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„Ich———1“ Sie stockte und war sehr aufgeregt, obwohl sie jedes Anzeichen davon zu unterdrücken suchte. Eine Weile gingen sie schweigend neben einander her. Onno von Hooglander fühlte mit großer Pein, daß Maria entschlossen war, das Opfer zu bringen, welches er gestern in der letzten Minute noch von sich gewiesen.
„Sie kann es, denn sie liebt nicht,“ dachte er, sich selbst damit beruhigend. Dennoch trieb es ihn, Gewißheit zu haben. Sie sollte
ch nicht stärker dünken als er; sie war es nicht und der Irrthum über sich selbst kostete sie vielleicht ihr ganzes Lebensglück.
„Man hat der Tante Lätitia erzählt, Du liebtest Lornow— er Dich,“ sagte er bestimmt.
Sie wandte das Gesicht ab nach der andern Seite und ant— wortete nicht.
„Maria— wenn es wäre?“
„Eine arme Frau würde Lornow's Karriere unmöglich machen, sich wie ein Bleigewicht an ihn hängen.“
Jedes Wort von ihr traf ihn wie ein Vorwurf, obwohl sein und Helo's Fall ganz anders lag.“
„Du mußt wissen, was Du thust.— Natürlich würde eine Liebesheirath für Lornow's Aussichten eine Thorheit sein, aber—
„Sprechen wir nicht mehr davon, Onno! Selbst wenn ich ihn mehr liebte, als Alles auf der Welt, die Rolle des Bleigewichts nähme ich nie auf mich.“
„Du machst mir meine Mission unerwartet leicht, Maria, und doch kann ich nicht glauben, daß Du von Totzenbachs Reichthum bestochen wärest?“ i
„Nein, nein; das ist es nicht, gewiß nicht!“
„Aber was kann es denn sein?“ fragte er sich im Stillen. Sollte es der romantische Opfermuth junger Mädchen sein, der sie bestimmte? f
„Maria, es ist leichter, auf einmal für seine Lieben sterben, als für sie unter beständigem Entbehren und Verzichten auf das wahre Herzensglück zu leben,“ warnte er abermals.
„Bei einem Opfer soll man nicht rechnen. Gieb Dich zufrieden mit meinem Entschluß, Onno. Du kannst ja nicht wissen, ob nicht für mich auch ein Heil in diesem Antrage liegt.“
Je länger sie redeten, um so entschlossener und fester klangen Maria's Antworten; in ihren Augen lag freilich etwas Fremdes, Hartes, was er nie bis jetzt darin gesehen, aber sonst verrieth nichts mehr in ihrem Wesen eine besondere Aufgeregtheit.
Onnsd erschien der Entschluß seiner Schwester nun doch erwünscht, daß er nicht weiter grübeln mochte. Sie gingen zuletzt schweigend neben einander, Beide in tiefe Gedanken verloren. So jung sie waren, so kannten sie genug vom Leben, um sich nicht Rechenschaft zu geben über die Tragweite ihrer Entschlüsse.
In die Stadt zurückgekehrt, begegnete ihnen an einer Straßen⸗ ecke Lornow. Onno erschrak und beobachtete dann aufmerksam. Der Legationsassessor sowohl wie Maria wurde roth. Er machte ihr eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung und wäre vorübergegangen, wenn nicht Onno ihn in halber Verlegenheit und halb gegen seinen eignen Willen angeredet hätte.
„Wo kommen Sie denn her, lieber Lornow?“ fragte er, ehe er selbst wußte, was er that.
„Ich komme von Totzenbach und bin eben im Begriff, ihm Urlaub auszuwirken, den er gar nicht erst erwartet hat. Seine Mutter liegt im Sterben, er ist schon abgereist.“
„Seine Mutter?“ Die Geschwister riefen es in gleichem Ton und sprachen ihre Theilnahme dann lebhaft aus.— Wie sehr diese Nachricht Beide berührte, schien Lornow ahnend zu fühlen.
„Ich stehe dem Baron sonst nicht eben nahe,“ sagte er schroffer als er sonst jemals sprach,„wir gingen zufällig mit einander, als sein Diener ihm mit dem Telegraphenboten nachkam. Ich habe ihm natürlich dann geholfen so gut ich konnte, daß er fort kam. Wie würde es ihn getröstet haben, Baronesse, zu wissen, welchen Antheil Sie an ihm nehmen,“ setzte er dann leiser und in eifer⸗ süchtigem Groll hinzu. Sie kam ihm heute so eigenthümlich ver⸗ ändert vor und es war ihm nicht entgangen, daß sie blaß geworden. Sie schwieg und blickte vor sich hin; daß irgend etwas sie heftig erregte, sah er ihr an, denn seine Augen verließen ihr Gesicht kaum und ihm gegenüber hielt ihre Selbstbeherrschung doch nicht ganz Stand.
Er war mit den Geschwistern umgekehrt, wie er das schon öfter gethan. Onno redete von gleichgültigen Dingen und offenbar nur, um zu sprechen; seine Schwester blieb stumm. Lornow fühlte bald
mit geheimem Aerger, daß Beide gegen ihn verändert waren und daß er überflüssig sei. Eben traten sie in die Gartenstraße, an welcher Fräulein von Goostädt's Haus lag, da sahen sie Totzenbach's Diener von einer andern Seite kommen, ein großes Bouquet, sorg⸗ sam mit Seidenpapier verhüllt, in der Hand.
Es konnte nicht zweifelhaft sein, daß er dem Hause der alten Dame zustrebte.
Ein glühendes Roth übergoß Maria's Gesicht. Sie wußte so⸗ fort, daß dies Bouquet für sie bestimmt sei, sicherlich bestellt, ehe jenes Telegramm anlangte.
War sie erschrocken, weil Lornow Zeuge dieser an und für sich wenig bedeutenden und heute ihr so gewichtig scheinenden Huldigung Totzenbachs wurde?
Er sah sie fest an und ihm entging nicht ihr scheuer, aus— weichender Blick.
Ein eisiger Schrecken durchfuhr ihn; er hatte nie im Ernst an eine Heirath mit ihr, aber auch nie an den Sieg Totzenbachs gedacht. Er hatte sich Maria's so sicher gefühlt, welcher Thor war er gewesen!
Eine halbe Minute genügte, Lornow dies Alles sehen und denken zu lassen, aber auch ebenso Maria in einen wahren Wirbel von sich kreuzenden Gedanken zu stürzen, von denen einer immer noch schrecklicher war als der andere.
Und nun stand er plötzlich still, um sich zu empfehlen.
Onno beobachtete, ohne sich den Anschein zu geben, genau und sah, nicht ohne Mitleid, daß Lornow tiefer getroffen wurde, als er zugeben wollte. Dennoch schien es ihm das Beste, hier sofort, auch wenn er Lornow noch mehr verwundete, demselben Wahrheit zu geben. So sagte er also:„Ich glaube, Maria, jene Blumen gehen an Deine Adresse; auch hat der Mann einen Brief in der Hand.“
„Da will ich also nicht stören,“ empfahl sich Lornow.
Er nahm sich nicht die Zeit mehr, auf Maria's Mienen zu achten; mit festen, eiligen Schritten schritt er der Stadt wieder zu.
Sein stolzer, trotziger Blick hatte Maria einen Moment zu Boden geschmettert, im nächsten Augenblick schrie ihr Herz:„Warum läßt er sich am Schein genügen? Warum schweigt er, wenn er mich liebt? Aber sicher, ich würde ja seinen freien Flug hemmen, er ist klug und bedenkt das.“ Und— so widerspruchsvoll war dies Herz — auch ihr Trotz wurde wach; sie zürnte ihm, daß er nicht einen Blick für sie, nicht eine Frage, eine wenn auch unwillkürliche Bitte in seinen Augen gehabt. Ohne Weiteres nahm er sein Schicksal hin, es schien mehr seine Eitelkeit zu kränken, als sein Herz zu verwunden; ach, sie sah es jetzt, er hatte nie ernstlich an sie gedacht.
Gefolgt von Totzenbachs Diener, der sich in respektvoller Ent⸗ fernung hinter ihnen gehalten hatte, traten sie in das Haus.
Dort nahm Onno demselben das Bouquet ab; es war in der That an Maria und ebenso der Brief, der indeß nur die flüchtig auf eine Karte geworfenen Worte enthielt:
„In dem Augenblick, da ich an das Sterbebett meiner theuren Mutter eile, darf ich Sie, gnädige Baronesse, nur demüthig bitten, meiner gütig und mit Theilnahme zu gedenken.“
Das Bouquet trug auf dem Sammet der dunkelsten Anemonen in den schönsten Rosen Maria's Monogramm und als äußerer Rand schlang sich um dasselbe zierlichstes Farrenkraut; die Totzen⸗ bachs trugen es im Wappen.
Daß Totzenbach das Bouquet für Maria in Lätitia's Haus sandte, war ein neues vielsagendes Zeichen; Onno, wie sie, ver⸗ standen es gut genug. Ersterer fragte den Diener noch Einiges über seines Herrn plötzliche Abreise;— der Mann wußte wenig, er hatte nur Befehl, mit den Koffern heute Abend nachzukommen.
Schweigend war Maria die Treppe hinangestiegen; die Blumen in ihrer Hand schienen ihr centnerschwer, noch schwerer ihr Herz und doch war sie fest entschlossen, Totzenbach's Werbung anzu⸗ nehmen.
Lätitia von Goostädt blickte ihr mit einer förmlichen Bangig⸗ keit entgegen.
„Was sollen die Blumen?“ rief sie Maria schon an der Thür zu, in der Angst, daß dieselben von Lornow kämen.
„Baron Totzenbach schickt sie mir!“ sagte diese leise. In⸗ zwischen trat aber schon Onno hinter ihr ein und sagte mit einer Hast, als wolle er jede Möglichkeit einer Abänderung von Maria's Entschlüssen verhindern:
„Maria nimmt Totzenbach s Werbung an, Tante Lätitia, in⸗ zwischen ist er aber zu seiner sterbenden Mutter gerufen.“


