glaubte, daß sie mich zu sprechen wünsche. Ich erschrak, als ich in ihr Boudoir eintrat, so hinfällig sah die Frau aus. Sie winkte mir, mich niederzulassen, und als sie verschiedene starke Odeure angewendet und die feinen Nasenflügel nicht mehr so mühsam erzitterten, um ein wenig Luft einzulassen, und etwas Lebensfarbe in ihr Gesicht zurückgekehrt war, sprach sie mit Anstrengung:Das war eine Scene! Sorgen Sie, daß der Marquis noch heute das Schloß ver läßt, wir dürfen uns im Leben nicht wieder begegnen.

Meine beruhigenden Worte setzten die Marquise in eine maßlose Heftigkeit.Kein Wort der Entschuldigung für den Gamin, das, was er mir von Schmähungen ins Gesicht geworfen hat, trennt uns für immer. Ich will nicht untersuchen, woher er die infamen

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